Länderfokus
Biotechnologie in Großbritannien
Die Biotech-Branche in Großbritannien gilt als eine der führenden in Europa: Die Unternehmen sind reifer als anderswo, viel mehr Firmen wagen den Schritt an die Börse und auch der Wagniskapitalmarkt findet hier günstige Voraussetzungen. Die Forschungsförderung von Seiten der Regierung hat in den vergangenen Jahren zudem immer mehr zugenommen, vor allem die medizinische Forschung wird mit satten Summen bedacht. Dank der liberalen Gesetzgebung hat sich in Großbritannien besonders die Stammzellforschung etabliert, doch auch die industrielle Biotechnologie gewinnt immer mehr an Bedeutung. Andererseits spüren die Biotech-Unternehmer auf der Insel langsam Gegenwind: Im Jahr 2005 wurde erstmals mehr Wagniskapital in deutsche als in britische Biotechfirmen investiert.
Forschungslandschaft und Forschungsförderung
Die britische Forschungsförderung hat sich vor allem zum Ziel gesetzt, die Innovationsfähigkeit und die Wettbewerbfähigkeit des Landes mit zusätzlichem Geld voranzutreiben. So wurde im Jahr 2004 ein Zehn-Jahresplan zur Förderung von Forschung und Innovation ins Leben gerufen. Ziel ist es, bis zum Jahr 2014 die Ausgaben für Wissenschaft und Forschung auf 2,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes anzuheben. Dabei will die Regierung die Ausgaben für die Wissenschaft von 3,8 Milliarden Euro im Jahr 2004 auf bis zu 4,8 Milliarden Euro im Jahr 2008 steigern. Ein wesentlicher Schwerpunkt liegt dabei auf der medizinischen Forschung. So ging im Jahr 2005 eine Finanzspritze von 150 Millionen Euro an den National Health Service (NHS), um die Ausführung von klinischen Studien zu unterstützen. Für die biotechnologische Forschung wurden im Jahr 2005 insgesamt 1,4 Milliarden Euro ausgegeben. Zudem wurde im Jahr 2004 die Organisation „UK Clinical Research Collaboration“ gegründet – ein Zusammenschluss öffentlicher Fördereinrichtungen, Privatwirtschaft, Patientengruppen und staatlichen Behörden. Unter diesem Dach wurde dabei im Mai 2006 erstmals eine Übersicht über die Förderung der medizinischen Forschung in Großbritannien veröffentlicht, der genau analysiert, welche Institution was im Abrechnungszeitraum 2004/2005 wie unterstützt hat. Die Studie beinhaltet die medizinisch relevanten Förderportfolios der elf wichtigsten Förderinstitutionen in Großbritannien, zu denen unter anderen das Department of Health (England – Gesundheitsministerium), der Medical Research Council (MRC), der Biotechnology and Biological Sciences Research Council (BBSRC) sowie die Stiftungen British Heart Foundation, Cancer Research UK und Wellcome Trust gehören. Die Analyse ergab, dass sich eine Summe von 1,3 Milliarden Euro auf drei große Bereiche der Forschung verteilt: ein Drittel geht in die Grundlagenforschung von allgemeinen Funktionen und Prozessen, ein weiteres Drittel beschäftigt sich mit den Ursachen von Krankheiten und ein Drittel der Fördergelder wird in die Erforschung von Diagnose sowie Behandlung von Krankheiten investiert. Nur 2,5 Prozent der Gelder gehen in die Präventionsforschung. Ein weiteres Fazit: Die Mehrheit der Mittel wird in die Erforschung ganz spezifischer Krankheiten gesteckt, nur ein Viertel kommt generellen medizinischen Aspekten zugute.
Die Studie kann hier heruntergeladen werden: PDF (1,4MB)
Was die Inhalte der Forschung angeht, so stehen dabei zum einen große Krankheiten wie Krebs im Vordergrund, deren Erforschung seit 2001 im National Cancer Research Institute gebündelt und auf nationaler Ebene koordiniert wird. Gleichzeitig hat sich die britische Regierung stets für die möglichst freie Forschung an Stammzellen eingesetzt. Dank einer liberalen Gesetzgebung (siehe rechtliche Grundlagen) ist es deshalb beispielsweise Stephen Minger vom King's College in London als einer der ersten in Europa gelungen, eine Stammzelllinie aus embryonalen Stammzellen zu erstellen. Miodrag Stojkovic, der gebürtige Serbe mit deutschem Pass, hat an der University in Newcastle als erster in Europa menschliche Embryonen geklont, um daraus Stammzellen zu gewinnen. Im Jahr 2004 hat die Regierung die UK Stem Cell Bank initiiert – dort sollen bald von Forschern hergestellte Stammzelllinien gelagert werden, damit Wissenschaftler aus aller Welt darauf zugreifen können. Ebenfalls im Jahr 2004 wurden rund 24 Millionen Euro in die Förderung von 57 interdisziplinär ausgerichtete Forschungsprojekte zu Stammzellen gesteckt und Ende des Jahres 2005 wurde auf Empfehlung der UK Stem Cell Initiative ein großes Förderpaket für die Stammzellforschung gestartet, in dessen Rahmen die Fördermittel zwischen 2006 und 2008 auf bis zu 142 Millionen Euro erhöht werden sollen.
Ein Großteil des aktuellen Budgets des Biotechnology and Biological Science Research Council (BBSRC), der sich im Laufe des Zehn-Jahres-Plans um insgesamt ein Drittel erhöhen soll, ist zudem für die Ausweitung der Forschung im Bereich der Systembiologie angedacht. Hier sollen in den kommenden Jahren verstärkt die britischen Ressourcen verbessert werden.
Auch die industrielle Biotechnologie ist seit einigen Jahren ins Visier der Regierung geraten. Im Jahr 2002 wurde erstmals ein Exzellenzzentrum für Biokatalyse an der University of Manchester gegründet, in dem Mikrobiologen, Genetiker, Bioinformatiker und Materialwissenschaftler gemeinsam arbeiten sollen. Im Jahr 2004 wurde eine Taskforce für Industrielle Biotechnologie initiiert, um Möglichkeiten der Förderung dieses Bereiches zu erarbeiten. Anfang des Jahres 2006 wurde wiederum ein Bioscience for Business Knowledge Transfer Network etabliert, in dem die Felder der weißen, grünen und blauen Biotechnologie möglichst eng zusammenarbeiten und ihre jeweiligen Potenziale ausnutzen sollen. Zudem hat der Finanzminister im 2006 einen Plan vorgelegt, wie schrittweise Vergünstigungen für die Nutzung von Biokraftstoffen eingeführt werden sollen.
Forschungslandschaft Schottland
Die schottische Life Science-Community kann auf insgesamt 60 Universitäten und Forschungseinrichtungen, 17.000 Forschungsmitarbeiter und enge Forschungsverbindungen mit Europa, Japan, Korea und den USA zurückgreifen. Der Schwerpunkt der schottischen Life Sciences-Industrie liegt vor allem in den Bereichen Medizintechnik, Arzneimittelforschung und -entwicklung, Translationale Medizin, Stammzellenforschung und regenerative Medizin. Zu den internationalen Unternehmen mit Niederlassungen in Schottland zählen Invitrogen, Organon und GSK.
Ein Beispiel für die Kollaboration von universitärer und industrieller Forschung ist die ‚Translational Medicine Research Collaboration’ (TMRC). Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss vier schottischer Universitäten, vier staatlicher Gesundheitsdienste (NHS Trusts), der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Scottish Enterprise und dem US-Pharmaunternehmen Wyeth. Die Forscher arbeiten gemeinsam an der Entwicklung neuer Diagnoseverfahren und Überwachungssysteme für verschiedene Krankheitsbilder.
Auch das Edinburgh BioQuarter, eine gemeinschaftliche Forschungseinrichtung der University of Edinburgh, Scottish Enterprise, sowie der Lothian University Hospitals NHS Trust, ist auf private und öffentliche Forschungskollaborationen ausgerichtet. Das Gelände vereint ein Lehrkrankenhaus, die medizinische Hochschule der University of Edinburgh, sowie biomedizinische Forschungseinrichtungen unter einem Dach. Insgesamt 1.200 Forscher sind am BioQuarter tätig.
