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Gene geben Gewicht
Sind die Gene schuld am Übergewicht? Ja und nein, antworten die Wissenschaftler stets. Aufgrund neuer Erkenntnisse fällt die Antwort jetzt aber so detailliert aus wie nie. Forscher des Helmholtz-Zentrums in München identifizierten sechs neue Gene, die im Gehirn den Appetit anregen. Durch das vor kurzem entdeckte FTO-Gen bekommen Kinder Appetit auf süße und fette Speisen, wie eine irische Studie beweist. Einige wenige Menschen wiederum bleiben aufgrund einer Genmutation auch nach dem dritten Nachtisch rank und schlank. Dass die Menschen in Sachsen-Anhalt im Durchschnitt mehr wiegen als alle anderen Deutschen, liegt wohl aber nicht nur an den Genen.
Die Dickmacher-Gene
Übergewicht ist ein sehr komplexes Phänomen, dessen Ursachen sowohl im Verhalten, aber auch in den Gene zu suchen sind. Genetisch gesehen kommen mehrere Regionen im Erbgut in Betracht, die damit zu tun haben könnten, dass einige Menschen schwerer sind als andere. Sie sind noch längst nicht alle identifiziert. Immer wieder werden weitere "Risikogene" entdeckt, wie mehrere internationale Studien zeigen, die in der Fachzeitschrift Nature Genetics erschienen sind.
500.000 Genvarianten untersucht
Dass Übergewicht ein sogenanntes polygenes Phänomen ist, also viele Gene und Genregionen beteiligt sind, ist schon länger bekannt. Konsequent umgesetzt hat das ein internationales Konsortium unter Beteiligung der Universität Leipzig. "Zusammen mit Forschern vor allem aus Lille und London haben wir fast 500.000 Genvarianten des menschlichen Erbgutes betrachtet und untersucht, welche Gene sich bei den dicken Menschen gleichen und wo sie sich von Schlanken unterscheiden", sagt Wieland Kiess, Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Kinder und Jugendliche der Universität Leipzig. Bei dem Abgleich, über den die Wissenschaftler in Nature Genetics (2009, Vol. 41, S. 157 - 159) berichten, konnten drei neue Genregionen identifiziert werden, die offenbar mit Übergewicht zu tun haben: NPC1, MAF und PTER.
Mit Hilfe eines Computers berechneten die Wissenschaftler zunächst, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sich zwei Menschen der 15.000 Porbanden in ihrem Erbgut gleichen. "Erwartet wird in der Regel ein Unterschied von ca. 0,2 Prozent", so Kiess. Nun stießen die Forscher bei ihren Untersuchungen aber bei einzelnen Genvarianten teilweise auf sehr viel größere Unterschiede, wenn sie die Gene von Dicken und Schlanken miteinander verglichen.
Dazu nutzten sie ein Analysegerät im französischen Lille, mit dem die menschliche Erbbotschaft als Muster dargestellt werden kann. Die aus den vorliegenden Proben hervorgegangenen Muster stellten sie schließlich nebeneinander und verglichen sie. Dabei waren und sind vor allem die Daten von Kindern, zu denen die Leipziger Forschergruppe wesentlich beigetragen hatte, für die Wissenschaftler hoch interessant. "Bei dicken Kindern schlägt die genetische Komponente stärker zu Buche als bei fettleibigen Erwachsenen, bei denen sich die Einflüsse in Richtung Essgewohnheiten und Alltagsverhalten verschieben", berichtet Kiess.
Sieben neue Genregionen entdeckt
Ein von Wissenschaftlern des isländischen Biotech-Unternehmens deCODE Genetics geleitetes Forscherteam identifizierte nach eigenen Angaben im Herbst 2008 wiederum sieben Regionen im menschlichen Genom, in denen sich Veränderungen der DNA-Sequenz auf die Regulation des Körpergewichts und das Fettleibigkeitsrisiko auswirken. Die Studie beruht auf der Analyse von 300.000 bekannten Genvarianten (SNP) bei 30.000 Personen aus den USA, den Niederlanden und Island.

Im Hypothalamus wird der Appetit und die Energieaufnahme des Körpers gesteuert. Dort wirken auch die meisten Gene, die mit Übergewicht in Verbindung gebracht werden.Quelle: Wikipedia
Eine zweite Forschergruppe, an der neben sechzig internationalen Forschungsinstitutionen auch die Institute für Humangenetik am Helmholtz-Zentrum München und der Technischen Universität München beteiligt waren, bestätigte in einer Meta-Analyse von 15 Übergewichts-Studien sechs dieser neuen Regionen (MEM18, KCTD15, GNPDA2, SH2B1, MTCH2 und NEGR1). Fünf von ihnen wirken im Gehirn. „Es ist schon bemerkenswert, dass sich genetische Variationen, die im Zusammenhang mit Fettleibigkeit stehen, hauptsächlich im Gehirn und weniger im Fettgewebe oder Darm auswirken“, sagt Ines Barroso vom britischen Wellcome Trust Sanger Institute. Die Gruppe bestätigte außerdem noch einmal die herausgehobene Bedeutung des des FTO-Gens. (siehe: Das Appetit-Gen)
Nahrungsaufnahme und -Verwertung gestört
Allen diesen Genen ist gemeinsam, dass mögliche Mutationen dafür sorgen, dass die normale, hirngesteuerte Regulation der Nahrungsaufnahme und -verwertung gestört wird und damit der Drang zur Nahrungsaufnahme übermäßig steigt. Die Suche nach den Ursachen für Übergewicht ist damit aber noch lange nicht beendet. Denn die Auswirkungen der jetzt entdeckten Gene sind zwar signifikant, aber nicht weltbewegend. Selbst wenn ein Mensch alle der neu entdeckten Risikogene trägt, was sehr selten der Fall sein dürfte, würde sein Gewicht nur um etwa 1,5 bis 3 kg steigen, schätzen die Autoren. Dies entspricht in etwa dem Einfluss des bekannten FTO-Gens, deren Träger im Durchschnitt 1,2 kg mehr auf die Waage bringen.
Gene können Anstieg des Durchschnittsgewichts nicht erklären
Die Gene alleine können also den Anstieg des durchschnittlichen Körpergewichts nicht erklären, wie er in den vergangenen Jahrzehnten in den Industriegesellschaften zu beobachten war. Die Gewichtsprobleme vieler Menschen dürften eher mit den Freizeit- und Ernährungsgewohnheiten zusammenhängen, schließen die Wissenschaftler. Allerdings können die Gene die Auswirkungen der Zivilisation auf den Körper noch verschärfen.
