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Horst Lindhofer: Krebsbekämpfer mit Musikkarriere

20.02.2009
Horst Lindhofer hat sich vor seiner Karriere als Wissenschaftler und Unternehmensgründer als Musiker versucht. Sein größter Hit "Pogo in Togo" stürmte in den 80er Jahren die Hitparade.
Quelle: Lindhofer

Horst Lindhofer erklomm mit seiner Band "United Balls" zuerst die Spitze der Charts, bevor er sich an die Spitze der Antikörperforschung setzte. Hiermit entwickelt er Medikamente gegen Krebs, die das eigene Immunsystem mobilisieren. Mit Erfolg. Die europäische Zulassungsbehörde EMEA hat für Lindhofers Antikörper-Medikament jetzt grünes Licht gegeben - damit ist die größte vor dem Markteintritt genommen.


Kurz vor der Gründung seiner Firma Trion Pharma im Jahr 1998 beginnt der Biologe Horst Lindhofer, sein neuartiges Medikament in der Klinik zu testen. Bisher konnte er nur bei Mäusen sehen, wie gut der Stoff gegen Krebs wirkt. Eine seiner ersten Patientinnen ist eine frühere Mitarbeiterin von ihm. Mit der technischen Assistentin hatte er jahrelang im Labor zusammengearbeitet, bis der Eierstockkrebs sie zwang, ihren Beruf aufzugeben. Nun ist die ehemalige Kollegin bereits im letzten Stadium der Erkrankung, immer wieder sammelt sich Flüssigkeit in ihrem Bauch, die Ärzte prognostizieren ihr nur noch sehr wenig Lebenszeit.

„Da habe ich mitbekommen, wie schwierig eine solche aussichtslose Situation auch für die Psyche des Patienten ist“, erinnert sich Lindhofer. In einer Klinik bekommt sie das neue Medikament. Sie fühlt sich schnell besser, in ihrem Bauch sammelt sich keine neue Flüssigkeit. „Wir waren glücklich, dass wir zumindest ihre Lebensqualität über Monate hinweg deutlich bessern konnten, aber leider waren wir zu spät dran.“ Bald stirbt sie. „Man darf mit unserem Medikament nicht zu spät kommen, irgendwann schafft das Immunsystem nicht mehr die Wende“, sagt der Biologe.

Mit dem Immunsystem arbeiten

Lindhofer hofft, dass er mit seinem Ansatz ein grundsätzliches Problem der Krebs-Therapie lösen kann. „Viele Chemotherapien bekämpfen zwar den Krebs, können aber auch das Immunsystem schädigen“, weiß Lindhofer. Und das Immunsystem ist im Körper eigentlich von Natur aus für die Krebsbekämpfung zuständig. So stehen die Ärzte oft vor dem Dilemma: „Schaffe ich es, den Krebs schneller zu töten als den Menschen?“

Antikörper sind rund 800 Mal so groß wie Aspirinmoleküle und entsprechend komplex, weshalb an den Prouktionsprozess besondere Anforderungen gestellt werden.Lightbox-LinkAntikörper sind rund 800 Mal so groß wie Aspirinmoleküle und entsprechend komplex, weshalb an den Prouktionsprozess besondere Anforderungen gestellt werden.Quelle: Trion Pharma

Lindhofer ist von seiner neuen Methode überzeugt: Das Medikament hat bereits alle klinischen Phasen, die für die Zulassung nötig sind, überstanden. „Das besondere an unserem Verfahren ist, dass wir mit dem Immunsystem und nicht gegen das Immunsystem arbeiten“, glaubt Lindhofer. Der Theorie nach kann das neue Medikament sogar eine Immunität gegen den jeweiligen Krebs erreichen. Von einem Grippetyp kann man nur einmal krank werden, weil sich das Immunsystem an den Erreger erinnern kann, der Mensch wird immun. Und so könnte sich auch das Immunsystem an die Krebszellen erinnern, und spätere Metastasen bekämpfen.

Neuartiger Antikörper

Die Idee der Therapie ist es, die Zellen des Immunsystems dazu zu zwingen, Krebszellen zu bekämpfen. Dafür hat Lindhofer einen Antikörper so verändert, dass der Stoff an drei verschiedene Zellen binden kann: An eine Krebszelle, und an zwei verschiedene Arten von Immunzellen, die so genannten T-Zellen und die Makrophagen.

„T-Zellen sind sehr potente Killer, sie können aber nicht so einfach aktiviert werden, sonst würden sie ja wahllos im Körper töten“, sagt Lindhofer. Damit sie loslegen, braucht es zwei verschiedene Signale. Eines kommt direkt von dem neuen Medikament. Makrophagen spielen eine wichtige Rolle bei der Regulierung des Immunsystems. Weil auch sie über das neue Medikament an die T-Zellen binden, geben sie das zweite Signal.

Die T-Zelle beginnt, die Krebszelle zu töten, und startet Makrophage damit, weitere Zellen zu aktivieren. Auf diese Weise bringt das neue Medikament sogar das gesamte Immunsystem gegen den Krebs in Stellung, denn die aktiven T-Zellen und Makrophagen locken weitere nützliche Zellen an. Im Idealfall entsteht sogar eine Resistenz gegen die Krebszellen.

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Entdeckung durch Probieren im Labor

Auf die Idee mit den Antikörpern, die verschiedene Zellen binden können, hat ihn sein damaliger Chef, Stefan Thierfelder gebracht. Lindhofer hatte gerade seine Pomotion über den Aids-Virus beendet und eine Stelle als Postdoc an dem Münchner GSF-Institut für Immunologie begonnen. Sein Chef sagte: „Produzier mir bispezifische Antikörper“, und Lindhofer begann, im Labor rumzuprobieren. Alle Antikörper sind geformt wie ein Ypsilon, mit einem Stamm und zwei Ärmchen. Doch normalerweise sind die Ärmchen identisch, sodass maximal zwei verschiedene Zellen gebunden werden können, am Stamm und an den Ärmchen. Lindhofer gelang es nach vielen erfolglosen Versuchen erstmals, Antikörper in großen Mengen herzustellen, die zwei unterschiedliche Ärmchen besitzen, und sogar an drei verschiedene Zellen binden können. Denn auch der Stamm des Ypsilons konnte an einen Zell-Typus binden, die Makrophagen.

„Solche Momente vergisst kein Forscher, wenn nach Monaten des Frusts endlich ein Ergebnis da ist“, erinnert sich Lindhofer an den Augenblick, als er den Antikörper hergestellt hatte. Dieser Moment ist 15 Jahre her, und er bestimmt noch immer die Arbeit des Forschers. Zunächst stellte er seine Ergebnisse auf einem Kongress vor, dann erkannten sein Institut und er das wirtschaftliche Potential seiner Entdeckung. Zunächst meldete er ein Patent an, wenige Jahre später gründete er die Firma Trion Pharma. Finanziell wurde er dabei zu 100 Prozent von der Pharmafirma Fresenius AG unterstützt, denen heute ein Teil des Unternehmens gehört.

Horst Lindhofer: Krebsforscher als Musiker

Der Biologe als Musiker

Vor seinem Biologie-Studium, nach Schule und Wehrdienst, hatte Lindhofer zunächst eine ganz andere Karriere eingeschlagen. Mit seiner Neue-Deutsche-Welle-Band „United Balls“ stürmte er 1981 die Charts. Der Hit „Pogo in Togo“ findet sich noch heute auf dem einen oder anderen 80er-Jahre-Sampler. „Dann habe ich gemerkt, ich bin nicht begabt genug, um ausschließlich Musik zu machen“, erinnert sich der Wissenschaftler. Er entschied sich zunächst dazu, Elektrotechnik zu studieren, „doch das war mir zu abstrakt“, und wechselte schnell zur Biologie. „Ich wollte an etwas mitarbeiten, das einen Nutzen hat.“

Der erhoffte Nutzen könnte in Form seines neuen Krebs-Medikaments nun kommen. Inzwischen hat der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der europäischen Arzneimittelbehörde EMEA grünes Licht für eine Zulassung gegeben. Ende April 2009 könnte es dann soweit sein: Der erste in Deutschland entdeckte und enwickelte Antikörper würde den Markt erreichen. Mit seinen etwa 100 Angestellten hätte Trion Pharma dann geschafft, was bisher noch keinem deutschen Biotechnologie-Unternehmen gelungen ist. 

Autor des Textes: Ragnar Vogt

 

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