Länderfokus

Biotechnologie in Großbritannien

02.05.2006

Die Biotech-Branche in Großbritannien gilt als eine der führenden in Europa: Die Unternehmen sind reifer als anderswo, viel mehr Firmen wagen den Schritt an die Börse und auch der Wagniskapitalmarkt findet hier günstige Voraussetzungen. Die Forschungsförderung von Seiten der Regierung hat in den vergangenen Jahren zudem immer mehr zugenommen, vor allem die medizinische Forschung wird mit satten Summen bedacht. Dank der liberalen Gesetzgebung hat sich in Großbritannien besonders die Stammzellforschung etabliert, doch auch die industrielle Biotechnologie gewinnt immer mehr an Bedeutung. Andererseits spüren die Biotech-Unternehmer auf der Insel langsam Gegenwind: Im Jahr 2005 wurde erstmals mehr Wagniskapital in deutsche als in britische Biotechfirmen investiert.

Wirtschaftliche Situation

25.03.2009

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hat Großbritannien eine weit entwickelte Biotech-Branche. Von den insgesamt 457 Biotech-Firmen, die es nach Angaben der britischen Biotech-Organisation BioIndustry Association (BIA) in Großbritannien gibt, sind  48 Firmen an der Börse. Einen so großen Anteil kann kein anderes Land in Europa vorweisen. Inhaltlich konzentriert sich die Branche dabei vor allem auf die Bereiche Medizin und Gesundheit, mehr als die Hälfte aller britischen Biotech-Firmen sind in diesem Feld aktiv. Laut einer aktuellen Analyse der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst &Young für das Jahr 2005 haben die börsennotierten Unternehmen des Landes derzeit rund 200 Medikamenten-Kandidaten in ihrer Pipeline, davon 36 in der letzten Phase der klinischen Entwicklung und sieben, die sich bereits im Zulassungsprozess befinden. Der Umsatz der britischen Biotech-Firmen lag im Jahr 2004 bei 4 Milliarden Euro, ist im Vergleich zu 2003 also leicht rückläufig (5 Mrd Euro). Im Jahr 2005 konnte die britische Biotech-Branche jedoch ihren ersten Blockbuster vorweisen: Humira, der monoklonale Antikörper von Cambridge Antibody Technology (CAT), zur Behandlung von rheumatiodier Arthritis erreicht erstmals Umsatzzahlen von mehr als einer Milliarde Euro. 


Tabelle 1: Wirtschaftliche Eckdaten der britischen Biotech-Branche

Wirtschaftliche KennzahlenJahr 2003Jahr 2004
Anzahl der Unternehmen484457
Anzahl der Angestellten2283421134
Umsatz5073 Mio. Euro4522 Mio. Euro
Investitionssume521 Mio. Euro753 Mio. Euro
davon
Wagniskapital
245 Mio. Euro294 Mio. Euro
an der Börse222 Mio. Euro371 Mio. Euro

Quelle: Critical I (2006)

Tabelle 2: Wirkstoffpipeline der börsennotierten Unternehmen im Jahr 2005

Präklinische Forschung64
Produkte in Phase I39
Produkte in Phase II72
Produkte in Phase III36
Gesamt211

Quelle: Ernst & Young 2006


Finanziell geht es den britischen Biotech-Unternehmern traditionell besser als ihren Kollegen im europäischen Ausland. Lange Zeit gehörten die Unternehmen des Landes zu denjenigen, die die größten Finanzierungsrunden, die meisten Börsengänge und größten Börsenvolumina hatten. Dies lag vor allem am großen VC-Markt, der an der Spitze Europas steht. Erst im Mai 2004 hob eine Studie der European Venture Capital Association die Länder Großbritannien, Irland und Luxemburg  mit ihren für Investments günstigen Steuersystemen hervor. Dennoch scheinen sich die Zeiten langsam zu ändern. Wie aus den aktuellen Ernst&Young-Zahlen für das Jahr 2005 hervorgeht, wurde erstmals weniger Wagniskapital in britische (rund 250 Mio. Euro) als in deutsche Biotech-Firmen investiert – Analysten führen dies aber auch darauf zurück, dass Deutschlands Biotech-Szene noch weniger weit entwickelt ist und daher mehr Geld zum Wachsen braucht. Allerdings vermerkt auch die europäische Marktanalyse Critical I in ihrer aktuellen Studie, dass die durchschnittlich VC-Runde in Großbritannien mit 10,16 Mio. Euro niedriger als im europäischen Durchschnitt (10,6 Mio. Euro) ist (Deutschland: 12,89 Mio. Euro). Gleichzeitig hat jedoch eine britische Firma eine der höchsten VC-Runden des Jahres 2005 abgeschlossen – Oxygen mit 46 Mio. Euro. Ebenso scheint es im Jahr 2006 weiterzugehen: Chroma Therapeutics hat sich 43 Mio. Euro in einer Serie-C-Finanzierung sichern können.

Im Vergleich zu anderen Ländern in Europa nimmt die Finanzierung über die Börse in Großbritannien einen hohen Stellenwert ein. Allerdings haben auch britische Unternehmen immer mehr mit einem schwankenden Kapitalmarkt zu tun. So liegt die ProStakan Group mit einem IPO-Volumen von 57 Mio. Euro zwar an Platz zwei der europäischen Börsen-Top-Tens im Jahr 2005, doch ursprünglich hatte das Unternehmen angekündigt, 141 Mio. Euro einzunehmen. Weitere sechs Firmen wagten 2005 ebenfalls den Sprung an die Börse (2004: 8), zwei gingen an den London Stock Exchange (ProStakan, Ardana) und vier wählten den AIM (Alternative Investment Market) – unter anderem ReNeuron plc und Angel Biotech. Andere Firmen wie beispielsweise Cyclacel wiederriefen jedoch ihre Börsenpläne und nutzten einen Reverse Merger als Börsengang durch die Hintertür. Insgesamt vier bereits gelistete Firmen konnten im Jahr 2005 weitere Gelder akquirieren. Das größte Follow-on-Investment sicherte sich Alizyme mit 46,8 Mio. Euro.

Das Jahr 2005 war zudem von Zusammenschlüssen und Zukäufen geprägt. Antisoma kaufte Aptamera, Celtic Pharma schloss sich mit Xenova Group zusammen und Trigen ging mit der deutschen ProCorde zusammen. Auch die großen Pharmafirmen waren in Übernahmelaune: So kaufte AstraZeneca im Jahr 2005 KuDOS und in diesem Jahr CAT.

Tabelle 3:Ausgewählte Finanzierungsrunden im Jahr 2005

UnternehmenHöhe der Finanzierungsrunde
Trigen61 Mio. Euro
Oxagen47 Mio. Euro
Archimedes Pharma32 Mio. Euro

Quelle: Ernst & Young 2006


Tabelle 4: Ausgewählte Börsengänge im Jahr 2005

UnternehmenHöhe des Emissionsvolumens
ProStrakan58 Mio. Euro
Ardana31 Mio. Euro
Proximagen Neuroscience20 Mio. Euro
Plethora Solutions15 Mio. Euro
ReNeuron14 Mio. Euro
Stem Cell Sciences9 Mio. Euro
Angel Biotech2 Mio. Euro

Quelle: Ernst & Young 2006

Die meisten Biotech-Firmen in Großbritannien sind als Spin-off aus den großen Forschungsinstituten wie Oxford, Cambridge, Imperial College oder Manchester entstanden. Dort ansässige Inkubatoren unterstützen junge Start-ups bei der Suche nach Investoren oder bei Patentfragen.

Tabelle 5: Gründungsentwicklung der britischen Biotech-Branche

Jahr der GründungAnzahl der Unternehmen
vor 198957
1989 bis 199349
1994 bis 1998106
1999 bis 2001121
2002 bis 2004124

Quelle: Critical I

Stark engagiert sind jedoch auch die Business Angels – insgesamt 20 solcher Netzwerke gibt es in Großbritannien, darunter unter anderem das Oxfordshire Investment Opportunity Network. Es existiert seit 1985 und ist heute eines der erfolgreichsten in Europa.

Aber auch der Staat investiert stark in die Etablierung junger Unternehmer. So erteilt er erhebliche Steuervergünstigungen (siehe rechtliche Grundlagen) und hat erst im Sommer 2006 zwei neue Fonds aufgelegt, die in Zusammenarbeit mit privaten Investoren innovative kleine und mittlere Unternehmen bei der Finanzierung in den ersten Jahres des Bestehens helfen soll. Dem einen Fonds (The Midlands Enterprise Capital Fund) stehen dabei insgesamt rund 43 Millionen Euro zur Verfügung, dem anderen (The Dawn Capital Fund) rund 54 Millionen Euro. Für beide Fonds stellt die britische Regierung insgesamt 57 Millionen Euro zur Verfügung.


 

Biotech-Region Schottland

Nicht erst seitdem das geklonte Schaf "Dolly" 1996 weltweit für Furore sorgte, sind die Lebenswissenschaften in Schottland ein Schwerpunkt der forschungspolitischen Strategie. Bei der Einweihung eines Protein-Therapie Forschungszentrums der Pharmafirma Wyeth in Aberdeen im März 2009 bezeichnete der Erste Minister Alex Salmond die Lebenswissenschaften als eine der Schlüsselindustrien Schottlands. Ihren Beitrag zur schottischen Wirtschaftsleistung bezifferte er bei dieser Gelegenheit auf mehr als drei Milliarden Euro. Die Regierung zählt mehr als 600 Unternehmen mit rund 30.000 Mitarbeitern, die im weitgefassten Bereich der Lebenswissenschaften tätig sind, drei von vier davon im medizinischen Sektor. Der britische Branchenverband der Biotechnologie, die "BioIndustryAssociation", rechnet etwas konservativer. Gut dreißig schottische Unternehmen sind als Mitglieder eingetragen.

Die Biotech-Industrie in Schottland

Die "BioIndustryAssociation" verzeichnet in ihrer schottischen Abteilung rund dreißig Mitglieder
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Wie auch gezählt wird: Unumstritten ist, dass sich die meisten Biotechnologie-Unternehmen im Süden der Region angesiedelt haben, in einem Gürtel rund um die Städte Edinburgh, Dundee und Glasgow. An nationalen Fördermitteln  werden etwa 410 Millionen Pfund für den schottischen Sektor zur Verfügung gestellt, das sind etwa 13 Prozent der britischen Gesamtmittel.


Forschungslandschaft und Forschungsförderung

25.03.2009

Die britische Forschungsförderung hat sich vor allem zum Ziel gesetzt, die Innovationsfähigkeit und die Wettbewerbfähigkeit des Landes mit zusätzlichem Geld voranzutreiben. So wurde im Jahr 2004 ein Zehn-Jahresplan zur Förderung von Forschung und Innovation ins Leben gerufen. Ziel ist es, bis zum Jahr 2014 die Ausgaben für Wissenschaft und Forschung auf 2,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes anzuheben. Dabei will die Regierung die Ausgaben für die Wissenschaft von 3,8 Milliarden Euro im Jahr 2004 auf bis zu 4,8 Milliarden Euro im Jahr 2008 steigern. Ein wesentlicher Schwerpunkt liegt dabei auf der medizinischen Forschung. So ging im Jahr 2005 eine Finanzspritze von 150 Millionen Euro an den National Health Service (NHS), um die Ausführung von klinischen Studien zu unterstützen. Für die biotechnologische Forschung wurden im Jahr 2005 insgesamt 1,4 Milliarden Euro ausgegeben. Zudem wurde im Jahr 2004 die Organisation „UK Clinical Research Collaboration“ gegründet – ein Zusammenschluss öffentlicher Fördereinrichtungen, Privatwirtschaft, Patientengruppen und staatlichen Behörden. Unter diesem Dach wurde dabei im Mai 2006 erstmals eine Übersicht über die Förderung der medizinischen Forschung in Großbritannien veröffentlicht, der genau analysiert, welche Institution was im Abrechnungszeitraum 2004/2005 wie unterstützt hat. Die Studie beinhaltet die medizinisch relevanten Förderportfolios der elf wichtigsten Förderinstitutionen in Großbritannien, zu denen unter anderen das Department of Health (England – Gesundheitsministerium), der Medical Research Council (MRC), der Biotechnology and Biological Sciences Research Council (BBSRC) sowie die Stiftungen British Heart Foundation, Cancer Research UK und Wellcome Trust gehören. Die Analyse ergab, dass sich eine Summe von 1,3 Milliarden Euro auf drei große Bereiche der Forschung verteilt: ein Drittel geht in die Grundlagenforschung von allgemeinen Funktionen und Prozessen, ein weiteres Drittel beschäftigt sich mit den Ursachen von Krankheiten und ein Drittel der Fördergelder wird in die Erforschung von Diagnose sowie Behandlung von Krankheiten investiert. Nur 2,5 Prozent der Gelder gehen in die Präventionsforschung. Ein weiteres Fazit: Die Mehrheit der Mittel wird in die Erforschung ganz spezifischer Krankheiten gesteckt, nur ein Viertel kommt generellen medizinischen Aspekten zugute.

Die Studie kann hier heruntergeladen werden: PDF (1,4MB)

Was die Inhalte der Forschung angeht, so stehen dabei zum einen große Krankheiten wie Krebs im Vordergrund, deren Erforschung seit 2001 im National Cancer Research Institute gebündelt und auf nationaler Ebene koordiniert wird. Gleichzeitig hat sich die britische Regierung stets für die möglichst freie Forschung an Stammzellen eingesetzt. Dank einer liberalen Gesetzgebung (siehe rechtliche Grundlagen) ist es deshalb beispielsweise Stephen Minger vom King's College in London als einer der ersten in Europa gelungen, eine Stammzelllinie aus embryonalen Stammzellen zu erstellen. Miodrag Stojkovic, der gebürtige Serbe mit deutschem Pass, hat an der University in Newcastle als erster in Europa menschliche Embryonen geklont, um daraus Stammzellen zu gewinnen. Im Jahr 2004 hat die Regierung die UK Stem Cell Bank initiiert – dort sollen bald von Forschern hergestellte Stammzelllinien gelagert werden, damit Wissenschaftler aus aller Welt darauf zugreifen können. Ebenfalls im Jahr 2004 wurden rund 24 Millionen Euro in die Förderung von 57 interdisziplinär ausgerichtete Forschungsprojekte zu Stammzellen gesteckt und Ende des Jahres 2005 wurde auf Empfehlung der UK Stem Cell Initiative ein großes Förderpaket für die Stammzellforschung gestartet, in dessen Rahmen die Fördermittel zwischen 2006 und 2008 auf bis zu 142 Millionen Euro erhöht werden sollen.

Ein Großteil des aktuellen Budgets des Biotechnology and Biological Science Research Council (BBSRC), der sich im Laufe des Zehn-Jahres-Plans um insgesamt ein Drittel erhöhen soll, ist zudem für die Ausweitung der Forschung im Bereich der Systembiologie angedacht. Hier sollen in den kommenden Jahren verstärkt die britischen Ressourcen verbessert werden.

Auch die industrielle Biotechnologie ist seit einigen Jahren ins Visier der Regierung geraten. Im Jahr 2002 wurde erstmals ein Exzellenzzentrum für Biokatalyse an der University of Manchester gegründet, in dem Mikrobiologen, Genetiker, Bioinformatiker und Materialwissenschaftler gemeinsam arbeiten sollen. Im Jahr 2004 wurde eine Taskforce für Industrielle Biotechnologie initiiert, um Möglichkeiten der Förderung dieses Bereiches zu erarbeiten. Anfang des Jahres 2006 wurde wiederum ein Bioscience for Business Knowledge Transfer Network etabliert, in dem die Felder der weißen, grünen und blauen Biotechnologie möglichst eng zusammenarbeiten und ihre jeweiligen Potenziale ausnutzen sollen. Zudem hat der Finanzminister im 2006 einen Plan vorgelegt, wie schrittweise Vergünstigungen für die Nutzung von Biokraftstoffen eingeführt werden sollen.


Forschungslandschaft Schottland
Die schottische Life Science-Community kann auf insgesamt 60 Universitäten und Forschungseinrichtungen, 17.000 Forschungsmitarbeiter und enge Forschungsverbindungen mit Europa, Japan, Korea und den USA zurückgreifen. Der Schwerpunkt der schottischen Life Sciences-Industrie liegt vor allem in den Bereichen Medizintechnik, Arzneimittelforschung und -entwicklung, Translationale Medizin, Stammzellenforschung und regenerative Medizin. Zu den internationalen Unternehmen mit Niederlassungen in Schottland zählen Invitrogen, Organon und GSK. 
Ein Beispiel für die Kollaboration von universitärer und industrieller Forschung ist die  ‚Translational Medicine Research Collaboration’ (TMRC). Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss vier schottischer Universitäten, vier staatlicher Gesundheitsdienste (NHS Trusts), der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Scottish Enterprise und dem US-Pharmaunternehmen Wyeth. Die Forscher arbeiten gemeinsam an der Entwicklung neuer Diagnoseverfahren und Überwachungssysteme für verschiedene Krankheitsbilder.
Auch das Edinburgh BioQuarter, eine gemeinschaftliche Forschungseinrichtung der University of Edinburgh, Scottish Enterprise, sowie der Lothian University Hospitals NHS Trust, ist auf private und öffentliche Forschungskollaborationen ausgerichtet. Das Gelände vereint ein Lehrkrankenhaus, die medizinische Hochschule der University of Edinburgh, sowie biomedizinische Forschungseinrichtungen unter einem Dach. Insgesamt 1.200 Forscher sind am BioQuarter tätig.


Rechtliche Grundlagen

28.08.2006

Großbritannien hat vor allem in der Stammzellforschung ein sehr liberales Gesetz. Anders als etwa in Deutschland ist es für bestimmte Forschungszwecke beispielsweise erlaubt, menschliche Embryonen zu klonen, um daraus Stammzellen herzustellen. Die Erlaubnis für dieses sogenannte therapeutische Klonen erteilt dabei die Human Fertilisation and Embryology Authority (HFEA), die im Jahr 1991 im Rahmen des Human Fertilisation and Embryology Act 1990 installiert wurde. Auch die Nutzung von überzähligen Embryonen, die im Rahmen einer künstlichen Befruchtung entstehen und bis zu 14 Tage alt sein dürfen, ist zu Forschungszwecken erlaubt. Das reproduktive Klonen ist hingegen verboten. Parallel zu dieser liberalen Gesetzgebung wird jedoch auch in Großbritannien eine ethische Debatte um die Stammzellforschung geführt.  So hat sich beispielsweise im Februar 2006 in Cambridge die "Hinxton group: An International Consortium on Stem Cells, Ethics and Law" gebildet, bei der auf Initiative der Briten Forscher aus 14 Ländern zusammenkamen, um ethische Fragen der Stammzellforschung zu diskutieren und Richtlinien zu erarbeiten. Derzeit hat die HFEA insgesamt zwei Lizenzen zum therapeutischen Klonen an die University of Newcastle und das Roslin Institute vergeben. (Stand: Juni 2006) Neun weitere Forschungsgruppen haben wiederum die offizielle Erlaubnis bekommen, aus gespendeteten Eizellen embryonale Stammzellen für die Forschung zu gewinnen.

Steuervergünstigung für F&E-Ausgaben

Um das ambitionierte Ziel der Steigerung der Forschungsausgaben auf 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis 2014 zu erreichen, hat die britische Regierung im Jahr 2000 die Förderung von kleinen und mittleren Unternehmen mit Steuervergünstigungen beschlossen, wenn diese in Forschung und Entwicklung investieren. Für diejenigen Unternehmen, die keinen Profit erwirtschaften, kann die Steuervergünstigung statt als Anrechnung auf künftige Steuern auch direkt als Finanzspritze ausgezahlt werden. Auf diese Weise können etwa ein Drittel der tatsächlichen Kosten für Forschung und Entwicklung zurückerstattet werden. Seit 2002 wurde dieses System der Steuervergünstigung auch auf größere Firmen ausgeweitet. Ziel ist es vor allem, die Investition der Privatwirtschaft in die Forschung zu steigern. Dass dies auch tatsächlich erreicht wird, geht aus den Angaben einer Experten-Studie der Europäischen Kommission hervor, die die Steuervergünstigungssysteme von Großbritannien, Norwegen, Frankreich und Kanada miteinander verglichen hat. Fazit: Das englische Modell besticht vor allem durch seine Einfachheit und die geringe Bürokratie, auch wenn andere Länder wie Frankreich oder Kanada noch großzügiger in der Gewährung von Vorteilen sind. Besonders die Umwandlung künftiger Steuervorteile in eine direkte Auszahlung wird in Großbritannien als Vorteil erachtet und von den meisten britischen Unternehmen als positiv bewertet.

Grüne Gentechnik in der Warteschleife

Eine große Opposition an Umweltschützern und Nichtregierungsorganisation hat bisher verhindert, dass eine kommerzielle Nutzung gentechnisch veränderter Pflanzen überhaupt diskutiert wurde. Einzig zu wissenschaftlichen Zwecken ist derzeit ein Anbau in Großbritannien möglich. Entsprechende Projekte werden vom britischen Umweltministerium (Department for Environment, Food and Rural Affairs) gefördert. Es laufen im Moment 18 Forschungprojekte zu gv-Pflanzen. Ob eine Durchführung gestattet wird oder nicht, wird von Fall zu Fall entschieden. Eine Übersicht, auch zu bereits abgeschlossenen Projekten, gibt es hier:

http://www.defra.gov.uk/environment/gm/research/reports.htm#Current

Wie in Deutschland auch, werden jedoch oftmals selbst diese wissenschaftlichen Feldversuche von Gentechnikgegnern scharf attackiert. Derzeit bekommt das die BASF zu spüren, die zwischen April und Oktober 2007 in der Nähe von Cambridge gentechnisch veränderte Kartoffeln zu Testzwecken anbauen will. Die Sorte ist resistent gegen den Befall von Mehltau, eine Pilzkrankheit, durch die jährlich rund 14 Millionen Tonnen Kartoffeln weltweit vernichtet werden. Umweltorganisationen befürchten jedoch durch die Versuche eine Kontaminierung von normalen Kartoffelpflanzen und wollen die Tests deshalb verhindern.

Ab 2009 kommerzieller Anbau geplant

Langfristig will die britische Regierung jedoch einen kommerziellen Anbau zulassen. Mitte Juli 2006 eröffnete Umweltminister Ian Person einen offiziellen Konsultationsprozess mit Vorschlägen für eine gesetzliche Regelung über Koexistenz-Regeln für einen kommerziellen Anbau von gv-Pflanzen. Bis zum 20. Oktober sind nun alle Akteure aufgerufen, über Mindestabstände, Schadensersatzforderungen sowie über ein öffentliches Anbauregister und freiwillige gv-freie Landwirtschaftszonen zu diskutieren. So schlägt die Regierung beispielsweise Mindestabstände zu nicht-veränderten Pflanzen zwischen 35 Meter (Raps) und 110 Meter (Mais) vor. Ein öffentliches Standortregister wie in Deutschland soll dabei nicht geschaffen werden. Dies sei zu bürokratisch und würde Gentechnik-Gegner zu Feldzerstörungen animieren, heißt es von offizieller Seite. Während NGOs wie Friend of the Earth hinter diesem Diskussionsprozess einen Freifahrschein zur Legalisierung eines kommerziellen Anbaus von gv-Pflanzen sehen und dies heftig kritisieren, haben Vertreter der britischen Biotech-Szene den Vorstoß begrüßt. Person selbst betont, dass er mit einem kommerziellen Anbau nicht vor dem Jahr 2009 rechne, und man hierfür rechtzeitig EU-konforme Regelungen festlegen müsse. Bisherige, in der EU zum Anbau zugelassene gv-Pflanzen, sind für Großbritannien noch nicht in Frage gekommen. Dies könne sich jedoch schnell ändern, so der Minister.

Mehr Informationen zum Konsultationspapier gibt es hier: http://www.defra.gov.uk/corporate/consult/gmnongm-coexist/index.htm



Hintergrund

Unternehmen: 457

Schwerpunkt: Medizin und Gesundheit

Wirtschaftsverband: BioIndustry  Association www.bioindustry.org

projektbasierte Förderung:
Medical Research Council (MRC) Biotechnology and Biological Sciences Research Council (BBSRC)

institutionelle Förderung:
Department of Health (DH) Department of Trade and Industry (DTI)

besondere Förderung:
Stammzellforschung

rechtliche Grundlagen:
liberales Stammzellgesetz, Steuervergünstigung für F&E-Ausgaben

Downloads

BIA: Bioscience UK 2005

Ein Überblick über die britische Biotech-Branche (in engl.) Download PDF (1,2 MB)