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Rudi Balling: Immer über den Tellerrand
Von Grenzen lässt sich Rudi Balling so schnell nicht beeindrucken. Der Geschäftsführer des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschng (HZI) in Braunschweig hat es sich zur Aufgabe gemacht, über den Tellerrand zu schauen und Mauern zu überwinden. Wenn andere Biologen das Handtuch werfen, stürzt sich Balling erst recht mitten hinein. Jetzt hat Balling wieder eine große Aufgabe vor sich: Als frisch gekürter Präsident des VBIO will er nun erstmals die Interessen von rund 35.000 Biologen, Biowissenschaflern und Biomedizinern mit einer Stimme vertreten.
Den klassischen Biologen hat Balling noch nie verkörpert. Immer hat der Forscher auch die Grenzen der eigenen Disziplin ausgetestet und interdisziplinäres Arbeiten gelebt. So ist es nicht verwunderlich, dass er erst vor kurzem noch einmal tief ins Algebra-Studium einstieg und sich der Mathematik zugewendet hat. "Wer herausfinden will, wie biologische Prozesse funktionieren, muss sich mit systematischen Modellen auseinandersetzen", erläutert der 53-jährige Biowissenschaftler. Sein Lieblingsbeispiel: Kein Ingenieur würde tausend Versuchsflugzeuge in die Luft jagen, um zu schauen, ob eines davon funktioniert. Konstrukteure testen ihre Varianten im Modell.
"Die Biowissenschaften könnten davon einiges lernen, aber mancherorts herrscht eine regelrechte Angst vor Mathematik", sagt Balling. Aus seiner Sicht sollte sich vor allem die Ausbildung ändern. Sein Wunsch: Schon im Grundstudium müssten Biologen und Ingenieure an einem Tisch sitzen und die gleichen Mathematik-Vorlesungen hören.
Keine Berührungsängste zu anderen Disziplinen
Berührungsängste kennt Balling überhaupt nicht. Schon als Student der Ernährungswissenschaften setzte er sich in medizinische oder physikalische Vorlesungen. Und in der Bibliothek blätterte er gern in Fachzeitschriften anderer Fächer. "Dort habe ich immer etwas gefunden, dass mir auch für die Biologie weitergeholfen hat", erinnert sich Balling.
Eine geradlinige Karriere als Ernährungswissenschaftler kam für ihn deshalb nicht in Frage. Stattdessen promovierte Balling an einer medizinischen Fakultät über die Züchtung von Kaninchenembryonen aus der Retorte. Danach entdeckte er die Maus als genetisches Untersuchungsmodell und wagte sich auch dort in immer neue Themenfelder vor. "Mich reizt es, in unbekannte Gebiete vorzustoßen und mit bisherigen Erfahrungen in Verbindung zu bringen", sagt er.
Impfstoff gegen Hepatitis-C
Die Maus lässt ihn aber auch heute noch nicht los. Gemeinsam mit Kollegen aus Hannover, New York, Amsterdam und Paris will er helfen, einen Impfstoff gegen das gefährliche Hepatitis-C-Virus zu finden. Derzeit haben die Forscher aber noch mit einem Problem zu kämpfen. Mögliche Impfstoffkandidaten können an der Maus nicht getestet werden, weil sie von Natur aus nicht an dem Virus erkranken kann. Dieses Hindernis wollen Balling und sein Team überwinden und haben dafür als internationales Forscherkonsortium von der Bill and Melinda Gates Foundation neun Millionen Dollar Förderung bekommen. Zusammen versuchen sie, Leber und Immunsystem der Tiere so zu verändern, dass ein Test doch möglich wird. Dafür ist eine Doppeltransplantation von menschlichen Leber- und Immunzellen in die Maus geplant. "Die Immunzellen sollen verhindern, dass die Tiere die Leberzellen abstoßen. Wenn das klappt, können wir die Tiere mit dem Virus infizieren", erläutert der Forscher.
Frisch gekürter Präsident des neuen VBIO
Mit diesem Projekt ist es Balling gelungen, die ehemalige Gesellschaft für Biotechnologische Forschung in Braunschweig ein gutes Stück weiter in Richtung Infektionsforschung zu führen. Inzwischen trägt die Einrichtung dieses Forschungsfeld auch offiziell im Namen und nennt sich Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI). Schon seit Jahren peilt Balling diese Marschroute an: "Wir wollen uns als international anerkanntes Zentrum auf diesem Feld etablieren." Die Arbeit als Visionär einer großen Forschungsanstalt macht ihm sichtlich Spaß. Er denkt gern in die Zukunft, holt die verschiedensten Leute in ein Boot und ist kein Wissenschaftler, der Diskussionen scheut. Im Gegenteil. „Wir Forscher dürfen uns nicht verstecken und müssen uns der Öffentlichkeit stellen“, sagt er. Dies ist auch einer der Punkte, warum sich Balling nun an die vorderste Front der Biologen begeben wird. "Die Physiker sprechen mit einer Stimme, die Chemiker auch, nur die Biologen nicht", betont er. Das soll sich nun mit der Gründung des VBIO ändern, einem Zusammenschluss der bisherigen Verbände vdbiol und vbbm. Am 31. Mai wurde Balling im Rahmen der European Bioperspectivs in Köln zum Präsidenten den neuen Biologen-Verbandes gewählt. "Wir wollen ein Ansprechpartner für alle Biologen, Biomediziner und Biowissenschaftler sein", erklärte Balling selbstbewusst auf der Pressekonferenz in Köln. Er weiß aber auch, dass die Vielzahl an Köpfen, die er nun zu vertreten hat, nicht immer alle unter einen Hut zu bekommen sind. Abschrecken lässt er sich davon aber nicht: "Wir haben keine andere Wahl, wenn wir ernst genommen und gehört werden wollen. Fragmentierung ist keine Lösung", lautet seine Parole, schließlich gilt der Wissenschaftler als keiner, der Problemen aus dem Weg geht.
Schwierigkeiten hat Balling eigentlich nur mit solchen Kritikern, die ohne Beweise argumentieren oder auf aggressive Art ihren Standpunkt verteidigen. "Damit kann ich nicht umgehen", gesteht er. Wenn dann noch falsche Argumente in Umlauf gebracht werden, frustriert das Balling, den Pragmatiker, besonders.
Pragmatisches Stehaufmännchen
Wenn es um die Forschung geht, bringt ihn jedoch so schnell nichts aus der Ruhe. Ein Experiment will und will nicht klappen? "Da bin ich ein pragmatisches Stehaufmännchen und mache eben solange, bis es funktioniert", erzählt er. Vor nicht allzu langer Zeit hat sich der Wissenschaftler wieder ein eigenes kleines Labor geschaffen. Dort will er mithilfe von zwei Kollegen herausfinden, wie sich Pilze mit Substanzen aus Bakterien bekämpfen lassen, die im Boden vorkommen. "Pilze sind vor allem im Krankenhaus ein Problem und können Menschen mit geschwächtem Immunsystem erheblich schaden", erläutert Balling. Um einen möglichen Wirkstoff gegen Pilze zu entwickeln, müssen die Forscher jedoch erst die Mechanismen der bakteriellen Substanzen genau verstehen. Zwei von ihnen nimmt Ballings Team genauer unter die Lupe.
Seine Freizeit verbringt Balling übrigens am liebsten im Antiquariat. Hier könne er stundenlang nach alten Büchern stöbern. Nach "unterschätzten Schätzchen", wie er es nennt.



