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Henning Madry: Den Knorpel überlisten
Henning Madry bezeichnet Arthrose gerne als die „Koronare Herzkrankheit des Knies“, denn diese Knorpelschäden – wie sie oft im Knie auftauchen – sind ähnlich stark verbreitet wie die Erkrankung der Herzkranzgefäße. Seit einigen Monaten hat der Orthopädie-Professor an der Universität des Saarlandes den bundesweit ersten Lehrstuhl für Experimentelle Orthopädie und Arthroseforschung inne. Madrys Ziel ist es, die Leiden der Betroffenen zu lindern. Dafür will er die Knorpelzellen mittels gentechnischer Therapien so manipulieren, dass sich die Gelenke wieder geschmeidig bewegen lassen. Die Deutsche Arthrosehilfe hat die neue Professur für die ersten fünf Jahre gestiftet.
Eines ist ihm wichtig: „Arthrose ist eine chronische Krankheit, keine Verschleißerscheinung.“ Er bekomme immer wieder Rückmeldungen von dankbaren Betroffenen, weil er mit dem Irrglauben aufräume, Arthrose sei eine schicksalhafte Krankheit aller Alten. Der Knorpel in den Gelenken sorge als elastisches Gewebe dafür, dass jeder sich bewegen und sein Gewicht tragen kann, erklärt Madry. Dieser Gelenkknorpel kann durch Unfälle oder Sportverletzungen beschädigt werden. „Häufig wird die Arthrose aber auch durch Prozesse verursacht, die noch weitgehend unverstanden sind, und dazu führen, dass der Knorpel langsam abgerieben wird.“ Madry vergleicht das mit dem Reifen am Fahrrad: „Der Patient läuft dann auf der Felge.“ Das kann alten, aber auch jungen Menschen passieren und ist sehr schmerzhaft.

In diese Knorpelzellen wurde durch viralen Gentransfer das Gen für ein rot fluoreszierendes Protein eingeschleust. Durch das Einsetzen von Genen mit therapeutischem Effekt könnten gezielt die strukturellen Eigenschaften des Knorpels verbessert werden.Quelle: Madry
Gen-Fähren bringen den Knorpel zum Wachsen
Madry studierte Medizin, wusste aber schon früh, dass er in die Forschung will. „Den Patienten mit naturwissenschaftlich basierten Verfahren helfen“, so nennt er es. Nach seinem Studium suchte er sich deswegen noch während der Facharztausbildung eine Stelle in einem renommierten Labor: An der Harvard Medical School in Boston erarbeitete er sich die Grundlagen für seine biotechnologischen Methoden, und so ist sein Forschungsansatz innerhalb der Orthopädie durchaus ungewöhnlich: „Wir hämmern nicht, wir schrauben nicht, wir schauen auch nicht, wann es bricht, sondern wir versuchen, den Krankheitsverlauf zurückzudrängen“, erklärt Madry. Er will die Knorpelzellen mittels molekularer Therapien manipulieren: Mit so genannten Gen-Fähren schleusen Madry und sein Team körpereigene Wachstumsfaktoren in die Knorpelzellen ein. Sie sollen die Zellen so umprogrammieren, dass sie besser nachwachsen. Bei den Gen-Fähren handelt es sich um Liposomen, also kleine Fettkügelchen, oder um modifizierte Viren, die jeweils als sogenannte Vektoren Erbinformationen in die Zellen einschleusen.

Der Gelenkknorpel gewährleistet ein reibungsloses Gleiten der Oberflächen in einem Gelenk und muß hohen Belastungen standhalten.Quelle: Madry
Zurück in Deutschland baute Madry ab dem Jahr 2000 das Labor für experimentelle Orthopädie am Universitätsklinikum des Saarlandes auf. Zeitgleich schloss er die Ausbildung zum Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie ab, beendete seine Habilitation und stieg zum Oberarzt der Klinik auf. Als ehemaliger Marathonläufer hat der 41-Jährige eine gute Kondition, das merkt man seinem beruflichen Werdegang an. Die Zielstrebigkeit des Mediziners hängt wohl auch ein wenig mit seiner Lebensgeschichte zusammen: Aufgewachsen in der DDR, begann er sein Studium kurz nach dem Mauerfall. „Die Wiedervereinigung hat mir unheimliche Möglichkeiten geboten“, erklärt er, „und war durchaus eine Motivation für mich, doppelt so viel Gas zu geben.“
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Implantate aus körpereigenen Zellen
Den Kontakt zum klinischen Alltag lässt Madry nicht abbrechen. Einmal in der Woche hält er eine Sprechstunde ab und operiert auch. „Forschung und klinische Behandlung befruchten sich gegenseitig“, erklärt er. Zum Beispiel arbeitet er derzeit an der Entwicklung von Knorpel-Implantaten. Mittels der gentechnologischen Verfahren soll auch die Funktion von Knorpelkonstrukten verbessert werden, die außerhalb des Körpers gezüchtet werden. Das sogenannte Tissue Engineering könnte dann zum Einsatz kommen, wenn der Knorpel durch einen Unfall geschädigt ist. „So ein Knorpelschaden ist wie ein Schlagloch, das aufgefüllt werden muss. Die derzeit verwendete Teer- und Sandmischung hält nicht über viele Jahre. Wir versuchen körpereigene Knorpelzellen so zu trimmen, dass der Asphalt straffer wird.“ Mit solchen Implantaten könnten dann auch gerade junge Menschen wieder Sport treiben und sich so zum Beispiel vor einer Verkalkung der Herzkranzgefäße schützen.
Autorin des Textes: Ute Zauft
