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Jürgen Seibel: Der Zucker verrät den Tumor

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Der Würzburger Zuckerforscher Jürgen Seibel. Quelle: privat

17.10.2012  - 

Wie er zu der Auszeichnung gekommen ist, weiß Jürgen Seibel selbst nicht so genau. „Man kann sich nicht selbst nominieren“, sagt er. „Man bekommt plötzlich und überraschend einen Anruf, ob man den Preis annimmt.“ Der Preis ist der Young Professor Award des Chemiekonzerns DuPont , dotiert mit 75 000 Euro über drei Jahre. Damit sollen die Preisträger – in diesem Jahr neun – die eigene Forschung voranbringen. Seibel ist der einzige Europäer unter den Gewinnern. Bei ihm geht das Geld in die Zuckerforschung an der Universität Würzburg.

Zuckerverbindungen spielen bei vielen Krankheiten eine Rolle. „Sie sind wie die Schlüssel zu einer Zelle“, erklärt Seibel. Beispielsweise sitzen verschiedene Zuckerstrukturen auf der Oberfläche von Tumorzellen. Seibels Arbeitsgruppe versucht, diese Zucker zu synthetisieren und dann damit einen Impfstoff zu entwickeln. Ein Impfstoff gegen Krebs – Zukunftsmusik, aber die Zucker sind ein guter Angriffspunkt.

Hintergrund
Sie wollen mehr über die Arbeit von Jürgen Seibel an der Universität Würzburg erfahren? Dann schauen Sie auf seiner Webseite vorbei.

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Mit Watson und Crick zur Chemie

Heute hat Seibel gleich zwei Naturwissenschaftler in der Familie: Seibels Frau und sein Schwiegervater sind Chemiker.  Als Kind war es jedoch eher ein Spielfilm über die DNA-Entdecker Watson und Crick, der ihn faszinierte. Naturwissenschaften waren schon zu Schulzeiten seine Spezialität, Mathe und Physik Lieblingsfächer. Als dann in der siebten Klasse noch Chemie dazu kam, hatte Seibel seinen Favoriten gefunden. „Ich mochte die Herausforderung, komplexe Zusammenhänge zu verstehen“, sagt er. „Das kann man theoretisch auch mit Computermodellen, aber bei der Chemie war das so schön konkret.“ Es klingt naheliegend, dass der 1971 im nordhessischen Eschwege Geborene nach Göttingen ging, um Chemie zu studieren. Nach der Dissertation, die er 2000 mit summa cum laude abschloss, folgte ein zweijähriger Forschungsaufenthalt an der Universität Oxford.

„Diese Zeit hat vor allem unheimlich viel Spaß gemacht“, erinnert er sich. „Die Universität hat sehr viel verlangt, es wurde sehr genau geguckt, aber das spornt auch an. Dort wurde tagtäglich Wissenschaft gelebt – durch Spaß und Faszination wird so was erfolgreicher.“ Ein Prinzip, das er auch nach seiner Rückkehr nach Deutschland mitnahm. Intensiver Austausch und Teamgeist sind ihm wichtig. Auch außerhalb der Arbeit – so gibt es jährlich ein Fakultätsfußballmatch. Als Abteilungsleiter ist er das offizielle Handicap der Mannschaft. Seibel nimmts mit Humor – und grätscht bis der Arzt kommt.

Die Beschäftigung mit Zuckermolekülen nahm eine entscheindende Richtung, als Seibel 2007 ans Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung nach Braunschweig ging, wo er ein Jahr später mit dem Jochen-Block-Preis der Dechema ausgezeichnet wurde. Seit 2009 forscht und lehrt er als Professor am Institut für Organische Chemie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

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Die Arbeit mit komplexen Zuckermolekülen ist für die Entwicklung neuer Therapien ebenso interessant, wie für neuartige Biomaterialien oder Nahrungsmittel.

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Schwierige Synthese

Die Würzburger Universitätsmedizin ist spezialisiert auf Infektionskrankheiten, die durch Viren und Bakterien hervorgerufen werden. Seibels Team identifiziert wichtige Zuckerverbindungen, die bei diesen Krankheiten eine Rolle spielen – beispielsweise als Andockpunkte für die Wirtszellen. Dazu werden interessant erscheinende Zuckermoleküle synthetisiert und untersucht. Ein schwieriges Unterfangen, wie der Professor erklärt: Zucker bestehen aus langen Ketten von Zuckermolekülen, jedes Molekül hat mehrere Kontaktstellen, und die sind in ihrem Reaktionsverhalten meistens auch noch sehr ähnlich. Um eine bestimmte Verbindung an zwei spezifischen Kontakten herzustellen, müssen also in der Regel zunächst fünf andere Kontakte blockiert werden. „Sie sind mehr damit beschäftigt, die anderen Stellen zu schützen, als die Zuckermoleküle an der richtigen Stele zu verknüpfen“, erläutert Seibel. Um die Zuckersynthese trotzdem wirtschaftlich zu machen, nutzen die Forscher gentechnisch veränderte Enzyme, ein „Werkzeugkasten“ zur Zuckersynthese, wie er sagt.

System mit Handicap

Mit dem jetzt überraschend gewonnenen Preisgeld wird der nächste Schritt finanziert: Die Erforschung der synthetisierten Zucker. „Wir wollen wissen, welcher biologische Vorgang dazu führt, dass so ein Zucker auf der Zelle präsentiert wird“, beschreibt Seibel. Kooperationspartner aus Biophysik und Informatik helfen bei der Visualisierung und der Analyse der Strukturen. Mit Hilfe eines eigens entwickelten Auslesegeräts hofft Seibel auf baldige Erfolge, besonders bei der Erforschung der Zuckerstrukturen auf Krebszellen. „Wir haben ein gutes System entwickelt“, sagt er. „Ich hoffe da auf baldige Erfolge.“

Im Hobbybereich hingegen ist das System noch ausbaufähig: Seibel hat sich gerade die Achillessehne beim Fussballspielen gerissen und ist so bis auf weiteres von seinem Posten als Handicap der Institutsmannschaft beurlaubt. Auch die anderen beiden Leidenschaften – Triathlon und Segeln – liegen notgedrungen brach. Der Zuckerforscher hat den Wohnsitz in der Nähe von Eschwege behalten, sobald der Fuß geheilt ist, kreuzt er auch wieder auf dem Werratalsee.


Autorin: Cornelia Kästner

 

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