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Wolfgang Holter: Mit List gegen das Cytomegalovirus

20.12.2011
Prof. Dr. med. Wolfgang Holter, Abteilung Pädiatrische Onkologie, Universitätsklinikum Erlangen
Quelle: Universitätsklinikum Erlangen

Bei Stammzelltransplantationen wie einer Knochenmarktransplantation wird das Immunsystem der Patienten nahezu ausgeschaltet, damit ihr Körper keine Abwehrmechanismen gegen die Zellen des fremden Spenders entwickelt. Dabei allerdings wird der Körper auch verwundbar für alle Arten von gefährlichen Infektionen. Besonders gefürchtet ist das Cytomegalovirus (CMV), das allzu oft gefährliche Erkrankungen hervorruft. Der Erlanger Kinderonkologe Wolfgang Holter entwickelt gemeinsam mit dem Virologen Armin Ensser in einem von der Wilhelm Sander-Stiftung geförderten Forschungsprojekt Immuntherapien gegen diese Viren.

Etwa die Hälfte der Bevölkerung trägt das Cytomegalovirus (CMV), das den Herpesviren angehört, in sich. Meist verlaufen die Infektionen mit dem Virus unkompliziert und ihre Träger bilden körpereigene Abwehrkräfte. Bei Stammzelltransplantationen aber, wenn das Immunsystem heruntergefahren wird, können sich schwere Komplikationen wie Lungenentzündungen, Knochenmarksversagen, Gehirnentzündungen und Nierenschäden ergeben. Zudem ist das Virus sehr hartnäckig. „Dieses Virus hat in seiner Evolution offenbar viele Mechanismen entwickelt, um sich davor zu schützen eliminiert zu werden“, erläutert Holter.CMV-infizierte Bindegewebszellen (grün) werden von von T-Zellen (blau) mit verändertem Rezeptor (gelb) angegriffen.Lightbox-LinkCMV-infizierte Bindegewebszellen (grün) werden von von T-Zellen (blau) mit verändertem Rezeptor (gelb) angegriffen.Quelle: Universitätsklinikum Erlangen

Vor allem ein Szenario bereitet den Ärzten Kopfzerbrechen: Wenn der Patient selbst mit dem Virus infiziert ist, der Spender jedoch nicht. Dann nämlich erhält der Empfänger der Zellen vom Spender keine geschulten Abwehrzellen gegen die Viren. Das CMV kann ohne Gegenwehr und mit zum Teil fatalen Auswirkungen den ohnehin schon geschwächten Körper des Patienten attackieren. Die Patienten, das sind bei Holter leukämiekranke Kinder und Jugendliche.

Vorteile aus zwei Abwehrmechanismen

Der Krebsforscher entwickelt nun gemeinsam mit dem Erlanger Virologen Armin Ensser eine neuartige Immuntherapie, die sich Methoden aus der Tumorimmunologie zunutze macht. Die Forscher züchten maßgeschneiderte Immunzellen. Dabei verwenden sie körpereigene Abwehrzellen des Spenders, die so genannten T-Zellen. Zusätzlich nehmen sie ein Teilstück eines Antikörpers gegen CMV und binden es gentechnisch an den geeigneten Abschnitt der T-Zelle. Mit diesem neuen Rezeptor ausgestattet, kann die T-Zelle – so die Idee dahinter – die mit dem Virus infizierten Zellen erkennen und abtöten. „Normalerweise fährt das Immunsystem mit den Antikörpern und den Abwehrzellen auf zwei Gleisen. So genommen verbinden wir mit diesem Verfahren die Vorteile aus beiden Abwehrmechanismen“, erläutert Holter.

Forschung erst an Mäusen, dann an Patienten?

Er und seine Kollegen stehen mit dieser Forschung noch am Anfang. Im Reagenzglas funktioniert das Prinzip bereits, die veränderten T-Zellen attackieren die vom Virus befallenen Zellen und verhindern so seine Vermehrung. Nun steht die nächste Erprobungsphase an, die Zellen sollen an Mäusen getestet werden. Bevor die Methode auch an Patienten erforscht werden darf, muss ausgeschlossen sein, dass die Zellen körpereigene Strukturen des Patienten angreifen.

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Wolfgang Holter ist jedoch zuversichtlich, dass dieser Ansatz funktionieren wird. „In der Tumorimmunologie haben wir mit solchen Verfahren schon gute Erfahrungen gemacht. Man bringt einen neuen Rezeptor für bestimmte Krebszellen in die körpereigenen Abwehrzellen hinein und kann so ganz gezielt gegen die Tumorzellen vorgehen.“

Auf Arbeit die erste Geige, zu Hause die dritte

Zu seinem Fachgebiet ist der aus Oberösterreich stammende Krebsforscher recht früh gelangt. Noch während seines Medizinstudiums, bei einem Auslandssemester in Kopenhagen, arbeitete er in einem immunologischen Labor. Die Begeisterung, die damals entfacht wurde, ist seitdem nicht mehr erloschen. Nach zehn Jahren immunologischer Grundlagenforschung erfolgte allerdings eine Akzentverschiebung. Holter merkte, dass ihn mehr und mehr die klinischen Fragestellungen interessieren, vor allem die große Frage, wie sich die Immunologie in der Krebsbekämpfung anwenden lässt. Deshalb fügte er an die Facharztausbildung zum Immunologen noch eine Spezialisierung zum Kinderarzt an. Seit 2001 leitet der 52-Jährige die Stammzelltransplantation, seit 2006 die gesamte Kinderonkologie am Universitätsklinikum Erlangen. Diese Position an den Schnittpunkten mehrerer Gebiete liegt ihm, Forschung und Klinik sind hier gleichermaßen vertreten.

Ausgleich findet Holter bei seiner Familie. Gemeinsam gehen er, seine Ehefrau und die vier Kinder in die Berge oder auch segeln. Gelegentlich trifft sich die Familie auch zu klassischer Hausmusik. Jeder spielt ein anderes Instrument, Holter selbst übernimmt den Part an der Geige. Ein Virtuose sei er nicht, sagt er von sich selbst. Dafür müsste er mehr Zeit ins Üben investieren. Die geht jetzt in die Forschung. Kein schlechter Deal aus Sicht der Patienten.

Autorin: Anke Wilde

 

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