Dossier
Gene und Verbrechen
Am Tatort nach Spuren von Erbgut zu suchen, ist für die Polizei mittlerweile zum Standard geworden. Knapp 800.000 Datensätze hat das Bundeskriminalamt schon gesammelt. Schon jetzt können aus ihnen Merkmale über die Personen herausgelesen werden, der genetische Fingerabdruck könnte zum genetischen Phantombild werden. In England helfen die Gene nicht nur bei der Aufklärung, sondern auch bei der Verhinderung von Straftaten. Wie das Ermittlungsdebakel um das "Phantom von Heilbronn" allerdings zeigt, können DNA-Spuren auch in die Irre führen. In diesem Dossier lesen Sie, welche Rolle die Gene in der Polizeiarbeit spielen, was in Zukunft möglich ist und was nicht.
Was sich aus den Genen herauslesen lässt
Bis die Ermittler aus den Genen Hinweise auf das Aussehen eines mutmaßlichen Täters herauslesen können, muss noch viel Forschungsarbeit geleistet werden. In Deutschland ist grundsätzlich nur die Untersuchung von sogenannten nichtcodierenden DNA-Abschnitten erlaubt, also Sequenzen, die keine Informationen für Eiweiße tragen. Eine Ausnahme ist die Bestimmung des Geschlechts. Dazu wird ein zusätzlicher Abschnitt ausgelesen.
Zudem wissen die Genforscher, dass gewisse Genformationen in manchen Gegenden häufiger vorkommen als andere. Besonders in ländlichen Gebieten bleiben Poulationen innerhalb gewisser Grenzen oft über die Jahrhunderte hinweg stabil und entwickeln charakteristische Genprofile. Diese regionale Häufigkeitsverteilung darf die Polizei auch schon in der Fahndungsphase nutzen. Derartige geografische Eingrenzungen einer bestimmten Erbgutkombination fußt auf Datenbanken die durch Vererbung weitergegebene lokale Variationen auf den Chromosomen speichern.
| Datenbank für Y-Chromosomen |
| Die YHRD-Datenbank (Y-STR haplotype reference database) wurde im Jahr 2000 eingerichtet und ist für alle Forscher offen zugänglich. www.yhrd.org |
Die weltweit älteste und größte Datenbank für derartige Variationen auf dem männlichen Y-Chromosom befindet sich in Berlin am Institut für forensische Genetik an der Berliner Charite. Die YHRD verzeichnet die genetischen Besonderheiten von mehr als 500 Bevölkerungsgruppen auf dem ganzen Globus. Eine DNA-Spur kann so im besten Fall einer bestimmten Ethnie zugeordnet werden.
Mit Mitochondrien eineiige Zwillinge auseinander halten
Zum genetischen Standard-Fingerabdruck der STR-Technik sind in den vergangenen Jahren noch weitere Techniken hinzugekommen, die zusätzliche Informationen zu Personen am Tatort liefern können, die über die reine Identifikation hinausgehen und schließlich zu einem genetischen Phantombild führen könnten.
So enthält nicht nur der Zellkern Erbgut, sondern auch die Kraftwerke der Zelle, die Mitochondrien, verfügen über eigene Erbinformationen, die über die Mutter vererbt werden. Bei der Untersuchung von DNA aus Mitochondrien (mtDNA) geht es nicht um die Längenunterschiede von DNA-Abschnitten, sondern um zufällige Veränderungen einzelner Basen - sogenannte Punktmutationen. Daraus kann unter anderem das Lebensalter grob abgeschätzt werden.
Dieser Film zeigt einen Tag im Besucherlabor des Deutschen Museums. Unter Anleitung kann jeder selbst einen genetischen Fingerabdruck zur Bestimmung eines fiktiven Täters erstellen.Quelle: YouTube
Ein altes kriminaltechnisches Problem sind eineiige Zwillinge, wie der Einbruch im Berliner Edelkaufhaus KaDeWe im Januar 2009 wieder gezeigt hat. Gentechnisch gibt es seit kurzem aber einen Weg, sie zu unterscheiden. Dazu werden die Aufklärer des Immunsystems untersucht, die Lymphozyten. Sie kommen im Blut vor und sind dafür zuständig, Fremdstoffe zu erkennen. Lymphozyten haben die Fähigkeit, sich frühere Erkrankungen zu "merken", damit der Körper in Zukunft schneller auf eine Infektion mit dem gleichen Erreger reagieren kann. Da jedes Immunsystem im Laufe des Lebens mit unterschiedlichen Krankheiten zu tun hat, kann ein Abgleich dieser Gedächtniszellen hier bei der Identifizierung einer Person helfen.
Rothaarige Verbrecher haben es schwer
In einigen anderen Ländern können die Ermittler auch die codierenden Regionen des Erbmaterials für die Verbrecherjagd nutzen - Genabschnitte, auf denen Baupläne für Eiweiße abgespeichert sind. Ziel ist es, Anhaltspunkte über das Aussehen zu erhalten. Sehr weit ist man hier allerdings noch nicht. Nur rothaarige Verbrecher müssen sich vorsehen, ihre Haarfarbe ist schon jetzt mit hoher Wahrscheinlichkeit erkennbar. Demnächst könnten Marker für Körpergröße, Hautfarbe oder Art der Haare folgen.
| Forensische Biologie studieren |
| Wer Biologie in Marburg studiert, kann ab Mitte 2009 mehr über die DNA-Analyse im Dienste der Verbrecherjagd erfahren. Zusammen mit Wissenschaftlern des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden geht es im Profilmodul "Forensische Biologie" darum, wie zum Beispiel pflanzliche und tierische Spuren entscheidend zur Täterüberführung beitragen können. Das Programm als pdf: Download |
Blaue und braune Augen leicht nachweisbar
Seit kurzem können niederländische Molekularbiologen einem mutmaßlichen Täter mit der DNA-Spur auch in die Augen schauen. In neun von zehn Fällen können sie aus dem Erbgut korrekt herauslesen, wenn die betreffende Person blaue oder braune Augen hat. Bei anderen Augenfarben lag die Trefferquote immerhin noch bei 75 Prozent, wie die Wissenschaftler in Current Biology (2009, Ausg. 19, Nr. 5, S. 192-193) berichten. Die Entdeckung basiert auf einem wissenschaftlichen Schuss ins Blaue.
Das Erbgut von mehreren hundert Niederländern mit braunen beziehungsweise blauen Augen wurden mehrere Hunderttausend Teilstücke der DNS untersucht, die individuelle genetische Variationen beinhalteten. Ein computergestützter Abgleich dieser Single Nucleotide Polymorphisms (SNP) offenbarte dann, dass Variationen auf drei dieser SNPs die Augenfarbe braun oder blau bestimmen. Das ist ein Glücksfall. Bei anderen körperlichen Merkmalen sind Hunderte von Genabschnitten beteiligt.
Die SNP-Analyse ist eine weiter getriebene Form der STR-Analyse. Die zu untersuchenden Bereiche sind nochmals kürzer geworden. Bei den SNPs wird ebenfalls nicht mehr die Länge unter die Lupe genommen, sondern gezielt einzelne Genorte analysiert, die von Individuum zu Individuum unterschiedlich ausgeprägt sein können. Da bei den SNPs an jedem Genort auf den beiden Chromosomen nur zwei unterschiedliche Ausprägungen oder Allele auftreten, müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis ziemlich viele SNPs untersucht werden, am besten mehr als fünfzig.
