Länderfokus
Biotechnologie in Japan
In der westlichen Öffentlichkeit hat Japan in jüngster Zeit vor allem durch die Entwicklung induzierter pluripotenter Stammzellen (iPS-Zellen) für erheblichen Wirbel gesorgt. Die Biotech-Branche hat allerdings noch keine lange Tradition und befindet sich noch im Aufholprozess.
Unternehmenslandschaft
Anders als in vielen westlichen Ländern besteht die japanische Biotechnologie-Branche weniger aus Start-Ups, sondern aus Spin-Outs von großen Pharma- und Industriekonzernen. Dies liegt unter anderem am herkömmlichen System der „lebenslangen Beschäftigung“ in Japan, das lange Zeit wenig Anreize für den Gang in die Selbstständigkeit mit entsprechend hohem Risiko gesetzt hat. Zudem war es Universitätsprofessoren lange Zeit verboten, eine kommerzielle Tätigkeit zu unterhalten.
Die aktuellsten Zahlen zur Größe der Branche stammen aus dem Jahr 2006. Damals hat der Unternehmerverband Japan BioIndustry Association, der sich im Jahr 1999 gegründet hat, insgesamt 586 Unternehmen gezählt. Zwei Drittel dieser Unternehmen haben laut Definition weniger als 300 Mitarbeiter und sind jünger als 20 Jahre. Inhaltlich dominiert der Medizinsektor (60%). Nur vergleichsweise wenige Unternehmen beschäftigen sich mit Dienstleistungen (12 %), Umwelttechnik (10 %), grüner Biotechnologie (9 %,) bzw. weißer Biotechnologie (8 %).
Pharmabranche mit schwacher Internationalisierung
Viele in der japanischen Biotechnologie aktive Firmen sind Ausgliederungen innovativer Unternehmensteile aus großen Unternehmen. Die Biotech-Forschung des Landes fand deshalb über weite Teile hinter den Türen der Pharma- und Chemieindustrie statt. Nicht zuletzt aus diesem Grund sind viele Akteure vergleichsweise alt. Die Praxis des Heraustrennens von Unternehmensteilen hat sich für die Muttergesellschaften oftmals positiv ausgewirkt. Allerdings hatte dies aber auch den Nachteil, dass sich große Teile der japanischen Biotechnologie-Branche ebenso wenig wie ihre Kunden (vor allem in der Pharmabranche) internationalisiert haben. Die Pharmaindustrie wurde bis in die 1980er Jahre von staatlicher Seite aus stark protektioniert. Weitgehend abgeschottet von ausländischer Konkurrenz sahen sich nationale Pharma-Akteure wie Takeda, Astellas oder Daiichi Sankyo zu großen Teilen nicht genötigt, über den äußerst profitablen Heimatmarkt hinaus zu operieren. Noch immer gilt der japanische Pharmamarkt als einer größten der Welt, nach den USA.
F&E-Ausgaben ausgewählter japanischer Unternehmen im BioPharma-Sektor
| Unternehmen | F&E Ausgaben 2007 |
| Pharma-Sektor | |
| Takeda Pharmaceutical | 1,183 Mrd. Euro |
| Daichii Sankyo | 1,04 Mrd. Euro |
| Astellas Pharma | 1,03 Mrd. Euro |
| Eisai | 663 Mio. Euro |
| Dainippon Sumitomo Pharma | 250 Mio. Euro |
| Shionogi | 229 Mio. Euro |
| Ono Pharmaceutical | 216 Mio. Euro |
| Biotech-Sektor | |
| Kyowa Hakko Kogyo | 204 Mio. Euro |
Quelle: EU R&D Scoreboard 2008
Nach der Liberalisierung des Marktes liegen die nationalen Riesen heute international weit abgeschlagen hinter internationalen Konzernen wie Pfizer, GlaxoSmithKline oder Merck, welche in den letzten Jahren auch aggressiv auf den japanischen Markt vorgedrungen sind. Dies zeigt sich auch in den Ausgaben für Forschung und Entwicklung im BioPharma-Sektor (siehe Tabelle oben), den die EU Kommission jedes Jahr im EU R&D Scoreboard erhebt. Hier zeigt sich deutlich: Während amerikanische oder britische Pharmakonzerne 3 bis 5 Milliarden Euro pro Jahr ausgeben, sind es bei den japanischen Unternehmen weit weniger. Nur eine japanische Firma (Kyowa Hakko Kogyo) kann sich überhaupt unter die F&E stärksten 60 nicht-EU-Biotech-Unternehmen behaupten - aber auch hier handelt es sich nicht um eine reine Biotech-Firma, wie man sie aus Europa kennt, sondern um die Biotech-Tochter eine Großkonzerns.
Der Schwäche im internationalen Umfeld ist man sich in Japan inzwischen allerdings bewusst. Bereits seit einigen Jahren ist zudem eine verstärkte M&A-Tätigkeit zu beobachten. So ist der zweitgrößte japanische Pharmahersteller Astellas im Jahr 2005 durch die Fusion von Yamanouchi Pharmaceutical Co. und Fujisawa Pharmaceutical Co. entstanden. Hinzu kommt: War es früher in der Pharmaindustrie nahezu verpönt, mit kleineren Biotechnologie-Unternehmen zu kooperieren, so hat sich dies inzwischen geändert. Davon profitieren auch deutsche Biotech-Formen. So arbeitet Takeda beispielsweise mit der Hamburger Evotec zusammen und Shinogi mit der Münchner MorphoSys. Und sogar Engagements bei sehr jungen Firmen sind inzwischen auf der Tagesordnung, wie die Übernahme der deutschen Biotech-Firma U3Pharma durch Daiichi Sankyo im Jahr 2008 gezeigt hat (mehr....).

Japans Biotech-Unternehmen sind vor allem in vier Regionen angesiedelt.Quelle: Eigene Darstellung nach JETRO (2007)
2002: Start einer Biotech-Clusterinitiative
Die Politik erkannte ebenfalls die Notwendigkeit, die Internationalisierung, die Netzwerke zwischen Industrie und akademischem Bereich sowie die Gründung von innovativen Start-Ups in der Biotechnologie zu fördern. Um die Jahrtausendwende setzte hier eine Trendwende ein und so definierte man neben Informations-, Umwelt- und Nahnotechnologie auch die Biotechnologie als einen für das Land kritischen Technologiebereich, der in die seit dem Jahr 2002 bestehende Cluster-Initiative einbezogen wurde. Aus der Unterstützung durch die Superministerien für Wirtschaft (METI) und Wissenschaft (MEXT) gingen insgeamt 18 Industrie- und Forschungscluster hervor - fünf davon in der Biotechnologie. Überdies wurden viele gesetzliche Regelungen gelockert, beispielsweise die Bedingungen zur Gründung von Unternehmen. So können Hochschullehrer seitdem gleichzeitig leitende Angestellte in Privatunternehmen sein (was zuvor verboten war), zudem können Unternehmen ihre F&E-Ausgaben seit 2003 steuerlich absetzen. Mit der Lockerung des Emerging Market am Tokyo Stock Exchange ist es zudem auch für kleinere Unternehmen leichter geworden, sich an der Börse zu notieren. Einen kleinen Boom gab es dabei zwischen 2002 und 2004: Allein in diesem Zeitraum haben 11 Firmen den Sprung aufs Parkett gewagt.
Zu den ersten universitären Start-ups gehörten Effector Cell Institute (Tokyo, 1999 gegründet, Nagoya Stock Exchange), DNA Chip Research (Yokohama, 1999 gegründet, Tokyo Stock Exchange) oder MedGene (Osaka, gegründet 1999, Tokyo Stock Exchange, heute AnGes MG). Heute befinden sich die Schwerpunkte der japanischen Biotech-Industrie in der Region um die Hauptstadt Tokyo, sowie in der Kansai-Region um die Großstädte Kobe und Osaka (siehe Karte).
Chemiesektor mit Tradition
Nachdem sich der japanische Biotechnologie-Sektor in den 1990er Jahren auf einem Tiefpunkt befand, hat vor allem seit den Reformen nach 2002 die Aufholjagd auf die Spitzennationen in Nordamerika und Europa Fahrt aufgenommen. Dies gilt nicht nur für den Pharmbereich, sondern auch für die weiße Biotechnologie. Hier kann Japan ähnlich wie Deutschland auf eine starke Chemieindustrie zurückgreifen. Nach Angaben des Bio4EU-Reports der EU-Kommission nutzen 2,5% der chemischen Industrie in Japan (127 von 5000 Firmen) bereits biotechnologische Prozesse. Fünf japanische Chemie-Konzerne gehören zudem zu den 30 weltweit stärksten Chemieunternehmen. Was die Forschungsausgaben angeht, so investieren die Japaner im internationalen Vergleich allerdings immer noch deutlich weniger als die deutschen Konzerne Bayer (2,6 Mrd. Euro) und BASF (1,44 Mrd. Euro) oder die amerikanischen Unternehmen DuPont (915 Mio. Euro) und Dow Chemical (892 Mio. Euro).
Augewählte F&E-Ausgaben japanischer Chemieunternehmen
| Unternehmen | F&E-Ausgaben 2007 |
| Sumimoto Chemical | 598 Mio. Euro |
| Mitsubishi Chemical | 558 Mio. Euro |
| Asahi Kasei | 320 Mio. Euro |
| Shin-Etsu Chemical | 255 Mio. Euro |
| Mitsui Chemicals | 226 Mio. Euro |
Quelle: EU Scoreboard 2008
Zu den japanischen Stärken zählt die biotechnologische Aminosäure-Produktion (u.a. Ajinomoto Group, Kyowa Hakko), aber auch im Bioplastik-Bereich gibt es viele Aktivitäten. Generell ist die Suche nach alternativen Produktionsverfahren für Japan ein wichtiges Thema, denn als Insel und eher kleines Agrarland ist es sehr stark vom Erdöl abhängig - was inzwischen zu einem bedeutenden Kostenfaktor für die Industrie geworden ist. Groß ist das Engagement deshalb auch bei Firmen, die nicht zu den klassischen Biotech-Anwendern zählen. So hat Fujifilm im Jahr 2006 in Japan für mehr als 40 Mio. Euro ein Forschungszentrum (Fujifilm Advanced Research Laboratories) gebaut, das zu einem großen Teil im Bereich Lebenswissenschaften arbeitet. Darüber hinaus zählt der Automobilbauer Toyota zu den industriellen Bioplastik-Pionieren. Bereits im Jahr 1998 hat man eine eigene Bioplastik-Einheit eingerichtet. Im Jahr 2003 wurden im Modell RAUM bereits Fußmatten und Ersatzreifenhüllen aus Bioplastik serienmäßig verwendet und auch das Modell Prius enthält inzwischen einige Bioplastik-Komponenten.(Mehr Informationen zu Toyota's Bioplastikanwendungen: hier klicken) Eine 1000-Tonnen-Pilotanlage für die Produktion von Polymilchsäure (PLA) wurde 2005 errichtet. Und erst im Dezember 2008 verkündete Toyota, künftig noch stärker auf Bioplastik zu setzen und bis zu 60% des Autointerieurs damit auszustatten (Mehr Informationen: hier klicken) Ähnliche Entwicklungen gibt es bei den japanischen Industriekonzernen Fujitsu, NEC und Sony, die sich ebenfalls schon seit Jahren mit Bioplastik beschäftigen - unter anderem für Mobiltelefon-Gehäuse und Computerteile.
Finanzierung von Biotechnologie und Patente
Wie in vielen anderen Ländern auch ist die Finanzierung das größte Problem der Branche. Vor allem Venture Capital-Geber sind für japanische KMUs meist schwer zu finden. Nur wenige Wagniskapitalgeber wie CSK Venture Capital in Tokio bekennen sich zur Biotchnologie.
Hinsichtlich der Patentanmeldungen steht Japan im internationalen Vergleich gut da. Nach Angaben von Invest in Japan (auf der Basis einer Untersuchung des Japanischen Patentamtes für die Jahre 1990 bis 1998) liegt Japan bei der Anmeldung von Biotechnologie-Patenten nach den USA auf Platz zwei noch vor Europa. Dies konnte eine Analyse der Boston Consulting Group aus dem Jahr 2006 bestätigen. Insbesondere in der industriellen Biotechnologie ist Japan stark, heißt es hier. Jedoch weist die japanische Forschung insgesamt deutliche Schwächen nicht nur in der Hinführung von Forschungsergebnissen zur Marktreife (besonders in der Phase klinischer Studien), sondern auch in der Vermarktung von Patenten selbst auf. Eine Studie des japanischen Patentamtes aus dem Jahr 2004 weist aus, dass japanische Unternehmen nur 30% ihrer Patente intern nutzen, 10% an Dritte weitergeben (z. B. über Lizenzverträge) und ganze 60% überhaupt nicht gebrauchen. Eine ältere Studie der British Technology Group aus dem Jahr 1998 zeigte gar, dass 24% der japanischen Unternehmen mehr als 100 und 12% mehr als 1000 ungenutzte Patente besaßen. Ein relativ großer Teil dieser Patente dürften dabei so genannte „On-the-Shelf“-Patente sein; d. h. sie haben für die anmeldende Organisation keinerlei strategischen und ökonomischen Wert. Aufgrund der bloßen Menge japanischer Patentanmeldungen und einer zunehmenden Öffnung des Managements geistigen Eigentums jedoch belebt sich der japanische Patentmarkt mehr und mehr.
Nach dem Beben: Die Entstehung des Kobe Biomedical Clusters
Eine Besonderheit in Japan stellt die Entstehung des biomedizinischen Clusters in Kobe dar. Nach dem schweren Erdbeben im Jahr 1995 wurde die traditionelle Wirtschaft (Stahlindustrie und Schifffahrt) größtenteils zerstört. Beim Wiederaufbau entschied sich der Staat für eine Subventionierung der Biotechnologie – auf einer eigens hierfür angelegten Hafeninsel. 130 Einrichtungen haben sich hier inzwischen niedergelassen, vom Forschungsinstitut bis zur Biotech-Firma. Ein Schwerpunkt liegt in der translationalen Forschung in den Bereichen Zelltherapie, regenerative Medizin sowie in der Gewebe- und Zellforschung. Darüber hinaus haben sich viele der metallverarbeitenden KMUs, die das frühere Stadtbild prägten, auf die Medizingeräteherstellung spezialisiert. Das Cluster in Kobe ist heute ein elementarer Teil des Kansai Bioclusters, welches neben der Kanto-Region um Tokio herum das führende Biotechnologie-Cluster in Japan ist.