Länderfokus
Biotechnologie in Großbritannien
Die Biotech-Branche in Großbritannien gilt als eine der führenden in Europa: Die Unternehmen sind reifer als anderswo, viel mehr Firmen wagen den Schritt an die Börse und auch der Wagniskapitalmarkt findet hier günstige Voraussetzungen. Die Forschungsförderung von Seiten der Regierung hat in den vergangenen Jahren zudem immer mehr zugenommen, vor allem die medizinische Forschung wird mit satten Summen bedacht. Dank der liberalen Gesetzgebung hat sich in Großbritannien besonders die Stammzellforschung etabliert, doch auch die industrielle Biotechnologie gewinnt immer mehr an Bedeutung. Andererseits spüren die Biotech-Unternehmer auf der Insel langsam Gegenwind: Im Jahr 2005 wurde erstmals mehr Wagniskapital in deutsche als in britische Biotechfirmen investiert.
Wirtschaftliche Situation
Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hat Großbritannien eine weit entwickelte Biotech-Branche. Von den insgesamt 457 Biotech-Firmen, die es nach Angaben der britischen Biotech-Organisation BioIndustry Association (BIA) in Großbritannien gibt, sind 48 Firmen an der Börse. Einen so großen Anteil kann kein anderes Land in Europa vorweisen. Inhaltlich konzentriert sich die Branche dabei vor allem auf die Bereiche Medizin und Gesundheit, mehr als die Hälfte aller britischen Biotech-Firmen sind in diesem Feld aktiv. Laut einer aktuellen Analyse der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst &Young für das Jahr 2005 haben die börsennotierten Unternehmen des Landes derzeit rund 200 Medikamenten-Kandidaten in ihrer Pipeline, davon 36 in der letzten Phase der klinischen Entwicklung und sieben, die sich bereits im Zulassungsprozess befinden. Der Umsatz der britischen Biotech-Firmen lag im Jahr 2004 bei 4 Milliarden Euro, ist im Vergleich zu 2003 also leicht rückläufig (5 Mrd Euro). Im Jahr 2005 konnte die britische Biotech-Branche jedoch ihren ersten Blockbuster vorweisen: Humira, der monoklonale Antikörper von Cambridge Antibody Technology (CAT), zur Behandlung von rheumatiodier Arthritis erreicht erstmals Umsatzzahlen von mehr als einer Milliarde Euro.
Tabelle 1: Wirtschaftliche Eckdaten der britischen Biotech-Branche
| Wirtschaftliche Kennzahlen | Jahr 2003 | Jahr 2004 |
| Anzahl der Unternehmen | 484 | 457 |
| Anzahl der Angestellten | 22834 | 21134 |
| Umsatz | 5073 Mio. Euro | 4522 Mio. Euro |
| Investitionssume | 521 Mio. Euro | 753 Mio. Euro |
| davon Wagniskapital | 245 Mio. Euro | 294 Mio. Euro |
| an der Börse | 222 Mio. Euro | 371 Mio. Euro |
Quelle: Critical I (2006)
Tabelle 2: Wirkstoffpipeline der börsennotierten Unternehmen im Jahr 2005
| Präklinische Forschung | 64 |
| Produkte in Phase I | 39 |
| Produkte in Phase II | 72 |
| Produkte in Phase III | 36 |
| Gesamt | 211 |
Quelle: Ernst & Young 2006
Finanziell geht es den britischen Biotech-Unternehmern traditionell besser als ihren Kollegen im europäischen Ausland. Lange Zeit gehörten die Unternehmen des Landes zu denjenigen, die die größten Finanzierungsrunden, die meisten Börsengänge und größten Börsenvolumina hatten. Dies lag vor allem am großen VC-Markt, der an der Spitze Europas steht. Erst im Mai 2004 hob eine Studie der European Venture Capital Association die Länder Großbritannien, Irland und Luxemburg mit ihren für Investments günstigen Steuersystemen hervor. Dennoch scheinen sich die Zeiten langsam zu ändern. Wie aus den aktuellen Ernst&Young-Zahlen für das Jahr 2005 hervorgeht, wurde erstmals weniger Wagniskapital in britische (rund 250 Mio. Euro) als in deutsche Biotech-Firmen investiert – Analysten führen dies aber auch darauf zurück, dass Deutschlands Biotech-Szene noch weniger weit entwickelt ist und daher mehr Geld zum Wachsen braucht. Allerdings vermerkt auch die europäische Marktanalyse Critical I in ihrer aktuellen Studie, dass die durchschnittlich VC-Runde in Großbritannien mit 10,16 Mio. Euro niedriger als im europäischen Durchschnitt (10,6 Mio. Euro) ist (Deutschland: 12,89 Mio. Euro). Gleichzeitig hat jedoch eine britische Firma eine der höchsten VC-Runden des Jahres 2005 abgeschlossen – Oxygen mit 46 Mio. Euro. Ebenso scheint es im Jahr 2006 weiterzugehen: Chroma Therapeutics hat sich 43 Mio. Euro in einer Serie-C-Finanzierung sichern können.
Im Vergleich zu anderen Ländern in Europa nimmt die Finanzierung über die Börse in Großbritannien einen hohen Stellenwert ein. Allerdings haben auch britische Unternehmen immer mehr mit einem schwankenden Kapitalmarkt zu tun. So liegt die ProStakan Group mit einem IPO-Volumen von 57 Mio. Euro zwar an Platz zwei der europäischen Börsen-Top-Tens im Jahr 2005, doch ursprünglich hatte das Unternehmen angekündigt, 141 Mio. Euro einzunehmen. Weitere sechs Firmen wagten 2005 ebenfalls den Sprung an die Börse (2004: 8), zwei gingen an den London Stock Exchange (ProStakan, Ardana) und vier wählten den AIM (Alternative Investment Market) – unter anderem ReNeuron plc und Angel Biotech. Andere Firmen wie beispielsweise Cyclacel wiederriefen jedoch ihre Börsenpläne und nutzten einen Reverse Merger als Börsengang durch die Hintertür. Insgesamt vier bereits gelistete Firmen konnten im Jahr 2005 weitere Gelder akquirieren. Das größte Follow-on-Investment sicherte sich Alizyme mit 46,8 Mio. Euro.
Das Jahr 2005 war zudem von Zusammenschlüssen und Zukäufen geprägt. Antisoma kaufte Aptamera, Celtic Pharma schloss sich mit Xenova Group zusammen und Trigen ging mit der deutschen ProCorde zusammen. Auch die großen Pharmafirmen waren in Übernahmelaune: So kaufte AstraZeneca im Jahr 2005 KuDOS und in diesem Jahr CAT.
Tabelle 3:Ausgewählte Finanzierungsrunden im Jahr 2005
| Unternehmen | Höhe der Finanzierungsrunde |
| Trigen | 61 Mio. Euro |
| Oxagen | 47 Mio. Euro |
| Archimedes Pharma | 32 Mio. Euro |
Quelle: Ernst & Young 2006
Tabelle 4: Ausgewählte Börsengänge im Jahr 2005
| Unternehmen | Höhe des Emissionsvolumens |
| ProStrakan | 58 Mio. Euro |
| Ardana | 31 Mio. Euro |
| Proximagen Neuroscience | 20 Mio. Euro |
| Plethora Solutions | 15 Mio. Euro |
| ReNeuron | 14 Mio. Euro |
| Stem Cell Sciences | 9 Mio. Euro |
| Angel Biotech | 2 Mio. Euro |
Quelle: Ernst & Young 2006
Die meisten Biotech-Firmen in Großbritannien sind als Spin-off aus den großen Forschungsinstituten wie Oxford, Cambridge, Imperial College oder Manchester entstanden. Dort ansässige Inkubatoren unterstützen junge Start-ups bei der Suche nach Investoren oder bei Patentfragen.
Tabelle 5: Gründungsentwicklung der britischen Biotech-Branche
| Jahr der Gründung | Anzahl der Unternehmen |
| vor 1989 | 57 |
| 1989 bis 1993 | 49 |
| 1994 bis 1998 | 106 |
| 1999 bis 2001 | 121 |
| 2002 bis 2004 | 124 |
Quelle: Critical I
Stark engagiert sind jedoch auch die Business Angels – insgesamt 20 solcher Netzwerke gibt es in Großbritannien, darunter unter anderem das Oxfordshire Investment Opportunity Network. Es existiert seit 1985 und ist heute eines der erfolgreichsten in Europa.
Aber auch der Staat investiert stark in die Etablierung junger Unternehmer. So erteilt er erhebliche Steuervergünstigungen (siehe rechtliche Grundlagen) und hat erst im Sommer 2006 zwei neue Fonds aufgelegt, die in Zusammenarbeit mit privaten Investoren innovative kleine und mittlere Unternehmen bei der Finanzierung in den ersten Jahres des Bestehens helfen soll. Dem einen Fonds (The Midlands Enterprise Capital Fund) stehen dabei insgesamt rund 43 Millionen Euro zur Verfügung, dem anderen (The Dawn Capital Fund) rund 54 Millionen Euro. Für beide Fonds stellt die britische Regierung insgesamt 57 Millionen Euro zur Verfügung.
Biotech-Region Schottland
Nicht erst seitdem das geklonte Schaf "Dolly" 1996 weltweit für Furore sorgte, sind die Lebenswissenschaften in Schottland ein Schwerpunkt der forschungspolitischen Strategie. Bei der Einweihung eines Protein-Therapie Forschungszentrums der Pharmafirma Wyeth in Aberdeen im März 2009 bezeichnete der Erste Minister Alex Salmond die Lebenswissenschaften als eine der Schlüsselindustrien Schottlands. Ihren Beitrag zur schottischen Wirtschaftsleistung bezifferte er bei dieser Gelegenheit auf mehr als drei Milliarden Euro. Die Regierung zählt mehr als 600 Unternehmen mit rund 30.000 Mitarbeitern, die im weitgefassten Bereich der Lebenswissenschaften tätig sind, drei von vier davon im medizinischen Sektor. Der britische Branchenverband der Biotechnologie, die "BioIndustryAssociation", rechnet etwas konservativer. Gut dreißig schottische Unternehmen sind als Mitglieder eingetragen.
| Die Biotech-Industrie in Schottland |
Die "BioIndustryAssociation" verzeichnet in ihrer schottischen Abteilung rund dreißig Mitglieder |
Wie auch gezählt wird: Unumstritten ist, dass sich die meisten Biotechnologie-Unternehmen im Süden der Region angesiedelt haben, in einem Gürtel rund um die Städte Edinburgh, Dundee und Glasgow. An nationalen Fördermitteln werden etwa 410 Millionen Pfund für den schottischen Sektor zur Verfügung gestellt, das sind etwa 13 Prozent der britischen Gesamtmittel.
