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Norbert Kraut: Krebsforscher im Dienst der Medikamentenentwicklung

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Norbert Kraut ist Vizepräsident der Krebsforschung bei Boehringer Ingelheim. Quelle: Boehringer

07.07.2008  - 

Als Biologiestudent wird Norbert Kraut regelrecht vom Sog der modernen Genomforschung mitgerissen. Sein Weg führt den ehrgeizigen Nachwuchsforscher sehr schnell in renommierte amerikanische und europäische Labore. Damit scheint eine akademische Karriere vorgezeichnet. Nach dem Postdoc entscheidet sich der Deutsche jedoch anders. „Die Anwendung molekularbiologischer Erkenntnisse lag mir irgendwann mehr am Herzen als die reine erkenntnisortientierte Grundlagenforschung“, so der 43-Jährige. Heute ist Kraut in leitender Funktion für die Entwicklung neuer Krebsmedikamente beim zweitgrößten deutschen Pharmakonzern Boehringer Ingelheim verantwortlich.

Die Genetik hat Norbert Kraut bereits in der Schule gepackt, ohne dass er genau gewusst hätte, was die Molekularbiologie eigentlich für Möglichkeiten parat hält. Als er an der Universität Regensburg Biologie zu studieren beginnt, ist ihm nur klar: Er will im Labor arbeiten, „echte“ biomedizinische Forschung betreiben. Weil das Studium recht verschult ist, wirft Kraut einen Blick auf die amerikanische Partneruniversität in Boulder, Colorado: „Dort gab es nur vier Austauschplätze jedes Jahr, aber ich wollte da unbedingt hin.“ Schon damals zeigte Kraut Durchsetzungsvermögen. Er wird – nur mit einem Vordiplom ausgestattet – in die USA geschickt.

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US-Aufenthalt als Kickstart für die Forscherkarriere

„Dieser Aufenthalt dort war für mich ein regelrechter Kickstart“, erinnert sich Kraut. Seitdem ist er endgültig mit dem Forschervirus infiziert, sein erstes Arbeitsgebiet lautet Hefegenetik. Anders als dies in Regensburg möglich gewesen wäre, steigt er in die moderne Genomforschung ein, analysiert die Aktivität und molekulare Regulation von Genen. Nach einem Jahr kommt Kraut wieder zurück nach Deutschland – mit dem Wunsch, auch seine Diplomarbeit in Boulder zu schreiben. Auch hier zeigt Krauts Initiative Wirkung, er ist der erste Regensburger Diplomand in Boulder. Was den Deutschen dort besonders fasziniert, ist die Tatsache, dass er früh ins Netzwerk eingebunden wird. „Ob Professor oder Doktorand, alle haben viel miteinander interagiert, sich ausgetauscht. Das war ein ganz anderes Forschen, als es zu der Zeit in Deutschland üblich war“, ist Kraut noch jetzt begeistert. Wie alle anderen verbringt er Tag und Nacht im Labor, der Ehrgeiz der anderen treibt auch seinen eigenen an. „Damals, bei der Diplomarbeit in Boulder, habe ich gemerkt, dass ich mit anderen Topstudenten mithalten kann“, sagt Kraut.

Als frisch gebackener Diplomand will der junge Biologe an eine Topforschungseinrichtung, ob USA oder Europa ist eigentlich nebensächlich. Das Angebot muss passen. Kraut geht schließlich ans European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Heidelberg, wo er als Doktorand bei Thomas Graf beginnt, damals Programmdirektor Differenzierung. Aus heutiger Sicht sein erster Kontakt mit der Krebsforschung. Anfang der 90er Jahre erlebt das Feld dank neuer, bahnbrechender Entdeckungen in der Genetik einen enormen Aufschwung. Eine Reihe von neuen Onkogenen wurde damals identifiziert – spezielle Regionen im Genom, die einen starken Einfluss darauf haben, ob sich Zellen zu Krebszellen entwickeln. Auch Kraut stürzt sich in dieses Forschungsfeld. Doch nach der Doktorarbeit will er sich als Postdoc noch einmal mit einem anderen Thema beschäftigen. Ihn interessieren genetische Fragestellungen in der Entwicklungsbiologie, etwa das Konzept der Mastergene, die bei Stammzellen das Entwicklungsschicksal steuern.

Früher hat Norbert Kraut  noch selbst im Labor geforscht, heute ist der Wissenschaftler eher Stratege.Lightbox-Link
Früher hat Norbert Kraut noch selbst im Labor geforscht, heute ist der Wissenschaftler eher Stratege.Quelle: Boehringer

HFSP-Stipendium als Eintrittskarte in eines der besten Labore

Die Wahl fällt schließlich auf das Labor von Harald Weintraub am Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle. Unterstützt mit einem Long-Term Fellowship des Human Frontier Science Program (HFSP) geht es für Kraut von Europa wieder Richtung USA. „Das Stipendium hatte einen sehr guten Ruf und galt als Eintrittskarte in die besten Labore der Welt“, resümiert Kraut heute. Für ihn sei es damals eine Auszeichnung gewesen, als Stipendiat ausgewählt zu werden. Der erste Arbeitstag in Seattle beginnt jedoch unerwartet: Ihm wird mitgeteilt, dass Weintraub an einem aggressiven Gehirntumor erkrankt ist und ihm nur noch wenig Überlebenszeit bleibt. Die neue Situation ist für Kraut Glück und Unglück zugleich. Der Deutsche ist ziemlich auf sich allein gestellt. Weintraubs Labor wird organisatorisch an das Team eines benachbarten Professors angedockt. Da dort an anderen Themen gearbeitet wird, ist der Nachwuchsforscher faktisch führungslos. Wieder ergreift er jedoch Eigeninitiative, knüpft Kontakte mit anderen Wissenschaftlern und baut sich – mit den restlichen verbliebenen Weintraub-Mitarbeitern – ein kleines Team auf. „Unser Vorteil war, dass wir relativ unabhängig arbeiten konnten“, sagt Kraut rückblickend. Als Untersuchungsobjekt stehen zu diesem Zeitpunkt Vorläuferzellen von Muskelstammzellen im Mittelpunkt, um neben dem bereits in Weintraubs Labor entdeckten Mastergen MyoD weitere essenzielle Regulatoren aufzudecken, die das Zellschicksal beeinflussen.

Statt akademischer Karriere Wechsel in die Wirtschaft

Eigentlich scheint seine akademische Karriere nun vorprogrammiert. Doch statt nach dem Postdoc eine Professoren-Karriere in der Wissenschaft anzustreben, winkt 1998 ein attraktives Angebot des deutschen Pharma-

unternehmens Boehringer Ingelheim. In Biberach soll eine Genomforschungsgruppe aufgebaut werden. Das Ziel war klar umrissen: Wie kann die Genomforschung bei der Suche nach neuen Angriffszielen und Therapiestrategien helfen? „Damals kamen erste DNA-Chips und diverse andere Genomics-Technologien auf“, erinnert sich Kraut. Das öffentlich finanzierte Human Genom Projekt war in vollem Gange und bekam gerade Konkurrenz durch einen gewissen Craig Venter. Kraut hatte eigentlich keine Ambitionen in Richtung Wirtschaft, doch Biberach klang verlockend: Viele andere Mitarbeiter der Gruppe waren selbst erst aus renommierten Forschungseinrichtungen nach Biberach gekommen, zudem sollte Kraut auch publizieren und mit akademischen Teams zusammenarbeiten dürfen. „Anders als in Seattle waren bei Boehringer alle davon beseelt, Medikamente gegen wichtige Krankheiten zu entwickeln. Diese Praxisnähe der Forschung hat mich begeistert, obwohl Industrie anfangs für mich ein großes Fragezeichen war“, erinnert sich Kraut.

Weil seine jetzige Frau zudem nach Europa zurück wollte, ergreift der Akademiker die Chance zum Tapetenwechsel und bereut es nicht. „Ich konnte einerseits weiter forschen, aber zugleich sämtliche Therapiegebiete kennenlernen“, sagt Kraut. Als Gruppenleiter in der Genomik-Gruppe kann er sich an der Universität Ulm habilitieren, gleichzeitig erwirbt er eine breite, anwendungsorientierte Expertise in der Krebsforschung, bei Atemwegserkrankungen, im Zentralen Nervensystem sowie bei metabolischen Erkrankungen.

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www.boehringer-ingelheim.at

Im Jahr 2001, nach drei Jahren im Unternehmen, folgt dann der Karrieresprung nach Wien. Als dort ein Abteilungsleiter Lead Discovery in der Krebsforschung gesucht wird, erreicht ihn eine interne Anfrage: „Da zu dieser Zeit die gesamte Krebsforschung von Boehringer Ingelheim in Wien konzentiert wurde, habe ich nicht lange überlegt.“ Inzwischen sind aus den damals 30 Leuten, die Kraut zu verantworten hatte, doppelt so viele geworden. Der Wissenschaftler von einst ist nun ein leitender Stratege im Kampf gegen Krebs, der innerhalb des Konzerns Therapieansätze und Forschungsschwerpunkte wesentlich mitbestimmen kann. Dem Team des 43-Jährigen kommt dabei eine wichtige Rolle zu: Es prüft vielversprechende therapeutische Angriffspunkte mithilfe modernster molekularbiologischer Hochdurchsatz-Technologien auf ihre Relevanz in Zellkulturen. Nur was in Krauts Abteilung für effizient und effektiv genug gehalten wird, tritt die lange Marschroute der klinischen Medikamentenentwicklung an.

 

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Ausführliche Informationen zum Human Frontier Science Program erhalten Sie im Internet auf der Webseite des Programms: www.hfsp.org


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