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Johannes Ring: Die Allegorie der Allergie

21.11.2008
Johannes Ring ist Mediziner an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der TU München.
Quelle: Ring

Als Dermatologe und Allergologe an der TU München arbeitet Johannes Ring daran, dass Patienten mit Allergien in Zukunft besser geholfen werden kann. Der Forscher hat aber auch eine musische Ader. Seit 1985 textet Ring zu bekannten Popsongs und klassischen Stoffen Allegorien auf die Allergologie und bringt diese mit seinen Mitarbeitern auf internationalen Kongressen zur Aufführung, zuletzt auf dem Welt-Allergie-Kongress in München im Jahr 2005.




„It was at the very beginning, that everything was peaceful and there was no allergy. Before our cells started sinning, and spoiling the harmony.”

Wie im Original, der “Göttlichen Komödie” von Dante Alighieri, beginnt das Musical mit der Schilderung des verzweifelten Protagonisten Dante, welcher durch Hölle und Fegefeuer gehen muss, bis er die Erlösung im Paradies findet. In Rings Version leidet er unter Allergien und die Erlösung kommt in Form einer heilenden Spritze. Auf dem Weg dahin wird die Allergologie kräftig durch den Kakao gezogen und Wissenschaftskritik geübt.

"Let's twist again, unpleasant facts"

So heißt es zum Thema Plagiarismus zu der Melodie von „Mackie Messer“ von Kurt Weill: „I review competing papers, I will certainly reject. Quickly write it up myself, then, No one knows it, I'm correct!“ Dann wurde getwistet wie bei Chubby Checker, doch in leicht veränderter Form: „Come on let's twist again, our latest data, Come on, let's twist again, unpleasant facts.“

Ob Milch, Nüsse, Kiwis oder Zitrusfrüchte: Zahlreiche Nahrungsmittel können Allergien auslösen.Lightbox-LinkOb Milch, Nüsse, Kiwis oder Zitrusfrüchte: Zahlreiche Nahrungsmittel können Allergien auslösen.Quelle: Techniker Krankenkasse

Dichten und Klavierspielen pflegt Wissenschaftler Ring schon lange als Liebhabereien. “Ich habe aber nie angestrebt, mir meinen Lebensunterhalt auf der Bühne zu verdienen”, sagt er. Nach dem Abitur fiel die Entscheidung schließlich aus pragmatischen Gründen. Griechisch, Philosophie und Geschichte ist ihm damals zu brotlos erschienen. Erst während des Studiums hat ihn die Begeisterung für Medizin richtig gepackt. Bei der Allergologie fasziniert ihn die Vielseitigkeit: „Man muss viel zuhören, denken, kombinieren, fast wie ein Sherlock Holmes der Diagnostik“.

So wie bei dem Patienten, der auf eine Münchner Weißwurst allergisch reagierte. Dies war dem Arzt ein Rätsel, bis sich herausstellte, dass die Wurst Putenfleisch enthielt. „Nicht direkt verboten, aber ein Fall von mangelhafter Deklaration,“ stellt der Arzt fest. Unvollständige Deklarationen sind für viele Allergiker ein Problem. So verweist Ring darauf, dass es kaum Gewürzmischungen gibt, in der nicht Sellerie enthalten ist. “Viele Köche können deshalb nicht mehr genau sagen, was alles in ihren Speisen enthalten ist. Manchen Nahrungsmittelallergikern ist es schlicht unmöglich, in einem Gasthaus zu essen”, erläutert Ring.

Fillagrin-Gen spielt bei Neurodermitis eine Rolle

Eine Allergie ist die Überempfindlichkeit des Immunsystems auf bestimmte, normalerweise harmlose Substanzen. Typ I Allergien gehen mit der erhöhten Bildung von Antikörpern des Immunglobulins E (IgE) einher und führen zu Hautausschlag, Heuschnupfen oder Asthma. Da die Krankheit verschiedene Zielorgane hat, schlugen Arthur Coca und Robert Cooke 1923 den Namen Atopie (“Ortlosigkeit”) vor. Der juckende Hautausschlag wird atopisches Ekzem – im Volksmund Neurodermitis – genannt. Aber was macht harmlose Substanzen für bestimmte Menschen zu einem Allergen? Dieser Frage und den genetischen, umweltbedingten sowie psychologischen Ursachen geht Ring nach. So konnte er gemeinsam mit Kollegen bereits zeigen, dass eine bestimmte Mutation des Fillagrin-Gens nicht nur bei der erblichen Hautkrankheit Ichthyosis vulgaris, sondern auch bei Neurodermitisauftritt. Ist nämlich die Produktion des Eiweißes Fillagrin gestört, kann die Haut keine ausreichende Schutzbarriere gegen Allergene bilden. Vorher hatte man die juckende, trockende Haut eher als Symptom und Folge einer gestörten Immunantwort verstanden. Nun ist klar: Sie ist auch ein Ursache.

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Wer in diesem Wechselspiel das Ei und wer die Henne ist, darauf möchte sich Ring nicht festlegen. Interessanter findet er die sich ergebenen diagnostischen Möglichkeiten. So könne man, wenn der Gentest eine allergische Disposition bei einem Säugling verrate, schon früh präventive Maßnahmen einleiten, um den Ausbruch der Krankheit zu verhindern. "Aber leider", meint Ring, "wird es noch eine Weile dauern, bis wir soweit sind."

Dermatologen und Zellbiologen arbeiten zusammen

Das Wissen um die Genetik ist aber nur eine wichtige Komponente, Umwelteinflüsse und psychologische Komponenten spielen bei der Ausbildung von Allergien ebenfalls eine Rolle. So fordert Ring, dass Allergologen noch stärker interdisziplinär forschen müssten. Ein gutes Beispiel sieht er im "Zentrum für Allergie und Umwelt" in München, wo seit 1998 Allergologen  und Dermatologen mit Zellbiologen, Toxikologen, Lebensmitteltechnikern und Epidemiologen zusammenarbeiten. Ring hofft auf die Entwicklung einer Therapie, die dem Immunsystem beibringt, harmlose Substanzen wieder als solche zu erkennen.

“Es tut mir in der Seele weh, den Menschen immer alles verbieten zu müssen”, sagt er. Nach einer erfolgreichen Toleranzinduktion müsse sich der Patient nicht länger in seiner Lebensweise einschränken. Für viele Allergiker eine paradiesische Vorstellung. Ring hat sie am Ende der “L’Allergica Commedia” vorweggenommen. Hier triumphiert der Held im Takt des Liedes “I will survive”: “I have lost my allergy I am in full harmony And I’ll suvive! I will survive!” Bis dahin sei es noch ein weiter Weg, räumt der Forscher ein. Doch die Ideen und vielversprechende Ansätze seien schon vorhanden. “Wir bleiben dran”, verpricht er.


Autorin des Textes: Almut Graebsch

 

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