Im Profil
Niels Fertig: Zellen den Puls fühlen
„Was wir machen, ist ziemlich speziell.“ Wenn Niels Fertig, Gründer und CEO der Nanion Technologies GmbH, über seine Produkte spricht, dann wirkt das zunächst ungewöhnlich bescheiden. Geschäftsführer sind immer auch Verkäufer und versprechen eher zuviel als zuwenig. Doch Niels Fertig hat auch nach acht Jahren keine vorgefertigten Worthülsen parat, langsam tastet er sich heran. „Es ist eine ziemlich große Sache. Es ist ein Paradigmenwechsel. Es ist eine Revolution.“
Der Umsturz beginnt im Sommer 2002. Im Biophysical Journal erscheint ein Artikel. Darin beschreibt ein Physik-Doktorand der Ludwig-Maximilians-Universität München ein automatisiertes Patch-Clamp-Verfahren. Die elektrischen Ströme eines Ionenkanals in der Zellmembran müssen nun nicht mehr aufwendig mit der Hand gemessen werden, ein Chip erledigt das.
Der Name des Doktoranden: Niels Fertig. „Ich bin jemand, den es in die Anwendung zieht“, sagt Fertig. Nanion war schon ein halbes Jahr alt, als die Publikation herauskam. Aus einem Mitarbeiter sind dreißig geworden, mehrere hundert Geräte aus drei Produktklassen sind installiert, der Umsatz ist im mittleren einstelligen Millionenbereich angelangt. Dabei hängt der rasante Aufstieg eng mit einem großen Scheitern zusammen, ja vielleicht hätte es das eine ohne das andere gar nicht gegeben. Anfang 2003 kam eine Kapitalisierungsrunde, die das Seed-Kapital der BioM ergänzen sollte, nicht zustande. „Damals war es ganz klar, dass kein einziger Wagniskapitalgeber ein Start-up finanzieren wollte.“ Für die Entwicklung des geplanten Mehrkanalgeräts reichte das Geld nicht mehr.
| Mehr auf biotechnologie.de |
Menschen: Thomas Knott - Zwischen Marketing und Membrankanälen |
Nanion reagierte und leitete sofort alle Entwicklungskapazitäten auf ein einfacheres Einkanal-Gerät um. Noch im gleichen Jahr wurden die ersten Port-a-Patch-Systeme ausgeliefert. Nach wie vor sind die handlichen Systeme in ihrer minimalistischen Designhülle aus gebürstetem Aluminium ein Bestseller und ein Alleinstellungsmerkmal der Münchener. Die Konkurrenz bietet nur größere Kaliber an. „Viele Kunden wollen es erst einmal im Kleinen ausprobieren, bevor sie die größeren Roboter bestellen“, sagt Fertig. Mittlerweile bietet auch Nanion Mehrkanalgeräte an, seit 2006 den Patchliner mit 8 Kanälen und seit diesem Jahr den SyncroPatch mit sage und schreibe 96 Kanälen.
„Der Port-a-Patch wurde aus der Not heraus geboren“, sagt Fertig. Es wurde schnell eine Tugend daraus. Mitte 2004 wurde Nanion Technologies profitabel und ist es seitdem geblieben. „Damals haben wir etwas Wichtiges gelernt“, sagt Fertig. „Der Markt ist das Ziel, nicht die nächste Finanzierungsrunde.“ Der frühe Kontakt mit den Kunden habe dem Unternehmen gutgetan, sagt Fertig. „Das kann ich jedem Start-up empfehlen.“ Als klassischer Macher sieht sich Fertig nicht. Er spricht vom „exzellenten Team“ und von den Mitarbeitern. Er trete gerne in die zweite Reihe. Weiter zurück weicht er aber nicht. Den Businessplan für Nanion hat er im Jahr 2001 „forciert“, die Entwicklung des Port-a-Patch in wenigen Monaten durchgeboxt, das Unternehmen wenig später profitabel gemacht. „Als Gründer muss man eben gewisse Hürden auch nehmen. Wenn man sich da nicht durchsetzen kann, ist vielleicht Unternehmer nicht ganz das Richtige.“
Niels Fertig wird 1972 zwei Tage vor Weihnachten geboren. Nach dem Zivildienst am Universitätsklinikum Göttingen studiert er Physik. „Eigentlich wollte ich erst in die Medizin, aber Physik ist tiefschürfender.“ In seinem Jahr an der University of San Diego beschäftigt sich der Student mit künstlichen neuronalen Netzen, stellt aber fest, dass das Original aus der Natur viel interessanter ist. Das führt zum Kontakt mit der Elektrophysiologie, zu einer Diplomarbeit, zur Doktorarbeit und dann zu Nanion. Während zu Anfangszeiten das Licht in dem 800 Quadratmeter-Loft schon mal länger brannte, ist das Wochenende jetzt tabu, seit die beiden Kinder da sind. Mit seiner Familie lebt Fertig in Münchens Mitte, rund 300 Meter von der Firma entfernt.
Der erste Eindruck stimmt: Niels Fertig ist unprätentiös. Gleich unter dieser sympathischen Oberfläche findet sich allerdings eine zähe Beharrlichkeit, die eine ganze Firma mit Momentum versorgt. Der nette Doktorand Fertig verfügt über einen Biss, dessen Druck man erst richtig spürt, wenn man das Gespräch noch einmal Revue passieren lässt. „Wir werden weiter wachsen“, sagt der Unternehmer Fertig am Schluss. „Wir treiben das Feld vor uns her.“
Autor des Textes: Christoph Mayerl
