Daniel Gerlich: Ein Biologe ohne Scheuklappen
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- Dr. Daniel Gerlich, Institut für Biochemie an der ETH Zürich Quelle: Gerlich
20.12.2005 -
Daniel Gerlich kennt sich ziemlich gut aus mit interdisziplinärer Forschung. Der Nachwuchswissenschaftler am Institut für Biochemie der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich ist Systembiologe und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Methoden der Biologie und der Informatik unter einen Hut zu bekommen. Derzeit arbeitet der 33-Jährige daran, die Teilungsprozesse lebender Zellen zu quantifizieren, im Computer zu modellieren und damit der Krebsforschung notwendige Basisdaten zu liefern.
Daniel Gerlich versteht sich als Grundlagenforscher. „Ohne Wissenschaftler, die essentielle Mechanismen erforschen, können sich gar keine neuen Ideen oder neue Ansätze entwickeln“, sagt er. Auch gute anwendungsbezogene Forschung ist ohne Grundlagenwissen nicht möglich – davon ist Gerlich überzeugt. Er selbst will dabei vor allem quantitative Aspekte für die Biologie nutzbar machen: „Das wurde viel zu lange vernachlässigt.“
Von Anfang an für Mikroskopie begeistert
Die Scheu vieler Biologen vor mathematischen Modellen kennt der gebürtige Hesse nicht. Ganz im Gegenteil. Einst wollte Gerlich nämlich Mathematik studieren. „Doch die Karriereaussichten erschienen mir damals nicht wirklich vielversprechend, deshalb entschied ich mich für Biologie, meinem zweiten Steckenpferd“, erinnert er sich. Ein wenig wird wohl auch der Beruf des Vaters eine Rolle gespielt haben – Wolfram Gerlich ist Virologe und derzeit Professor an der Universität Gießen. Doch die medizinische Richtung interessierte Daniel Gerlich nur indirekt. „Ich konnte mich während meines Studiums vor allem für Mikroskopie begeistern“, erzählt er, „Und die neuen Möglichkeiten, lebende Zellen mit Fluoreszenz-Methoden zu beobachten, waren genau meine Welt.“
Schnell wurde dem jungen Forscher aber klar, dass ihm das alleinige experimentelle Arbeiten in der Biologie nicht genügt. Schon neben dem Studium hatte er sich viel mit Informatik beschäftigt, und nach seiner Diplomarbeit an der Universität Freiburg wandte er sich noch stärker diesem Wissenschaftsfeld zu. Dabei interessierte ihn vor allen Dingen, biologische Prozesse exakt zu quantifizieren. „Mein Hintergrund ist da natürlich sehr hilfreich, weil ich besser als ein reiner Informatiker abschätzen kann, wo genau der biologische Knackpunkt liegt und mit welcher Methode sich das in einem Modell erfassen lässt“, sagt er.
Die Zellteilung im Fokus
Seit seiner Doktorandenzeit am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg arbeitet Gerlich vor allem an Zellprozessen, insbesondere der Zellteilung, um beispielsweise die komplexe Entstehung von Krankheiten wie Krebs besser nachvollziehen zu können. „Die Zellteilung ist einer der grundlegendsten Prozesse, aber noch immer sind viele molekulare Abläufe nicht verstanden“, erklärt der Wissenschaftler. Mit seinem systembiologischen Ansatz will Gerlich zunächst die Funktion jener Eiweiße und Gene verstehen, die bei der Zellteilung eine Rolle spielen. Anschließend müssen kinetische Modelle am Computer erstellt werden, die die Vorgänge simulieren. Langfristig könnten auf diese Weise Technologien entstehen, die es Medizinern ermöglichen, die Entstehung und Entwicklung von Krebs vorherzusagen.
Schritt für Schritt kämpft sich Gerlich näher an dieses Ziel heran, arbeitete als Postdoc zunächst am European Molecular Biology Laboratory in Heidelberg und kam im vergangenen Jahr nach Zürich. Die ETH hat ihn vor allem deshalb gereizt, weil sie neben ihrer wissenschaftlichen Qualität Nachwuchsforschern viele Freiheiten lässt. „Ich kann meine Gruppe völlig eigenständig aufbauen, muss aber selbst für Drittmittel sorgen“, erklärt Gerlich das Modell. Über die Finanzen braucht er sich seinen Kopf aber nicht mehr zu zerbrechen. Kurz nach dem Antritt seiner Stelle im vergangenen Jahr wurde er als einer von 25 anderen europäischen Nachwuchsforschern mit dem European-Young-Investigator-Award (EURYI-Award) ausgezeichnet. Der mit 1 Million Euro dotierte europäische Forschungspreis eröffnet ihm nun den nötigen Spielraum, in Ruhe zu forschen.
Gründlichkeit geht vor – auch bei hohem Leistungsdruck
An oberster Stelle in der Wissenschaft steht für ihn Gründlichkeit. „Ich bearbeite ein Projekt solange, bis es Hand und Fuß hat, auch wenn der Leistungsdruck groß ist“, betont der Bioinformatiker. Gleichzeitig kann er sehr effizient vorgehen. „Bei interdisziplinären Arbeitsgruppen kennt sich sonst jeder nur auf seinem eigenen Gebiet bestens aus, aber das limitiert mitunter den Erkenntnisgewinn“, sagt er. Da hat es Gerlich einfacher: Er kann sowohl Algorithmen entwerfen als auch im Labor ein biologisches Experiment verfolgen.
Doch nicht nur die Wissenschaft ist seine Leidenschaft. Wenn es die Zeit erlaubt, zieht es den Deutschen hinaus in die Berge, zum Wandern oder Snowboarden. Und auch seine beiden Kinder – 3 und 5 Jahre alt – halten den jungen Forscher auf Trab. Die Wochenenden sind deshalb für die Familie reserviert und nur in Ausnahmefällen für das Labor.
