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Biotechnologie in Österreich

Österreich hat eine große Vergangenheit in der biologischen Forschung. <ic:message key='Bild vergrößern' />

Österreich hat eine lange Tradition in der biologischen Forschung: Gregor Mendel, Theodor Escherich und Max Perutz erbrachten wissenschaftliche Pionierleistungen. Die Regierung bemüht sich, verstärkt Hochtechnologie-Unternehmen im Land anzusiedeln. Dazu zählt auch die Biotechnologie. Die Branche besteht derzeit aus etwa hundert Firmen, wird aber nach wie vor von deutschen und schweizerischen Pharmafirmen dominiert. Die Rote Biotechnologie ist deshalb auch das weitaus dominierende Geschäftsfeld. Gegen die Grüne Gentechnik gibt es jedoch starke Widerstände.

Unternehmenslandschaft

ÖsterreichLightbox-Link

Die Biotechnologie in Österreich ist stark von der Pharmaindustrie bestimmt, sowohl was die Zahl der Arbeitsplätze, aber auch die Produkte und den Umsatz angeht. Global agierende Firmen unterhalten eigene Forschungsabteilungen oder engagieren sich in Partnerschaften mit österreichischen Unternehmen oder Instituten. In Österreich sind rund 65 Pharmafirmen präsent. Boehringer Ingelheim, Henkel und Roche haben eigene Forschungszentren etabliert.

Sandoz: eine französisch-österreichische Erfolgsgeschichte

In Kundl in Tirol baute der französische Offizier Michel Rimbaud eine stillgelegte Brauerei für die Penicillin-Produktion um. 1948 verließen die ersten Ampulle die Biochemie GmbH. Den Biochemikern Ernst Brandl und Hans Margreiter gelang es drei Jahre später in Kundl, Penicillin gegen Säure zu stabilisieren, sodass es in Tablettenform verarbeitet werden konnte. Das Unternehmen entwickelte sich ständig weiter und wurde 1964 in die Schweizerische Novartis-Gruppe – damals noch Sandoz AG – eingegliedert. Heute verlassen jedes Jahr rund 300 Millionen Arzneimittelpackungen die Fabrik in Kundl  und machen die Sandoz GmbH zum größten Arzneimittelproduzenten Österreichs.

Zur Sandoz-Homepage: hier klicken

Jedes zweite Unternehmen nach 2001 gegründet

Boehringer-Ingelheim etwa beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter in Österreich, vor allem in der Forschung. So befindet sich in Wien das Zentrum der Krebsforschung und eines von zwei Kompetenzzentren für die biopharmazeutische Produktion. Von großer akademischer Bedeutung ist das von Boehringer ins Leben gerufene Institut für Molekulare Pathologie in Wien. Mehr als 200 Wissenschaftler forschen dort.

In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Biotechnologie-Unternehmen in Österreich stark zugenommen. Rund die Hälfte aller Unternehmen ist laut den Zahlen der staatlichen Wirtschaftsagentur „Austria Business Agency“ (ABA) nach 2001 gegründet worden. Mittlerweile gibt es laut der im September 2008 veröffentlichten Broschüre „Pharma und Biotechnologie“ mehr als 100 „Spezialfirmen“ und 170 Forschungsinstitute im Bereich der Biotechnologie. Wie in Deutschland auch ist der Großteil der Unternehmen im Bereich der roten Biotechnologie tätig – mit dem Schwerpunkt der Entwicklung von neuen Medikamenten und Therapien.

7.300 Menschen arbeiten in der Biotechnologie

Bei der wirtschaftlichen Bedeutung der Branche schwanken die Angaben. Die „Austrian Biotech Industry“ (ABI), eine im Fachverband der chemischen Industrie angegliederte Interessenvertretung, die nach eigenen Angaben rund 60 Prozent der österreichischen Biotechnologie-Wertschöpfung repräsentiert, schätzt die Zahl der Vollzeitarbeitsplätze im Bereich der gesamten Life Sciences (Pharma & Biotech) auf stattliche 7.300 (allerdings ist die letzte aktuelle Meldung auf der Webseite vom November 2007). Jeder vierte davon ist demnach in der Forschung angesiedelt. Im Jahr 2006 setzte die Branche nach Einschätzung der ABI rund 1,9 Milliarden Euro mit biotechnologischen Produkten um, ein Zuwachs von 14 Prozent gegenüber 2005. 1,65 Milliarden Euro entfallen dabei auf Produkte der „roten“ Biotechnologie, rund 250 Millionen Euro auf die weiße Biotechnologie (pharmazeutische Wirkstoffe, Diagnostika und Therapien).

Die in der Biotechnologie tätigen Unternehmen stecken nach Angaben des Industrieverbands ABI jährlich rund 350 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung. Im Jahr 2008 wurden mehr als 110 biotechnologische Patente angemeldet, die Gesamtzahl der Patente in dem Bereich stieg damit auf 2200. 

Norbert KrautLightbox-Link
Norbert Kraut studierte Biologie in Regensburg und Boulder/Colorado und ist nun Vizepräsident der Krebsforschung bei Boehringer Ingelheim und forscht am Standort Wien.
Norbert Kraut: Krebsforscher im Dienst der Medikamentenentwicklung

Dass verbindliche Zahlen noch ausstehen, wird beim Durchblättern des von der österreichischen Handelskammer herausgegebenen Magazins „Austria Export“ vom Frühjahr 2006 (pdf) deutlich. Mehr als 10.000 Menschen sind im Biotechnologie-Sektor in Österreich schon angestellt, heißt es da, der Umsatz habe die 2-Milliarden-Euro-Grenze hinter sich gelassen. AustriaExport zählt auch mehr als 150 Unternehmen, hundert davon alleine in der Region Wien.

Knappes Venture Capital

Eine Schwachstelle identifizieren Wirtschaftsexperten bei der Versorgung mit Venture Capital. Hier schneidet Österreich schlecht ab. Konnten sich österreichische Biotech-Startups 2006 noch über 50 Millionen Euro freuen, standen 2007 weniger als zehn Millionen Euro zur Verfügung. Das stellten die Unternehmensberater von Ernst & Young in ihrem Global Biotechnology Report 2008 fest.

Demnach befanden sich im Jahr 2007 in Österreich knapp sechzig biopharmazeutische Wirkstoffe in der Testphase. Das sind vergleichsweise viele und zeigt die hohe Bedeutung des pharmazeutischen Bereichs in der österreichischen Biotechnologie. In Deutschland sind zwar gut vier mal so viel Wirkstoffe im Test, ein Vorsprung, der kleiner wird, wenn man bedenkt, dass Österreich nur etwa ein Zehntel der Bevölkerung und der Wirtschaftsleistung Deutschlands aufweist.

Biopharmazeutische Wirkstoffe in der Pipeline 2007
PräklinischPhase IPhase IIPhase IIIInsgesamt
Österreich301015459
Deutschland133397317262
Quelle: Ernst & Young Global Biotechnology Report 2008

In den vergangenen Jahren hat sich die Biotechnologie-Branche in Österreich in mehreren regionalen Kompetenzzentren konzentriert. Allen voran die Region Wien, die den Löwenanteil an Mitarbeitern und Wirtschaftskraft versammelt. Mit weitem Abstand folgen Tirol und die Steiermark. Der eindeutig größte Teil der Unternehmen ist dem Bereich der Humanmedizin zuzuordnen, also der roten Biotechnologie. Zentrum ist hier eindeutig der Raum Wien, wo eine Reihe von Global Players ihre österreichischen Tochtergesellschaften angesiedelt oder eigene Labors als Spin-offs gegründet hat. Die „weiße Biotechnologie“ hat ihre industriellen Schwerpunkte in Tirol und Niederösterreich.

Rückschläge im Jahr 2008

2008 hat die dynamische Branche mehrere Dämpfer erhalten. Im Mai musste Austrianova Biotechnology Konkurs anmelden. Das erste biotechnologische Spin off der Veterinärmedizinischen Universität Wien konnte mit seiner Technik zur  Verkapselung von lebenden Zellen zu Therapiezwecken nicht am Markt reüssieren. Noch im Vorjahr hatte das Unternehmen, das zuletzt 20 Mitarbeiter beschäftigte, 35 Millionen Euro Kapital eingeworben. Die auf dem Novartis Campus ansässige Eucodis GmbH meldete ebenfalls Insolvenz an. Ein Teil der Firma besteht als Eucodis bioscience aber weiter und werkelt an Enzymen für die Industrie. Wahrscheinlich muss das Unternehmen bald umziehen. Der sogenannte Novartis Campus, ein Biotech-Park im Norden Wiens, wird nämlich im Jahr 2009 voraussichtlich geschlossen. Novartis verlagert seine Forschungsabteilung in die Schweiz.

Die meisten Biotechnologie-Unternehmen in Österreich sind noch recht jung und klein. Nur wenige sind bereits zu einer kritischen Größe angewachsen. Zu diesem erlauchten Kreis gehören in erster Linie Intercell und Affiris.

Intercell gilt als das erste rein biotechnologische Unternehmen in Österreich. Gegründet 1998 als Spin-Off der Wiener Universität, hat das am Campus Vienna Biocenter beheimatete Unternehmen mittlerweile mehr als 250 Mitarbeiter und ist als einziges Biotech-Unternehmen in Österreich an der Börse notiert. Intercell hat sich auf die Entwicklung von Impfstoffen spezialisiert. Top-Produkt ist ein Vakzine gegen Japanische Enzephalitis, die Ende 2008 vom Ausschuss für Humanmedizin (CHMP) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMEA) positiv bewertet wurde. Falls das zu einer Zulassung führt, wäre es das erste medizinische Produkt einer österreichischen Biotech-Firma, das den Markt erreicht hat.

Affiris lässt sich potenziellen Alzheimer-Impfstoff von GlaxoSmithKline versilbern

Affiris gehörte für die Partnering Berater der EBD-Group im Frühjahr 2008 zu den fünf vielversprechendsten Start-Ups in Europa. Die in Wien angesiedelte Firma forscht an Therapien gegen Alzheimer und Arteriosklerose. Die Vorschusslorbeeren waren berechtigt. Im November schloss Affiris, das im Jahr 2003 von einem der Intercell-Gründer ins Leben gerufen wurde, mit dem britischen Pharmariesen GlaxoSmithKline einen Kooperationsvertrag ab, der das Unternehmen mit fünfzig Mitarbeitern nicht nur in die österreichische, sondern auch die europäische Oberliga katapultierte. Bis zu 430 Millionen Euro ist GlaxoSmithKline ein Alzheimer-Impfstoff auf der Basis von Affiris' Affitope-Technologie wert.

 

Hintergrund

Unternehmen: rund 100

Schwerpunkt: medizinisch-pharmazeutische Forschung

Wirtschaftsförderung
Austrian Business Agency ABA

NationalerVerband
LISA - Life Science Austria

Regionale Verbände
Niederösterreich
Ecoplus
Steiermark
Human.technology.styria
Wien
Life Science Austria Vienna Region
Oberösterreich
Technologie- und Marketinggesellschaft
Tirol
Life Science Cluster Tirol


Rechtliche Grundlagen
Forschung an Stammzellen ohne Stichtagsregelung erlaubt, aber nicht gefördert; Forschung an Embryonen verboten; Bevölkerung gegenüber Grüner Gentechnik sehr skeptisch, kaum Freisetzungsversuche

Downloads

Life Sciences: Pharma und Biotechnologie - Nährboden für gesunde Gewinne

Austrian Business Agency Download PDF (725,5 KB)

BioPolis - Inventory and analysis of national public policies that stimulate research in biotechnology, its exploitation and commercialisation by industry in Europe in the period 2002-2005

National Report of Austria, März 2007 Download PDF (530 KB) PDF online ansehen

Austria Export, Spring 2006: Biotech&more

Austrian Federal Economic Chamber Download PDF (1,1 MB)