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Länderfokus

Biotechnologie in der Schweiz

07.09.2009

Die Schweiz hat im Verhältnis zur Einwohnerzahl die höchste Dichte an Biotechologie-Unternehmen weltweit. Das liegt nicht nur an der Finanzkraft der Banken und Investoren, sondern auch an den großen Pharmafirmen, die hier ihren Sitz haben.

Unternehmenslandschaft

Die meisten Biotechnologieunternehmen konzentrieren sich rund um Basel, Zürich oder genf.Lightbox-LinkDie meisten Biotechnologieunternehmen konzentrieren sich rund um Basel, Zürich oder genf.Quelle: Wikimedia

Mit einer unternehmensfreundlichen Politik hat sich Deutschlands südlicher Nachbar als wichtiger Biotechnologie-Standort von internationaler Bedeutung etabliert. Noch stärker als in Deutschland liegt der Schwerpunkt der Branche in der Schweiz im medizinischen Bereich. Der Branchenverband Swiss Biotech Association (SBA) zählte im Jahr 2008 159 Unternehmen und 70 Zulieferer in der Schweizer Biotechnologie. Die SBA, die neben Unternehmen auch Forschungsinstitute und Regionalverbände vertritt, wurde 1998 gegründet und verzeichnet  derzeit 170 Mitglieder. Die meisten dieser Firmen haben allerdings zehn oder weniger Mitarbeiter, wie der BioPolis Report feststellt, der im Auftrag der Europäischen Komission die Biotechnologie in 32 Ländern analysiert und 2006 erschienen ist.

Im Verhältnis zur Bevölkerung hat die Schweiz eine der höchsten Raten an Biotechnologie-Unternehmen weltweit.Lightbox-LinkIm Verhältnis zur Bevölkerung hat die Schweiz eine der höchsten Raten an Biotechnologie-Unternehmen weltweit.Quelle: Ernst & Young

Novartis und Roche als Antreiber der roten Biotechnologie

In der Schweiz sind mit Roche und Novartis zwei der weltweit größten Pharmaunternehmen beheimatet. Nicht zuletzt durch die Forschung in diesen und anderen in der Schweiz vertretenen Pharmaunternehmen stellt die "rote" oder medizinische Biotechnologie deshalb den Löwenanteil des Umsatzes mit biotechnologischen Produkten in der Schweiz.

Roche wurde 1896 von Fritz Hoffmann-La Roche in Basel gegründet. Das erste Produkt war Aiodin, ein Schilddrüsen-Präparat. Einer von Roches größten Erfolge war die Entdeckung der beruhigenden Wirkung von Diazepam. Das daraus resultierende Medikament mit dem Markennamen Valiumwar über Jahre hinweg eines der meistverkauften Medikamente der Welt. 1980 begann bei Roche die biotechnologisch Zeitrechnung - durch eine enge Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Biotech-Unternehmen Genentech. Aber auch heute setzt Roche - am Standort Basel 2500 mit Forschern und Forscherinnen vertreten -  überdurchschnittlich stark auf Biotechnologie. Inzwischen wurde Genentech auch komplett übernommen, für knapp 45 Milliarden Dollar im Jahr 2008.

BioPolis Report
Die bisher umfangreichste Erhebung der europäischen Biotechnologie mündete im BioPolis-Report. Von 2002 bis 2005 analysierten Wissenschaftler die politisch-wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den 27 EU-Ländern sowie Kroatien, Island, Norwegen, der Schweiz und der Türkei.
mehr Informationen: hier klicken

Roche hat dank der Beteiligung an Genentech einige der meistverkauften biotechnologisch hergestellten Medikamente im Portfolio, darunter mehrere Antikörper-Präparate gegen Krebs. So stammen heute fünf der zehn umsatzstärksten Medikamente der Pharma-Division bei Roche aus der biotechnologischen Forschung und machen zirka 45 % der Verkäufe aus. Nicht zuletzt aus diesem Grund bezeichnet sich Roche selbst als eines der führenden Biotech-Unternehmen weltweit mit entsprechend  großen biotechnologischen Produktionskapazitäten. In der Schweiz eröffnete das Unternehmen erst 2007 eine neue Fertigungsanlage in Basel, wo das Krebsmedikament Avastin hergestellt wird. Einer der größten biotechnologischen Produktionsstandorte des Unternehmens liegt im deutschen Penzberg. Der Stammsitz in Basel hat für die Firma jedoch eine große Bedeutung und soll bis 2011 für 800 Millionen Franken ausgebaut werden.

Im Bereich der Gesundheitsindustrie ist die Schweiz traditionell mit vielen und großen Unternehmen gesegnet.Lightbox-LinkIm Bereich der Gesundheitsindustrie ist die Schweiz traditionell mit vielen und großen Unternehmen gesegnet.Quelle: Ernst & Young

Neben Roche dominiert Novartis als weiteres Pharmaunternehmen die Schweizer Biotech-Landschaft. In seiner heutigen Form ist es allerdings noch gar nicht so alt. Im Jahr 1996 vereinbarten die beiden Chemie- und Pharmariesen Sandoz und Ciba-Geigy, sich zusammenzuschließen. Die Einzelfirmen Sandoz, Ciba und Geigy haben jede für sich die Entwicklung der Schweiz zum Zentrum für Lebenswissenschaften maßgeblich mitgeprägt.
1886 gründeten Alfred Kern und Edouard Sandoz die Chemiefirma Kern & Sandoz. Das erste Produkt sind die Farbstoffe Alizarinblau und Auramin. Die großindustrielle Produktion von Antibiotika und biotechnologisch entwickelten Substanzen beginnt nach der Übernahme der Biochemie GmbH im österreichischen Kundl.
1873 verkauft Alexander Clavel seine Fabrik für synthetische Farbstoffe an Bindschedler&Busch. 1884 wandelt sich das Unternehmen in eine Kapitalgesellschaft um, die den Namen "Gesellschaft für Chemische Industrie Basel" erhält. 1900 beginnt die Produktion der ersten pharmazeutischen Wirkstoffe: Vioform, ein Antiseptikum, und Salen, ein Antirheumatikum. Die Abkürzung Ciba wird so geläufig, dass sie im Jahr 1945 zum offiziellen Firmennamen erklärt wird.
Johann Rudolf Geigy-Gemuseus beginnt 1758 in Basel mit "Materialien, Chemikalien, Farbstoffen und Heilmitteln aller Art" zu handeln. 1935 wird die Produktion von Insektiziden aufgenommen, kurz danach die ersten Pharmazeutika produziert. Ciba und Geigy fusionieren 1970 zu Ciba-Geigy.
Novartis hat in den vergangenen Jahren den Bereich der biotechnologischen Vakzine-Herstellung ausgebaut. Neben Baxter ist es 2009 das einzige Unternehmen, das in Säugetierzellen hergestellten Impfstoff gegen die H1N1-Grippe anbietet. Novartis betreibt in Basel das größte seiner Forschungsinsitute für Biomedizin. Mit 1500 Wissenschaftlern ist es auch das größte biotechnologische Forschungszentrum in der Schweiz. Weil hier inzwischen viele Forschungsaktivitäten konzentriert werden, ist das auch anderwo zu spüren - beispielsweise im Nachbarland Österreich, wo der Novartis Campus in Wien 2008 aufgegeben wurde.

Actelion und Merck-Serono als größte dedizierte Biotech-Unternehmen

Die beiden größten reinen Biotechnologie-Unternehmen in der Schweiz sind Actelion und Serono (heute Merck-Serono). Actelion ist eine Schweizer Erfolgsgeschichte. 1997 gegründet, hat das Unternehmen 2009 mehr als 2000 Mitarbeiter und drei Medikamente auf dem Markt. Die Mittel richten sich gegen Bluthochdruck und Morbus Gaucher. Serono wiederum hat eine lange italienische Tradition, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht und in Rom beim Pharmakologischen Institut Serono beginnt.  In den Nachkriegsjahren wird die Einrichtung von Pietro Bertarelli übernommen. Damals entdeckten Forscher, dass im Urin von Frauen während der Menopause ein natürlicher Stoff enthalten ist, das so genannte Gonadotropine, aus dem sich ein Medikament gegen Unfruchtbarkeit entwickeln lässt. Um ausreichend "Grundstoff" für die Produktion des Medikaments zu haben, besorgte sich Serono über Jahre Millionen von Litern an Urin aus italienischen Klöstern – mit dem Segen des Vatikans. So konnte Serono, dank der Hilfe von Ordensschwestern, die sich der Keuschheit verschrieben haben, eines der ersten Medikamente im Kampf gegen Unfruchtbarkeit von Frauen vermarkten. 1954 befindet sich die Aktienmehrheit von Serono sogar in den Händen des Vatikans. 1968 übernimmt dann Fabio Bertarelli die Führung von Serono und wandelt den pharmakologischen Betrieb mit Schwerpunkt Hormonforschung in ein führendes Biotechnologie-Unternehmen um. Aufgrund der unsicheren politischen Lage in Italien zieht die Familie Bertarelli in den 70er Jahren nach Genf, wo schließlich auch der Hauptsitz der Firma angesiedelt wird. Über die Jahre entwickelt sich Serono zum größten Biotech-Unternehmen des Landes. Umsatzbringer ist vor allem das Präparat Rebif zur Behandlung von Multipler Sklerose. Im Jahr 2006 erfolgt die Übernahme durch den Darmstädter Pharmakonzern Merck für 10,6 Milliarden Euro. Die zweite Reihe der Schweizer Biotechnologie-Unternehmen bilden  Firmen wie Basilea, Cytos, Prionics und Santhera.

Zahl der Beschäftigten der Schweizer Biotech-Branche Lightbox-LinkZahl der Beschäftigten der Schweizer Biotech-Branche Quelle: Ernst & Young

Die Unternehmensberatung Ernst&Young schätzt, dass diese Unternehmen im Jahr 2008 knapp 11 000 Menschen beschäftigten. Das ist ein leichtes Wachstum gegenüber 2007. Auch der Umsatz konnte 2008 zulegen. So konnten die Schweizer Biotechunternehmen im Jahr 2008 insgesamt einen Umsatz von mehr als 5,7 Milliarden Euro verbuchen - wobei der Löwenanteil auf Merck-Serono zurückzuführen ist. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet dies einen Zuwachs von rund 7%.

Unternehmen investieren 1,35 Milliarden Euro in biotechnologische Forschung

Auch die Investitionen in Forschung und Entwicklung (F&E) der Unternehmen stieg 2008 an, auf 1,35 Milliarden Euro (2007: CHF1150 Millionen Euro). Das bedeutet eine Steigerung um 18%. Die Schweizer Biotechnologie-Szene ist überdurchschnittlich gut mit Kapital versorgt. 10 der 25 größten Biotechnologie-Fonds sind in der Schweiz lokalisiert. Und auch deutsche Biotech-Investoren - wie beispielsweise Firmengründer Carsten Henco - siedeln ihre Aktivitäten lieber hier als in Deutschland an.

Die Konzentration an privatem Kapital kommt denn auch den Schweizer Firmen zugute. Im Jahr 2007 wurden 885 Millionen Schweizer Franken (583 Millionen Euro) eingetrieben. Die Finanzmarktkrise und die wirtschaftlichen Turbulenzen der letzten Monate haben jedoch auch die Biotechnologie-Unternehmen in der Schweiz nicht ganz verschont: Inzwischen ist das Beschaffen von Risikokapital im Vergleich zum Rekordjahr 2007 schwieriger geworden. Einige Firmen mussten 2008 Rückschläge erleiden. Ingesamt konnte die Schweizer Biotechindustrie im letzten Jahr nur einen Kapitalzufluss in Höhe von 228 Millionen Franken (150 Millionen Euro) verzeichnen, was einen Rückgang von ca. 75% im Vergleich zum Rekordjahr 2007 bedeutet.

Auch die Schweizer Biotech-Unternehmen haben im Krisenjahr 2008 erheblich weniger Geld an der Börse eingesammelt. Lightbox-LinkAuch die Schweizer Biotech-Unternehmen haben im Krisenjahr 2008 erheblich weniger Geld an der Börse eingesammelt. Quelle: Ernst & Young

Enge Verknüpfung von Forschung und Kapital 

Eine der größten Vorteile der Schweiz als Biotech-Standort liegt in ihrer geringen Größe. Dieses Fazit hat jedenfalls Ralf Lindner vom Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung gezogen. Lindner war am BioPolis Report für die Schweiz beteiligt, der von der Europäischen Kommission beauftragt und im März 2007 veröffentlicht wurde. Insgesamt wurden 32 Länder untersucht, die Schweiz war eines der kleinsten darunter. Im Vergleich zu den anderen Ländern wurde dabei deutlich: Relativ zur Bevölkerungsgröße hat die Schweiz eine der weltweit höchsten Konzentrationen an Biotechnologie-Unternehmen.

Fraunhofer-Forscher Lindner hält das für einen entscheidenden Standortfaktor. Gerade in einem hochtechnologischen und komplexen Feld wie der Biotechnologie sei die Konzentration an Know-how von Universitäten und Unternehmen auf engem Raum förderlich. Start-Ups haben aufgrund der Nachbarschaft zu mehreren großen Pharmakonzerne wie Roche und Novartis eine höhere Chance auf die schnelle Auslizenzierung und Finanzierung ihrer Ideen - wie mehrere Beispiele belegen. So hat Actelion schon früh mit Genentech und Roche zusammengearbeitet. Basilea entstand wiederum im Jahr 2000 als Spin-Off von Roche. Und auch Prionics hat mit dem Pharmakonzern vergleichsweise schnell einen zahlungskräftigen Vermarktungspartner gefunden. Inzwischzen gibt es auch Venture-Kapitalfonds bei Roche, Novartis und Merck, die gezielt in junge Biotech-Unternehmen investieren.

Nicht zuletzt aufgrund dieser engen Verzahnung konnten viele Biotech-Firmen in der Schweiz ihre Forschungsprojekte schneller in ein reiferes Stadium bringen als anderswo in Europa. Während nördlich der Alpen kaum eigene entwickelte Biotech-Medikamente auf dem Markt sind, sieht das in der Schweiz anders aus. Serono's Rebif sorgt bereits seit Jahren für hohe Umsätze, Santhera hat in Kanada sein Produkt "Catena" gegen die seltene Erbkrankheit Morbus Friedreich auf dem Markt,  Basileas "Toctrino" gegen schweres chronisches Handekzem ist in mehreren EU-Ländern zugelassen. 

Das unternehmerische Umfeld wird zudem durch ein steuerfreundliches Klima begünstigt, das auch Biotech-Unternehmen in ihrem Wachstum hilft. (siehe rechtliche und politische Rahmenbedingungen

 

Hintergrund

Unternehmen: 229

Schwerpunkt: medizinische Biotechnologie

Branchenverband: Swiss Biotech Association www.swissbiotechassociation.ch  

Forschungsförderung: Eidgenössisches Departement des Inneren/ Staatssekretariat für Bildung und Forschung Forschungsförderung durch den Bund

Regionale Cluster
BioValley Basel: www.biovalley.ch
MedNet Zürich: www.zurichmednet.org
BioAlps Genf: www.bioalps.org

Rechtliche Grundlagen:
Stammzellforschung und -gewinnung erlaubt, Präimplantationsdiagnostik verboten, Anbau von gv-Pflanzen durch Moratorium voraussichtlich bis 2013 ausgesetzt

Internationale Kooperationen

www.internationale-kooperationen.de

Sie interessieren sich für Kooperationen mit Hochschulen und Unternehmen im Ausland? Das internationale Büro des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unterstützt einen solchen Austausch. Mehr Informationen zu möglichen Förderprogrammen und länderspezifische Hintergründe finden Sie unter:

www.internationale-kooperationen.de


Downloads

Swiss Biotech Report

Bestandsaufnahme 2008 Download PDF (3,2 MB) PDF online ansehen

Swiss Biotech-Report

Update 2009 Download PDF (1,4 MB) PDF online ansehen

BioPolis Report

Länderreport Schweiz, 2007 Download PDF (651,3 KB) PDF online ansehen