Länderfokus
Biotechnologie im Baltikum
Die drei baltischen Staaten Estland, Lettland, Litauen gelten stets als Tiger: Ihre Wachstumsraten sind groß, ihre Bürokratie ist klein und damit sollen vor allem ausländische Investoren angelockt werden. In der Biotechnologie sieht das Bild nicht ganz so rosig aus. Litauen punktet mit einer wissenschaftsorientierten Hauptstadt und traditionsreichen Forschungseinrichtungen, hat aber bislang nur drei Unternehmen - die immerhin mit einigem Erfolg. Die Szene in Lettland hingegen ist größer, setzt vor allem auf den Aufbau von pharmazeutischen Produktionsstätten und beginnt sich gerade in einem landesweiten Verband zu organisieren. Ähnlich unübersichtlich sieht es in Estland aus: Auch hier gibt es eine Handvoll unterschiedlichster Firmen, die eng an staatliche Forschungseinrichtungen gekoppelt sind und sich vor allem auf molekularbiologische Dienstleistungen konzentrieren. All dies zeigt, wie sehr die Entwicklung noch am Anfang steht. Wohin die Reise gehen wird, liegt vor allem am Geld. Und das ist in keinem der Länder üppig vorhanden, weder im privaten noch im öffentlichen Umfeld. Ihre Chancen sehen alle drei in transnationalen Netzwerken - sei es im Ostseeraum oder in Europa.
Einführung
Das Baltikum ist vor allem durch seinen noch frischen politischen Wandel geprägt, der im Jahr 1991 zunächst für eine Unabhängigkeit von der Sowjetunion und im Jahr 2004 zu einem Beitritt zur Europäischen Union führte. Wirtschaftlich können alle Wachstumsraten zwischen 6 und 7 Prozent werden. Diese Umbrüche spiegeln sich auch in den noch jungen Biotech-Szenen der drei Länder wieder. Die Mehrzahl der größeren heutigen Firmen ist aus ehemaligen staatlichen Forschungsinstituten ausgegründet worden und die Beziehungen zwischen Forschung und Wirtschaft sind noch heute sehr eng. Dies zeigt vor allem das Beispiel Litauen mit seinen wenigen Firmen, die nahezu alle aus einem einzigen Institut heraus entstanden sind. Aber auch Lettland profitiert davon, dass es bereits zu Sowjetzeiten einige Standorte für die Pharmaproduktion gab und heute auf diese Tradition aufgebaut werden kann.
Von politischer Seite erhalten die Lebenswissenschaften in allen drei Ländern die größtmögliche Unterstützung: Neben den Informationstechnologien gilt die Biotechnologie in Lettland, Litauen und Estland als Zukunftsfeld. Vor allem im medizinischen Bereich wurden überall etliche Förderprogramme aufgelegt. Landwirtschaftliche Aspekte spielen lediglich in Litauen eine Rolle, ansonsten dominieren Aspekte der Genomforschung, der Enzymtechnologie und der Diagnostika-Entwicklung. So wundert es nicht, dass hier von der Regierung auch umstrittene Großprojekte wie Genomdatenbanken (Lettland, Estland) ohne weiteres finanziell unterstützt werden. Insgesamt können die Länder jedoch nicht ihre Geldlknappheit verbergen - der Anteil des Forschungsbudgets am Bruttoinlandsprodukt liegt nur zwischen 0,4 bis 0.7 Prozent. Privates Geld ist jedoch ebenso knapp, deshalb mussten sich die meisten Biotech-Unternehmer schon sehr früh über ausreichende Dienstleistungsmodelle im Klaren sein. Die frühere enge Verquickung aus Staat und Wirtschaft führt zudem dazu, dass es vielen Wissenschaftlern an wirtschaftlichen Kompetenzen mangelt.
Hoffnung legt das Baltikum vor allem auf die enge Vernetzung in Nordeuropa im Ostsee-Netzwerk ScanBalt. Anvisiert werden insbesondere Investoren aus Schweden oder Finnland, die mit günstigeren Mieten und geringeren Personalkosten angelockt werden sollen. Dies hat bis date allerdings nur begrenzt funktioniert.
