Biotechnologie in Finnland
Finnland hat noch bis Ende des Jahres 2006 die EU-Präsidentschaft inne und profiliert sich dabei vor allem als Innovationsmotor. Das kleine Land im Norden Europas versteht sich als Technologiewunder und will mit der Biotechnologie das wiederholen, was in der Kommunikationstechnologie bereits gelang: Mit vereinten staatlichen und wirtschaftlichen Kräften eine ganz neue Branche auf den Weg bringen. Ein Biotech-Nokia existiert bislang jedoch nicht - die Szene ist mittelständisch geprägt und kann nur wenige Börsengänge vorweisen. Erfolgreich sind vor allem jene Firmen, die Beziehungen zur traditionsreichen chemischen Industrie vorweisen können.
Wirtschaftliche Situation
In internationalen Innovations- und Wettbewerbsstudien (z.B. Weltwirtschaftsforum oder European Innovation Scorebord) belegt Finnland regelmäßig vordere Plätze. Die gute Bildungsstruktur sowie eine innovationsfreundliche Infrastruktur sind dafür hauptverantwortlich. Das 5-Millionen-Einwohner-Land investiert immerhin 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung. Die führenden Branchen sind dabei Elektronik und Elektrotechnik, Forstwirtschaft, Maschinenbau und Metallindustrie. Der Fokus auf Wissenschaft und Forschung begann Ende der 80er Jahre, als eine Nationale Innovationspolitik ins Leben gerufen wurde. (siehe Forschungslandschaft und Forschungspolitik)
Die finnische Biotech-Szene ist im Vergleich zu anderen Ländern relativ klein und rangiert derzeit bemessen an der Anzahl der Firmen auf Platz sechs in Europa. Zwischen 100 und 120 Firmen können dabei der Biotechnologie zugerechnet werden, die Zahlen in den verschiedenen Studien sind stark schwankend. In der zuletzt von Critical I veröffentlichten Studie wurden lediglich 66 Firmen gezählt. Auf der Webseite des Industrieverbandes Bioindustrie sind 84 Biotechfirmen gelistet. Geografisch sind die meisten Biotech-Firmen in der Region um Helsinki angesiedelt, gefolgt von Turku, Tampere, Kupio und Oulu.
Zwei nach Richtlinien der OECD erhobenen Studien zur Biotechnologie – durchgeführt von der finnischen Statitistkbehörde ETLA – zählten für das Jahr 2001 112 Biotechfirmen (davon 73 KMU) und für das Jahr 2003 120, davon 112 KMU. Von diesen war die Mehreit im Diagnostik-Bereich tätig (43), gefolgt von Drug Discovery (34) und Nahrung/Lebensmittel-Bereich (22). Für das Jahr 2003 wurden ingesamt 2450 Mitarbeiter in KMUs gezählt (2001: 2000). Als Durchschnittswert ergaben sich dabei für die Firmen folgende Werte: Sie wurde vor 7 Jahren gegründet, hat etwa 10 Mitarbeiter, hält rund 4 Patente und gibt jährlich 180.000 Euro für Forschung & Entwicklung aus.
Fast alle befragten Unternehmen(76) arbeiteten eng mit Universitäten zusammen und erhielten eine staatliche Förderung. Privates Kapital wurde in Höhe von 233 Millionen Euro investiert. Das meiste Geld haben dabei Firmen erhalten, die mit ausländischen Universitäten kooperieren: Diese 33 Prozent aller befragten Firmen haben 70 Prozent des Geldes auf sich vereinen können.
Etwa ein Drittel der finnischen Biotech-Firmen ist in Besitz von privaten VC-Firmen. 24 Prozent der Firmen gehören einzelnen Privatpersonen oder Firmenangestellten. 17 Prozent werden von anderen Unternehmen aus gesteuert und 15 Prozent gehören in der Mehrheit staatlichen VC-Institutionen wie Sitra, the Finnish National Fund for Research and Development. Diese Einrichtung wurde einst mit Ausschüttungen aus staatlich gehaltenen Nokia-Aktien gegründet und konnte dadurch in zahlreiche Firmen investieren. Inzwischen ist jedoch kein frisches Geld mehr da und die Sitra ihre Aktivitäten eingestellt, zumindest was neue Investments angeht. Von Experten wird diese Vorgehensweise auch kritisiert, da damals relativ wahllos Geld verteilt wurde und sich dies heute rächt.
Tabelle 1: Wirtschaftliche Kennzahlen der finnischen Biotech-Branche
| 2001 | 2003 | 2004 | |
| Anzahl der Unternehmen | 112 (KMU:73) | 120 (KMU: 112) | 66 |
| Anzahl der Angestellten | 2.000 | 2.450 | 2160 |
| Umsatz | 200 Millionen Euro | 332 Millionen Euro | 568 Millionen Euro |
Quelle: ETLA Survey 2002 und 2004 (für die Zahlen 2001, 2003), Zahlen für 2004 von Critical I 2006
Die Entwicklung der Biotech-Szene ist vor allem durch den starken Chemie-Sektor geprägt, deshalb beschäftigen sich die meisten Biotech-Unternehmen in Finnland mit Hormonen oder Enzymen – wie beispielsweise Finnzymes. Aus diesem Grund ist es auch nicht verwunderlich, dass hier die größten Umsätze erwirtschaftet werden. Die ETLA-Studie errechnete für das Jahr 2003 einen Anteil der Enzymwirtschaft von 34 Prozent (150 Millionen Euro) am Gesamt-Biotech-Umsatz, gefolgt von Drug Discovery (24 Prozent: 100 Millionen Euro) und Lebensmittel (20 Prozent: 90 Millionen Euro). Insgesamt ist die Biotech-Branche in Finnland jedoch nicht profitabel, wenn nur die KMUs betrachtet werden. 2003 lagen deren Umsatzerlöse bei 332 Millionen Euro (2001: 200 Millionen Euro). Der Netto-Profit lag jedoch bei minus 70 Millionen Euro (2001: minus 72 Millionen Euro).
Nur fünf Firmen haben sich bisher an der Börse listen lassen (die jetzt britische Ark Therapeutics miteingerechnet), davon lediglich eine jüngere Biotech-Firma: der Antikörper-Spezialist Biotie (2000). Der letzte Börsengang wurde bei Inion verzeichnet: Das Unternehmen stellt abbaubare Biomaterialien für medizinische Zwecke her und sammelte im Jahr 2004 54 Millionen Euro an der Londoner Börse ein.
Die Entwicklung der Biotechnologie wurde maßgeblich vom Erfolg im IT- und Kommunikationsbereich angetrieben. Die Politik hatte gehofft, mit ähnlich starken Förderprogrammen eine neue Branche etablieren zu können. Ein Biotech-Nokia ist dabei bislang noch nicht entstanden. In Studien zur finnischen Biotech-Industrie wird als Grund meist auf die im internationalen Vergleich geringe Größe der Pharmaindustrie verwiesen, wodurch kleinere Biotech-Firmen neben einzelnen univesitären Zentren nur begrenzt inländische Kooperationspartner in der Wirtschaft finden. Dennoch konzentrieren sich die meisten Bioech-Firmen auf die Medizin, viele Akteure sind hierbei aus der Pharmafirma Orion heraus entstanden, die sich selbst innerhalb der letzten Jahre auch immer mehr im Biotech-Sektor bewegt. Lebensmittel und Biomaterialien sind jedoch ebenfalls starke Felder, die industrielle Biotechnologe gewinnt derzeit ebenfalls an Bedeutung.
Problematisch ist vor allem die finanzielle Situation und die Nicht-Existenz von VC-Mitteln. Doch zum Jahreswechsel 2006/2007 gibt es nun erhebliche Bewegung. So plant beispielsweise der Träger des Bioparks in Turku die Etablierung eines VC-Fonds für Biotech-Start-ups, der europaweit agieren will und ein ähnliches Modell wie der High-Tech-Gründerfonds in Deutschland verfolgt: das Investment soll sich auf einige wenige Hundertausend Euro belaufen und stets in Kombination mit anderen Investoren erfolgen, die mit ähnlicher Summe einsteigen. Die Auswahl der Firmen soll rein nach wirtschaftlichen Prüfqualiterien vonstatten gehen, deshalb liegt der Fokus nicht allein auf inländische Firmen, sondern auf ganz Europa.
Darüber hinaus hat sich Ende des Jahrs 2006 mit Inveni Capital ein Life-Science-Fonds in Helsinki und München gegründet, der sowohl in Nordeuropa als auch in Deutschland investieren will. Ein erstes Closing über 20 Millionen Euro soll im März 2007 abgeschlossen sein. Eine zweite Runde mit einem Volumen von 90 Millionen Euro ist geplant. Im Fokus stehen Firmen in einer frühen Entwicklungsphase.
