Im Profil
Andreas Herrmann: Der Prinzipiell-Spontane
Andreas Herrmann ist Vorstand der Celonic AG. 1994 schloss er seine Promotion in Biochemie im Bereich ZNS in Köln ab. Bereits während der Promotion und im Anschluss daran leitete er das proteinanalytische Labor des Zentrums für Molekulare Medizin in Köln, bevor er als wissenschaftlicher Assistent in Düsseldorf eine Arbeitsgruppe zur vaskulären Gentherapie gründete. Basierend auf diesen Arbeiten und Patenten wurde 1996 die Firma Cardiogene, später Cardion, mit dem Ziel gegründet, gentherapeutische und immunologische Produkte zu entwickeln. In diesem Jahr verkaufte er den Betrieb an die Rettenmaier-Gruppe und gründete das nächste unternehmen, die Baliopharm. Mit ihr will Herrmann sein eigentliches Ziel verwirklichen: neue Wirkstoffe in die Klinik zu bringen.
Auch wenn es mittlerweile eine gereifte Branche ist“, sagt Andreas Herrmann und produziert sein glucksendes Lachen. „In der Biotechnologie sollte man flexibel sein.“ Wir sprechen gerade darüber, wie zum Teufel es ihm möglich war, als dreifacher Gründer, doppelter Geschäftsführer und Vater eines dreieinhalbjährigen Sohnes, wie es ihm also trotz all dieser Vereinnahmungen möglich war, innerhalb von zwei Tagen einen Gesprächstermin für diese Rubrik freizuräumen. Das ist Rekord, es gibt Kollegen, deren Assistentinnen vertrösten einen auf einen 45-Minuten-Slot in zweieinhalb Monaten. Herrmann sagt jetzt einen kurzen Satz, dessen Kern man zunächst überhört. „Prinzipiell bin ich spontan.“ Auf den ersten Blick hat Herrmann wie alle Veteranen der Biotechnologie nur überlebt, weil er immer mehrere Perspektiven gleichzeitig einnahm.

Celonic ist mit 80 Mitarbeitern in der GMP-Auftragsherstellung tätig.Quelle: Celonic
Cardiogene war 1996 die erste Gründung
Als Chemiestudent mit der Fachrichtung Biochemie machte er von Beginn an alles richtig und fing in einem der Hohetempel der deutschen biotechnologischen Forschung an, bei Wilhelm Stoffel in Köln. Hier ging es auch schon los mit der Gleichzeitigkeit. Neben seiner Promotion leitete Herrmann das Analytiklabor des Instituts. 1995 wechselte er nach Düsseldorf, um sich zu habilitieren. Er gründete dort erstmal eine Arbeitsgruppe zur vaskulären Gentherapie. Und bekam bald ein Problem. „Unsere Ergebnisse waren so schnell so gut, dass wir dachten, wir müssen das unbedingt patentieren.“ 1996 dann die erste Gründung, Cardiogene. Die Patente verdrängten die Veröffentlichungen. Noch eineinhalb Jahre war Herrmann gleichzeitig Grundlagenforscher und Unternehmer, dann entschied er sich für die Wirtschaft. „Weil man da viel schneller etwas bewegen kann.“ Unter ihrem CSO Herrmann bewegte sich bei Cardiogene tatsächlich einiges. Im Jahr 2000 führt die Firma die erste klinische Studie für eine Gentherapie im Herz/Kreislauf-Bereich in Europa durch. Geld gab es im Überfluss.
| Mehr zum Thema auf biotechnologie.de |
"All das Geld, das da verbrannt wird"
Insgesamt 61,5 Mio. Euro wurden an VC-Kapital eingesammelt. „Damals musste man gegenüber den Investoren nur Bio erwähnen und es hieß: Wie viel wollen Sie?“ Als der Börsengang 2001 scheitert, wurde das Lead-Produkt auslizenziert. Roche zahlt 2003 immerhin 90 Mio. Euro dafür – „Bio-Dollars“, wie Herrmann heute sagt, der das Geschäft abwickelte. Heute zweifelt er. „Das VC-Modell mit all dem Geld, das da verbrannt wird“, denkt er sich, „das kann doch nicht das einzig Wahre sein. Es muss auch möglich sein, vom Umsatz zu leben“. Der Biochemiker schaltet wieder in den Gleichzeitigkeits-Modus. Noch während er als Wissenschaftsvorstand von Cardiogene den Roche-Deal miteinfädelt, steigt er Ende 2002 bei einem Drei-Mann-Unternehmen ein, dessen Name ebenso unhandlich ist wie das Defizit gewaltig: die Papaspyrou Biotechnologie GmbH. Die zweite „Gründung“ im Leben des Unternehmers Herrmann.
| Celonic GmbH |
Die Celonic GmbH hat Standorte im nordrhein-westfälischen Jülich und im schweizerischen Basel. |
Drei-Mann-Unternehmen Baliopharm
„Ich hab sie einfach gedreht und nachhaltig aufgebaut“. Das bald in Celonic umbenannte Unternehmen hat nach drei Jahren 20 Mitarbeiter und ist mit der GMP-Auftragsherstellung profitabel. Heute sind es insgesamt 80 Mitarbeiter an zwei Standorten, Jülich und Basel. Er habe am Anfang viel unruhiger geschlafen, sagt Herrmann. Denn plötzlich sei es sein eigenes Geld gewesen, das auf dem Spiel stand. „Ich habe mit einer Million gebürgt, die ich natürlich nicht flüssig hatte.“ Der Schlaf ist heute wieder ruhiger. Zu ruhig vielleicht, denn jetzt will es der 48-Jährige noch einmal wissen. Vor kurzem hat er den Dienstleistungssektor der Celonic „für einen guten zweistelligen Millionenbetrag“ verkauft. Er fängt wieder dort an, wo er vor neun Jahren gestartet ist. Bei einem Drei-Mann-Unternehmen. Die von Herrmann und einem Partner vor kurzem gegründete Baliopharm AG hat die komplette Wirkstoffpipeline der Celonic übernommen.
Anfang 2013 soll eine klinische Studie mit Atrosab starten, einem verbesserten TNF-Inhibitor. Seit Celonic zum ersten Mal profitabel war, hat Herrmann die Gewinne in die Erforschung von eigenen Wirkstoffen gesteckt. Und schon wieder: „Prinzipiell bin ich spontan.“ Die Betonung liegt auf dem Prinzip. Von Anfang an ging es dem Studenten Herrmann darum, ein Medikament in die Anwendung zu bringen. Ob Cardiogene oder Celonic – sie waren nur der Vektor zu Herrmanns Ziel. Auf Anfang ist Andreas Herrmann mit Baliopharm also eigentlich nicht, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht. Herrmann ist fast am Ziel. „Ich will das jetzt fliegen sehen.
© biotechnologie.de/cm
