Biotechnologie in Indien
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- Indienflagge
Mit einem Jahresumsatz von vier Milliarden US-Dollar ist der Biotech-Sektor neben der IT-Branche ein wichtiges Zugpferd der aufstrebenden indischen Wirtschaft. Indiens Biotechnologiebranche gilt als einer der vielversprechendsten Märkte weltweit. Mit der günstigen Herstellung biopharmazeutischer Arzneimittel für Asien und die dritte Welt - unter Umgehung des Patentschutzes - haben indische Unternehmen in den vergangenen Jahren viel Geld verdient. Inzwischen ist Indien mengenmäßig der viertgrößte Medikamentenhersteller der Welt. Gleichzeitig hat sich Indien als kostengünstiger Anbieter für die Erprobung und Durchführung neuer Medikamente und klinischer Studien für internationale Konzerne etabliert. Mit gut gefülltem Geldbeutel investieren die Inder aber auch selbst in eigene Entwicklungen und den Biosimiliar-Markt. Aktualisierte Fassung!
Unternehmenslandschaft
Die größte Demokratie der Welt und aufstrebende Wirtschaftsmacht setzt auch in der Biotechnologie zu neuen Superlativen an. Aufgrund eines forcierten Reformkurses und einer günstigen Demographie wird Indien nach der Prognose zahlreicher Ökonomen in den kommenden Jahren die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt sein und dabei voraussichtlich sogar China übertrumpfen. Indien verfügt über gut ausgebildetes englischsprachiges Personal im ingenieurtechnischen und kaufmännischen Bereich und über international äußerst wettbewerbsfähige Dienstleistungsunternehmen, eine schnell wachsende und kaufkräftige Mittelschicht und nicht zuletzt einen hohen Investitionsbedarf. Zu den wachstumsstärksten Sparten in Indien wird unter anderem auch die Biotechnologie gezählt. Der jährliche Umsatz der mit ca. 362 Unternehmen stetig wachsenden, aber noch verhältnismäßig überschaubaren Biotech-Branche in Indien betrug im Jahr 2010 etwa 2,64 Mrd. Euro (172,4934 Mrd. indische Rupien (Rs) bzw 17249,34 Rs Crore, 1 Euro ca. 65 Rs), was einem Wachstum von 21,5 % gegenüber dem Vorjahr entspricht. Zum Vergleich: In Deutschland erwirtschafteten die 538 dezidierten Biotechnologie-Unternehmen in 2010 etwa 2,37 Mrd. Euro (8,7 % Wachstum gegenüber dem Vorjahr).
Umsatzentwicklung der indischen Biotechnologie nach Sektoren (in Mrd. €) | |||
| Sektor | 2010-2011 | 2009-2010 | Veränderung % |
| BioPharma | 1,63 | 1,35 | 20,68 |
| BioServices | 0,50 | 0,40 | 23,00 |
| BioAgri | 0,38 | 0,30 | 28,10 |
| BioIndustrial | 0,10 | 0,09 | 10,98 |
| BioInformatics | 0,04 | 0,04 | 4,95 |
| Insgesamt | 2,64 | 2,17 | 21,48 |
Quelle: Association of Biotechnology Led Enterprises (ABLE), 2011 | |||
Indischer Exportmarkt
Indien ist nach China der zweitgrößte Life-Sciences-Markt in Asien und gilt aufgrund seiner beeindruckenden Wachstumsraten als vielversprechender Zukunftsmarkt. Mit einem Anteil von 52% stammen über die Hälfte aller Einnahmen der Biotechnologie-Unternehmen aus dem Export. Dabei agieren die Unternehmen weiterhin auch globaler und schließen strategische Allianzen mit ausländischen Partnern der Branche oder investieren im Ausland. Nach Angaben des indischen Fachverbandes Association of Biotechnology Led Enterprises (ABLE) ist der gesamte Export der fünf Biotech-Industrie-Sektoren seit 2010 um 17,5% auf 1,35 Mrd. Euro gewachsen (8852,34 Rs Crore). Den stärksten Exportzuwachs gegenüber dem Vorjahr verzeichnete der Bioinformatiksektor (43%), gefolgt vom Sektor der Landwirtschaftlichen Anwendungen (28%), bioindustriellen Anwendungen (21%), Dienstleistungssektor (19%) und dem biopharmazeutischem Sektor (16%).
| Exportumsatz vs. Inlandsumsatz einzelner Biotechnologiesektoren 2010-11 | ||
| Sektor | Exportumsatz (%) | Importumsatz (%) |
| BioPharma | 52 | 48 |
| BioServices | 92 | 8 |
| BioAgri | 3 | 97 |
| BioIndustrial | 24 | 76 |
| BioInformatics | 42 | 58 |
Quelle: Association of Biotechnology Led Enterprises (ABLE), 2011 | ||
Biotech-Cluster in Indien
Die forschungsintensive Biotech-Branche konzentriert sich hauptsächlich im Westen und Süden Indiens. Der Süden allein trägt 44,4% zum gesamten Umsatz bei und liegt nur knapp vor dem Westen des Landes (43,6% des Gesamtumsatzes), der Rest entfällt auf den Norden. Indien verfügt über eine Reihe regionaler Biotech Cluster und Science Parks. Im Rahmen der Biotechnologie-Strategie der indischen Regierung (s.u.) wurden fünf Inkubatorzentren als öffentliche/private Partnerschaften aufgesetzt. Der Bundestaat Karnataka im Südosten des Landes beheimatet eines dieser Zentren (Bangalore Helix, in der Nähe der Stadt Bangalore) und ist einer der herausragenden Biotechnologiestandorte auf dem Subkontinent, hier sind allein mehr als 175 Firmen angesiedelt. Ein weiterer sehr bekannter Cluster im Süden des Landes ist das Genome Valley in Hyderabad. Der Cluster beheimatet etliche globale und indische Biotech Firmen sowie das Alexandria Centre for Science and Innovation und den IKP Knowledge Park. Die Firmen in diesen Parks sind hauptsächlich kleinere Biotech-Unternehmen sowie Vertragsdienstleister.
Vakzine und Diagnostika bilden wichtigste Einnahmequelle der Branche
Der indische Biotechnologiemarkt wird durch den biopharmazeutischen Bereich dominiert. Dieser Biotechnologiesektor hatte in 2010-11 ein Volumen von mehr als 1,6 Mrd. Euro (10655 Rs Crores), was einem Marktanteil innerhalb des gesamten Biotechnologiebereichs von 61,77% entspricht. Der indische BioPharma Sektor umfasst die Schwerpunkte Vakzine, Insulin, tierische Biologicals, Statine und Diagnostika. War bis vor einigen Jahren noch die Generikaherstellung ein deutlicher Schwerpunkt der Industrie, so sind heute die Vakzinproduktion (12% Wachstum im Jahr 2010-11) und Diagnostik (22% Wachstum im Jahr 2010-11) die größten Zweige der Branche. 2011 waren 20 rekombinante Therapeutika für den indischen Markt zugelassen, von denen bereits 15 durch in Indien produzierende Firmen hergestellt werden konnten.
Biotechnologie-Parks in Indien | |
| Stadt | Bundesstaat |
| Lucknow | Uttar Pradesh |
| Hyderabad | Andhra Pradesh |
| Kochi | Kerala |
| Bangalore | Karnataka |
| Shimla | Himachal Pradesh |
Quelle: Ministry of Science and Technology, Department of Technology, India, 2010 | |
Die drei mitarbeiter- und umsatzstärksten Biotech-Unternehmen in Indien sind:
- Biocon (Sitz: Bangalore), das börsennotierte Unternehmen wird von der Biotechnologin und Gründerin Kiran Mazumadar-Shaw gelenkt und ist auf die Herstellung von Biosimilars und insbesondere Insulin spezialisiert. Auf dem Diabetes-Markt strebt Biocon eine Spitzenposition auf dem Weltmarkt an.
- Serum Institute of India (Pune), gegründet von Cyrus Poonawalla, ist der fünftgrößte Impfstoffhersteller weltweit. Das Unternehmen stellt besonders günstige Vakzine für Entwicklungsländer her.
- Panacea Biotech (Neu Dehli), das börsennotierte Unternehmen stellt Impfstoffe und Biopharmazeutika her.
Zunehmend gerät der Biotechnologie-Standort Indien auch in den Fokus multinationaler Konzerne. Shanta Biotechnics, Hyderabad, wurde 2009 vom franzöischen Pharmariesen Sanofi für 571 Mio. Euro übernommen. Wichtigstes Präparat ist ein rekombinanter Hepatitis-B-Impfstoff. Wegen Problemen bei der Fertigung wurde ein anderer Kombi-Impfstoff von der WHO 2010 vorerst nicht zugelassen. Sanofi Pasteur kündigte im Herbst 2011 an, 300 Mio. US-Dollar in den Aufbau eines neuen Impfstoffwerks in Indien zu stecken. Die Schweizer Lonza AG hat 2009 angekündigt, in biomedizinische FuE-Projekte in Hyderabad 150 Mio US-Dollar zu investieren. Eine Forschungs- und Produktionseinheit soll 2012 fertiggestellt werden. Boehringer Ingelheim gab im Juni 2009 bekannt, man wolle gemeinsam mit dem Auftragshersteller Kenwell in Bangalore für 50 Mio. Dollar ein Werk für Biopharmazeutika errichten.
Anteil einzelner Biotechsektoren am Gesamt-Biotechumsatz | ||
| Sektor | 2010-2011 (%) | 2009-2010 (%) |
| BioPharma | 61,77 | 62,18 |
| BioServices | 18,82 | 18,59 |
| BioAgri | 14,38 | 13,63 |
| BioIndustrial | 3,63 | 3,97 |
| BioInformatics | 1,41 | 1,63 |
Quelle: Association of Biotechnology Led Enterprises (ABLE), 2011 | ||
Indiens Nationale Biotech Strategie
Der indische Wissenschaftsminister Kapil Sibal stellte im November 2007 nach einem zweijährigen Beratungsprozess ein Papier zur National Biotechnology Development Strategy vor, mit der die indische Regierung die zukünftige Bedeutung der Biotechnologie für das Land unterstreicht. Es legt die strategischen Rahmenbedingungen zum Aufbau einer Biotechnologie-Industrie fest, mit der bis zum Jahr 2012 das geplante Umsatzziel von 7 Mrd. US-Dollar erreicht werden soll. Dafür sollen insgesamt umgerechnet über 1,1 Mrd. Euro ausgegeben werden. Mit dieser Initiative sollen Forschung und Ausbildung gestärkt und die Bildung international wettbewerbsfähiger Forschungscluster in Indien gefördert werden. Um die Kooperation zwischen Forschungseinrichtungen und Privatwirtschaft zur Entwicklung marktfähiger Produkte zu unterstützen, sollen 30% des Budgets für Projektfinanzierungen nach Modellen des Public-Private-Partnerships (PPP) bereitgestellt werden. Daneben werden spezielle Biotechnology Industry Partnership Programme (BIPP) für große Unternehmen gestartet und bereits existierende Innovationsprogramme für kleine und mittlere Unternehmen (SBIRI) ausgeweitet. Zudem wurde mit dem Biotechnology Industry Research Assistance Council (BIRAC) ein Fördergremium eingerichtet, das den Technologietransfer aus dem akademischen Bereich durch Finanz- und Mentoring-Programme beschleunigen soll.
Der 11. Fünf-Jahresplan in Indien läuft 2012 aus und Beobachter sind gespannt, ob die Förderung auf dem selben Level bleibt. 2010 wurde von der Regierung ein 2,2 Mrd. US-Dollar Venture Fonds aufgelegt, um die Wirkstoff-Entwicklung zu fördern.
