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Martin Hrabé de Angelis: Pendler zwischen den Welten

31.10.2006
Martin Hrabé de Angelis hat die weltweit erste Mausklinik am GSF Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit gegründet.
Quelle: GSF/Bernd Müller (Büro 31)

Martin Hrabé de Angelis ist kein Mensch, der sich nur in einer Welt zuhause fühlt. Aber egal, ob als Schlagzeuger in einer Jazzband, als Sportler auf dem Surfbrett oder als Biologe im Labor - der zierliche Mann versteht es, andere mitzureißen und sie mit seiner Leidenschaft für die Sache zu begeistern. Als Wissenschaftler hat sich der 41-jährige der systematischen Analyse von Mäusegenen verschrieben, um damit das Verständnis für menschliche Krankheiten zu erhöhen. Im Jahr 2001 gelang ihm dabei ein Coup: Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Nationalen Genomforschungsnetzes (NGFN) hat er die weltweit erste Mausklinik am GSF Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg gegründet.

Anders als in einem Krankenhaus für Menschen geht es in der Mausklinik nicht darum, aus kranken Tieren gesunde zu machen. Darauf legt Martin Hrabé de Angelis – dessen Name ein Mix aus italienischen und tschechischen Vorfahren ist – großen Wert. „Der Begriff Klinik führt ein wenig in die Irre, eigentlich müssten wir Mausmutantenphänotypisierungs-Einrichtung heißen“, betont er. Aber so sperrig sollte es dann doch nicht klingen, im Jahr 2001, als aus der Idee einer German Mouse Clinic Wirklichkeit wurde.

Damals waren die Deutschen die ersten auf der Welt, die genetisch veränderte Mäuse im Großmaßstab mit standardisierten Verfahren auf Herz und Nieren prüfen wollten. Mausgenetiker wie Hrabé de Angelis sind davon überzeugt, mithilfe dieser Ergebnisse menschlichen Krankheiten besser auf die Spur zu kommen. Schließlich haben Maus und Mensch rund 90 Prozent ihres Erbguts gemeinsam. In einer Einrichtung wie der Mausklinik kann die Fahndung nach relevanten Genen und ihren Funktionen in einem standardisierten Muster mit den unterschiedlichsten Experten unter einem Dach ablaufen.

In der Mausklinik werden genetisch veränderte Mäuse systematisch untersucht.Lightbox-LinkIn der Mausklinik am GSF Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit werden genetisch veränderte Mäuse systematisch untersucht.Quelle: GSF

Die Maus als Modell für menschliche Krankheiten. Quelle: GSF


Derzeit umfasst das Programm 14 Stationen, in denen die genetisch veränderten Tiere auf insgesamt 240 Parameter gecheckt werden. Ob Lungenfunktion, Geruchssinn, Sehtest oder Blutwerte – jede Abweichung wird registriert und abgespeichert. „Die meisten Krankheiten basieren nicht auf der Veränderung eines einzigen Gens, sondern werden von vielen verschiedenen beeinflusst“, erläutert Hrabé de Angelis. Die Mausklinik soll dabei helfen, die vielen Wechselwirkungen systematisch zu erfassen und den Einfluss der genetischen Veränderungen, die in einem Versuchstier vorgenommen wurde, auf den Körper als Ganzen zu erfassen. Hrabé de Angelis ist der festen Überzeugung, dass die Mausklinik Mehrwert schafft: „Wir geben Forschern eine ganzheitliche Sicht in die Hand, mit der sie ihren auf eine spezielle Krankheit gerichteten Blick erweitern können.“

Beseelt von einer grundsätzlichen Neugier auf alles

Er selbst hat den Blick über den Tellerrand schon als Kind verinnerlicht und war bereits als kleiner Junge von einer grundsätzlichen Neugier beseelt. Er sammelte und züchtete Kaulquappen, um sie beim Wachsen zu beobachten. Er sah mit schlotternden Knien zu, als die eigene Katze vom Arzt operiert werden musste – einfach, weil er wissen wollte, was im Bauch drin ist. Im Keller experimentierte er mit allem, was der Chemiebaukasten hergab und so manches Mal entkam das Elternhaus nur knapp einer mittleren Explosion. Aber auch von Sport und Büchern konnte der junge Entdecker nie genug bekommen, ganz zu schweigen von Musik. „Mit 10 sah ich die Glenn Miller Story im Fernsehen und war sofort wie elektrifiziert“, erinnert sich Hrabé de Angelis. Jazz, Funk, Soul – das wurden die Genres, denen er sich seit seiner Jugendzeit als Schlagzeuger in verschiedenen Bands widmete. Als es schließlich darum ging, über einen Beruf nachzudenken, war ihm jedoch klar, dass „ein Musiker nur dann Erfolg hat, wenn er viel von sich und seinen Emotionen preisgibt.“ Und davon wiederum wollte Hrabé de Angelis eine Karriere nicht abhängig machen. Stattdessen suchte er sein Glück im Lehrerdasein und studierte Biologie und Sport. „Ich freute mich so dermaßen auf die vielen neuen Erkenntnisse im Studium, dass ich zunächst ganz verdrängte, dass es im Berufsalltag dann gar nicht mehr so weitergehen kann“, erinnert er sich. Nach dem Abschluss siegte schließlich das Forscherherz. „Ich habe gedacht: Die Schule läuft mir nicht weg. Da kann ich immer noch zurück.“

Dem gängigen Forscherklischee nie entsprochen

Selbst heute kann sich Hrabé de Angelis den Wechsel ins pädagogische Fach immer noch vorstellen. Das Erklären, das Reduzieren aufs Wesentliche liegt ihm und schon während des Sportstudiums war er es, der Blinden komplizierte Bewegungsabläufe verständlichen machen konnte. Dem gängigen Forscherklischee hat er dabei nie entsprochen, schon gar nicht zu Beginn seiner Laufbahn – mit langen Haaren und bunten Surferhosen war er anfangs selbst seinem Doktorvater suspekt. Und noch immer ist er Pendler zwischen den Welten, kann auf dem Surfbrett stehen, über seinen Glauben an Gott philosophieren und im gleichen Atemzug über Wissenschaft schwärmen. Sein Blick auf die Welt ist offen und nicht automatisch naturwissenschaftlich-distanziert. Womöglich ist er aus diesem Grund seit Juli diesen Jahres zum Sprecher des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Nationalen Genomforschungsnetzes (NGFN) geworden.

Als Forscher arbeitete er sich langsam an die verschiedenen Themen heran, zunächst studierte Hrabé de Angelis als Biologe Hummeln, dann Kaninchenembryonen und schließlich entdeckte er für sich die Welt der Genetik: „An diesem Punkt merkte ich: Ohne Handwerk bist du nichts. Wie in der Musik. Erst, wenn du die Grundgriffe kannst, kommt die Kunst.“

Von Amerika zurück nach Deutschland gelockt

Mit dieser Einsicht im Hinterkopf ging der 29-Jährige nach der Doktorarbeit in die USA, zum größten Mausgenetiklabor der Welt in Maine. Dort lernte er von seinem Chef Achim Gossler, mit embryonalen Stammzellen umzugehen und genetisch veränderte Mäuse zu züchten. Die forschungsgetriebene Atmosphäre ließ ihn wie alle anderen sieben Tage die Woche im Labor verbringen. Mit einer Arbeit zur Rolle des Delta-Gens im Entwicklungsschicksal von Zellen schaffte der junge Deutsche die erste Publikation im Fachmagazin Nature (1997, Vol.386, S. 717-721). Doch irgendwann wurde ihm klar: Wer die Mechanismen als Ganzes verstehen will, kann nicht bei der Analyse einzelner Gene stehenbleiben.

So lockte Hrabé de Angelis im Jahr 1997 schließlich  ein großangelegtes Mutagenese-Projekt wieder zurück nach Deutschland, angesiedelt am Institut für Experimentelle Genetik der GSF in Neuherberg/München. „Ich hätte auch ans Max-Planck-Institut gehen können, aber das Neuland eines großangelegten Forschungsprojekts reizte mich besonders. “, erinnert er sich heute. Das Angebot der GSF entsprach schließlich mehr seinem Naturell, das Leben als Ganzes zu verstehen: Es sollten erstmals gezielt Mäusemutanten im Großmaßstab gezüchtet werden, unter denen nach geeigneten Modellen für menschliche Krankheiten gefahndet wurde.

Die Idee stammte von einem Wissenschaftler, mit dem Hrabé de Angelis schon länger in Kontakt stand: dem Mausgenetiker Rudi Balling, heute Geschäftsführer des Helmholtzzentrums für Infektionsforschung in Braunschweig (sein Porträt finden Sie hier). Wie Hrabé de Angelis war auch er schon früh von der Notwendigkeit einer systematischen Herangehensweise im Großmaßstab überzeugt und initiierte das europaweite Mutagenese-Projekt. „Er war und ist für mich eine prägende Figur“, sagt Hrabé de Angelis, der als Koordinator dieses Projekts erstmals seine Management-Qualitäten unter Beweis stellte. Darauf aufbauend konnte er schließlich einige Jahre später seine eigene Idee der Mausklinik verwirklichen, deren Aufbau im Rahmen des NGFN in Zusammenarbeit mit mehreren Universitäten möglich wurde. 

Mausklinik geht in die nächste Phase

Inzwischen wird die Einrichtung von überall auf der Welt angefragt, Forscher aus Harvard, Stanford und Oxford schicken ihre Mäuse zum Screening nach Neuherberg. Doch Hrabé de Angelis ist schon einen Schritt weiter. Künftig sollen die Tiere zusätzlich auf die Wechselwirkungen zwischen genetischen Veranlagungen und Umwelteinflüssen bei Entstehung und Ausbruch von Krankheiten analysiert werden. All das erfordert noch mehr Systematik und noch komplexere Modelle und wieder wären die Deutschen allen anderen einen Schritt voraus – wenn denn die Finanzierung klappt. Aber Hrabé de Angelis ist überzeugt: „Es ist ein konsequenter Schritt und es wäre unlogisch, ihn nicht zu machen - bei den Ressourcen, die schon da sind.“ Aber auch privat ist bei ihm gerade eine neue Ära angebrochen: Hrabé de Angelis ist Vater geworden und zu den „alten“ Welten gesellt sich wieder eine neue hinzu, die es zu entdecken gilt.

 

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