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Ulrich Spengler: Schnelle Tests für neue Seuchen

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Ulrich Spengler entwickelt molekulare Nachweisverfahren für Infektionserreger. Astra Diagnostics ist bereits seine zweite Biotech-Firma in Hamburg. Quelle: Life Science Nord

04.05.2010  - 

Akute gesundheitliche Krisen sind bei Ulrich Spengler fest eingeplant. Sobald sich wieder eine neue Seuche auf der Welt Bahn bricht, sind er und die Mitarbeiter seiner jüngsten Biotech-Firma Astra Diagnostics hellwach.  Dann gilt es möglichst vorne mit dabei zu sein, um rasch ein PCR-Nachweisverfahren für den Erreger zu entwickeln und zu vermarkten. Mit dem selben Geschäftsmodell war Spengler bereits mit seinem ersten Unternehmen, der Artus GmbH, erfolgreich. Die Firma wurde 2005 vom Biotech-Riesen Qiagen übernommen. Bei Astra will Spengler wieder mit einem kleinen Team von Hamburg aus schnelle Tests für neue Krankheitserreger entwickeln.

Erst im vergangenen Jahr hat das Geschäft mit der Virenjagd wieder funktioniert: Da spülten die Schweinegrippe-Welle und der hohe Test-Bedarf einen veritablen Betrag in die Kasse der Firma in Hamburg-Altona. „H1N1 hat uns im letzten Jahr massiv geholfen, um am Markt anzukommen“, sagt Ulrich Spengler. Der gebürtige Cuxhavener gründete mit Astra 2007 bereits seine zweite Diagnostik-Firma in Hamburg. Gleich ums Eck sitzt Qiagen Hamburg, vormals Artus GmbH, Spenglers erste erfolgreiche Firmengründung.

BSE brachte den Durchbruch

Der unternehmerische Erfolg fast über Nacht, quasi mit dem Auftritt eines neuen Erregers, hat den 42-jährigen Mediziner in seiner Karriere schon mehrmals ereilt. „Es liegt bei der Infektionsdiagnostik in der Natur der Sache“, sagt er. Mit Molekularbiologie kam Spengler nach seinem Medizinstudium erstmals bei seiner Doktorarbeit am Bernhard-Nocht-Institut (BNI) für Tropenmedizin in Hamburg in Kontakt. Ein gutes Omen: „Die allererste PCR klappte“, erinnert sich Spengler. Schon während der Promotion kam er durch Auftragsforschungsarbeiten auf den Geschmack: „Ich war viel stärker der medizinischen Anwendung zugeneigt als der puren Grundlagenforschung“. 1998 gründete Spengler deshalb mit Kollegen des BNI die Artus GmbH. Innerhalb weniger Jahre machte er die Molekulardiagnostik-Firma zu einem international agierenden Unternehmen mit rund 100 Mitarbeitern, spezialisiert auf die Entwicklung und Vermarktung von PCR-Diagnostik-Kits.

Die Rinderseuche BSE brachte den Durchbruch. Da gelang es dem Artus-Labor im November 2000, das erste BSE-positive Rind in Deutschland zu identifizieren. Den nötigen Western-Blot-Nachweis hatten die Hamburger exklusiv als Dienstleistung für Norddeutschland im Angebot. „Wir waren damit zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, sagt Spengler. Und der Rinderwahn beschäftigt ihn manchmal sogar heute noch: „Der Inhaber des fleischverarbeitenden Betriebs, für den BSE-Kuh bestimmt war, ist heute mein Nachbar.“

SARS und der goldene Handschlag mit Qiagen

2003 sorgte Artus erneut für Schlagzeilen: Die Hamburger brachten als erstes Unternehmen weltweit ein PCR-Nachweisverfahren für die Lungenkrankheit SARS auf den Markt. Der zuverlässige Schnelltest war in nur drei Wochen entwickelt worden, nicht zuletzt dank bester Kontakte ins BNI, wo die meisten SARS-Erregerproben damals landeten. Auch 2005 konnten die Diagnostikspezialisten mit einem Testsystem für die Vogelgrippe H5N1 punkten.

Im selben Jahr dann verkaufte Spengler und die acht weiteren Gesellschafter die Firma Artus für 39,2 Millionen Euro an den großen Konkurrenten Qiagen. „Es ging uns nicht primär um den goldenen Handschlag“, sagt Spengler heute, „hier spielten patent- und lizenzrechtliche Fragen eine entscheidende Rolle.“ Anderthalb Jahre hielt es Spengler noch als Geschäftsführer bei Qiagen Hamburg, dann verließ er Ende 2006 das Unternehmen. Er hatte nicht mehr das Gefühl am richtigen Ort zu sein.  „Wenn man jahrelang sein eigener Chef war, fällt es schwer, sich den umfangreichen Auflagen und Entscheidungs-Aversionen in einem börsennotierten Unternehmen zu fügen“, sagt Spengler. „Aber wir bleiben freundschaftlich verbunden.“ Spengler nutzte nach Qiagen eine 18-monatige Auszeit unter anderem zum Reisen und Abschalten. Er ist leidenschaftlicher Fußballer, sein Herz schlägt für den Lokalmatador HSV.

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Mitarbeiter aus der alten Mannschaft wieder an Bord

Im Juni 2007 wurde Astra gegründet, eine Remineszenz an die alte Astra-Brauerei, die sich früher vis-a-vis des BNI befand. Wieder setzt Spengler auf seinen Erfahrungen und Branchenkontakte bei der Molekulardiagnostik von Krankheitskeimen, viele seiner insgesamt 16 Mitarbeiter sind aus dem ehemaligen Artus-Team: „Diesmal konzentrieren wir uns auf Erreger, die nicht so im Hauptfokus der großen Unternehmen stehen, wie etwa Noroviren oder das Bakterium Clostridium difficile.“ Auch sogenannte opportunistische Viren, die sich etwa nach einer Chemotherapie oder einer Immunschwäche im wehrlosen Körper ausbreiten, haben die Diagnostiker im Visier. Dieses Forschungs- und Entwicklungsprojekt wird von der Innovationsstiftung Hamburg gefördert, „eine große Hilfe für Gründer, die auch eine nützliche und unabhängige Bewertung des Vorhabens einschließt“, sagt Ulrich Spengler.

Der Biotech-Standort Hamburg kann nach seiner Ansicht noch selbstbewusster auftreten, zumal dank „tiefer Taschen“ zahlreiche private Kapitalgeber in der Hansestadt sitzen, die für die Biotechnologie weiter begeistert werden müssten.

Dass mit der abgeebbten Schweinegrippe nun erstmal Ruhe in die Welt der Erreger einkehrt, glaubt Ulrich Spengler keineswegs: „Die nächste Epidemie kommt bestimmt“, sagt er, „und da hoffen wir natürlich, wieder mit dabei zu sein.“


Autor: Philipp Graf

 

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