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Virtuelle Stammzell-Wunder

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Embryonale Stammzellen im undifferenzierten Zustand. Ihre Vielseitigkeit hat große Hoffnungen für die regenerative Medizin ausgelöst. Quelle: Eugene Russo

29.12.2008  - 

Nur selten hat eine medizinische Entdeckung so schnell so umfangreiche Hoffnungen geweckt wie der Fund von Stammzellen, zunächst im Embryo und später auch im erwachsenen Menschen. Doch kaum eine dieser Hoffnungen ist bisher in Erfüllung gegangen. Das hindert Unternehmen auf der ganzen Welt nicht, Stammzellen-Therapien verschiedenster Art anzubieten. Kanadische Wissenschaftler haben sich die im Internet verbreiteten Angebote von 19 selbst ernannten Stammzell-Kliniken einmal angesehen, und fanden recht erstaunliche Versprechungen. Das berichten sie in der Dezember-Ausgabe der Zeitschrift Cell Stem Cell (Vol. 3, Ausgabe 6, S. 591-594) berichten.





Die ersten Stammzellen wurden 1981 aus einer Maus isoliert, im Jahr 1998 beschrieb James Thomson erstmals die erfolgreiche Kultivierung menschlicher embryonaler Stammzellen in der Petrischale. In den zehn Jahren, die seitdem vergangen sind, sind Stammzellen fast überall im Körper nachgewiesen worden. Die Multitalente, aus denen im Idealfall alle anderen Körperzellen entstehen können, haben auch außerhalb der Wissenschaft große Aufmerksamkeit erfahren. Allerdings befinden sich nahezu alle Therapieansätze, die auf das regenerative Potenzial der Stammzellen setzen, noch in einer sehr frühen Phase, gesicherte Anwendungen sind trotz Aufsehen erregender Einzelmeldungen (mehr...) immer noch rar.

Pluripotente embryonale Stammzellen können sich in alle Zellen des Körpers ausdifferenzieren, hier eine neuronale Zelle. Lightbox-Link
Pluripotente embryonale Stammzellen können sich in alle Zellen des Körpers ausdifferenzieren, hier eine neuronale Zelle. Quelle: Eugene Russo

Im Internet auf Kundensuche

Trotzdem ist der Glaube an die Heilwirkung der Stammzellen nach wie vor gewaltig. Wo es eine Nachfrage gibt, ist das Angebot nicht weit, wie eine Studie jetzt beweist. Darren Lau und seine Kollegen von der Universität Alberta wollten wissen, welche Arten von Behandlungen mit Stammzellen angeboten werden und was die einzelnen Kliniken damit heilen wollen. Die Stichprobe war schnell bestimmt. Lau ging online und tippte kurzerhand „stem cell therapy“ und „stem cell treatment“ in Google ein. Die Suchmaschine fand die Webseiten von 19 verschiedenen Kliniken, die auf der ganzen Welt verstreut sind. Sie alle haben zweierlei gemeinsam: Sie bieten die unterschiedlichsten Behandlungen mit Stammzellen an und sind via Internet auf Kundensuche.

Stammzell-Kliniken
Insgesamt untersuchten die kanadischen Forscher die Webseiten von 19 Kliniken, die Behandlungen mit Stammzellen anbieten. Für die komplette Liste als pdf: hier klicken

Stammzellen gibt es in China und in Köln
Spitzenreiter ist China, alleine vier Kliniken befinden sich dort, überdurchschnittlich beliebt sind aber auch die Philippinen, Russland und Mexiko. Für Stammzellen förderlich ist offenbar auch die Südsee, es gibt private Heilanstalten in der Dominikanischen Republik, auf Costa Rica oder Barbados. Aber auch Deutschland ist vertreten. Das XCell-Centre in Köln meldet gleich auf der Startseite im Internet, dass bereits mehr als 750 Patienten mit Stammzellen behandelt wurden. Mit den Erfolgsmeldungen ist XCell nicht allein. Beike Biotech, eine chinesische Klinikkette, die sich auf neurologische Krankheiten spezialisiert hat, behauptet, sogar 3000 Patienten an 24 Standorten in ganz China therapiert zu haben.

Mit welchen Zellen arbeiten die Kliniken? 9 der 17 untersuchten Häuser benutzen die eigenen Zellen des Patienten, ein Drittel verwendet nach eigenen Angaben Stammzellen von menschlichen Föten. Bei Eigenzelltherapien stammen die Zellen in den meisten Fällen aus dem Knochenmark des Patienten oder dem Blutkreislauf. Einige Kliniken beziehen ihre Stammzellen aber auch aus dem Fettgewebe, aus fremdem Knochenmark, Plazentagewebe oder sogar von Tieren.

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Injektion ins Rückenmark

Dabei haben sich die kanadischen Forscher auf die Angaben der Unternehmen verlassen müssen. Sie vermuten aber, dass diese wahrscheinlich oft nicht ganz korrekt sind. Da es nach wie vor diffizil ist, reine Stammzell-Populationen zu isolieren, halten es die Autoren der Studie für wahrscheinlich, dass „bei den sogenannten ‚Stammzelltherapien’ noch eine ganze Reihe anderer Zellen im Spiel sind. Es stellt sich teilweise sogar die Frage, ob überhaupt Stammzellen beteiligt sind.“

Die meisten Therapien beruhen auf der Injektion von Stammzellen in die Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit oder den Blutkreislauf. Es gibt aber auch Angebote, Stammzellen direkt ins Rückenmark oder ins Gehirngewebe zu spritzen. Die Krankheiten, die damit geheilt werden sollen, umfassen Multiple Sklerose ebenso wie Schlaganfall, Parkinson, Rückenmarksverletzungen oder Alzheimer.Im Internet geben sich die meisten Kliniken dabei sehr zuversichtlich, was den Erfolg ihrer Behandlung angeht, 80 Prozent der Webseiten betonen ausschließlich das große Potenzial einer Stammzellen-Kur, wie die kanadischen Forscher beobachteten. Nur drei Seiten beschäftigen sich auch eingehender mit den Risiken einer Behandlung.

Muskelähnliche Zelle, die aus mesenchymalen Stammzellen des Knochenmarks entstanden ist.Lightbox-Link
Muskelähnliche Zelle, die aus mesenchymalen Stammzellen des Knochenmarks entstanden ist.Quelle: Wellcome Images

Ernstzunehmende Nebenwirkungen werden meist verschwiegen

Besonders diese verzerrte und einseitig positive Darstellung stört die Forscher. Vor allem, weil es aus medizinischer Sicht bisher nur wenig Hinweise auf eine positive Wirkung von Stammzellenbehandlungen gibt. „Die Webseiten stellen Therapien generell als sicher und effektiv dar, als bereit für den Routineeinsatz, und zwar bei einer ganzen Reihe von Krankheiten. Im Gegensatz dazu liefern die bisher veröffentlichten wissenschaftlichen Studien keinerlei Ansatzpunkte, dass derartige Therapien für die Behandlung der angezeigten Krankheiten geeignet sind.“ Besonders bei so diffusen und komplexen Krankheitsbildern wie Alzheimer und Parkinson bezweifeln die meisten Wissenschaftler, dass eine bloße Injektion von Stammzellen weiterhilft. Ganz im Gegenteil: Wie Lau betont, gibt es eine ganze Reihe von Hinweisen auf ernstzunehmende Nebenwirkungen bei Stammzellenbehandlungen.

Im Schnitt sind 15.000 Euro fällig

Zieht man in Betracht, dass der Nutzen einer Stammzellbehandlung in den allermeisten Fällen zumindest zweifelhaft ist, ist sie recht teuer. Im Durchschnitt verlangen die Stammzell-Heiler 15.000 Euro für ihre Dienste, An- und Abreise sowie die Unterbringung kommen noch dazu.

Nicht zuletzt die hohen Kosten veranlassen die Autoren der Studie, all jene zur Vorsicht zu mahnen, die auf der Suche nach einer Therapie für bisher unzureichend behandelbare Krankheiten im Internet auf Webseiten stoßen, in denen Stammzellen zur Heilung von Krankheiten angepriesen werden. „Den Kunden wird die Stammzellmedizin dort in einer Weise geschildert, die angesichts der wissenschaftlichen Literatur zu dem Thema nur als übermäßig optimistisch bezeichnet werden kann.“

 

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