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Biotechnica 2010: Kleiner und präziser

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Götterdämmerung oder der Anbruch eines neuen Tags: Die Biotechnica will nach den ernüchternden Zahlen 2010 in den kommenden Jahren an ihrem Profil arbeiten. Quelle: biotechnologie.de

07.10.2010  - 

Nach drei Tagen ist die Biotechnica in Hannover am 7. Oktober zu Ende gegangen. Mit 500 Ausstellern und 9.500 Besuchern war es seit langem die kleinste Ausgabe der ältesten deutschen Biotechnologiemesse. „Vor dem Hintergrund der aktuellen Rahmenbedingungen der Branche ist dies ein gutes Ergebnis“, sagte Stephan Kühne, Vorstandsmitglied des Veranstalters Deutsche Messe AG. Vom Anspruch der vergangenen Jahre, die „Leitmesse“ in Europa zu sein, ist man offenbar abgekommen, Kühne sprach in seiner Bilanz von einer „europäischen Drehscheibe“ für Kontakte in der Branche. Von vielen guten Gesprächen berichteten in diesem Jahr besonders die Regionalverbände und Biotech-Cluster, die Unternehmen zeigten sich verhaltener. Ob die Biotechnica weiterhin jährlich stattfinden soll oder doch wieder zum althergebrachten Zwei-Jahres-Rhythmus zurückfindet, ließ Kühne offen. Auch das bisherige Prinzip der einen Messe für alle Bereiche der Biotechnologie ist auf dem Prüfstand.


 

Der Auftakt war glamourös. In feierlicher Umgebung erhielt das Führungspersonal des belgischen Antikörper-Spezialisten Galapagos einen überdimensionalen Geldschein überreicht. Er stand für die 30.000 Euro Preisgeld, die der diesjährige Gewinner des European Biotechnica Awards mit nach Hause nehmen durfte (mehr...). Während der Award die vom Preisgeld her bedeutendste Auszeichnung der europäischen Biotechnologie sein dürfte, kann die Biotechnica wohl spätestens seit diesem Jahr keine führende Rolle im europäischen Life-Science-Messekosmos mehr beanspruchen.

Weniger Besucher und Aussteller

Mit 500 Ausstellern und 9.500 Besuchern war 2010 für den Veranstalter Deutsche Messe AG ein schwacher Jahrgang, der schwächste seit langem. 2008 und 2009 kamen noch rund 11.000 Menschen in die Halle 9 auf dem Messegelände in Hannover, um Unternehmen, Wissenschaftler und Netzwerker der Biotechnologie zu treffen. Auch bei den Ausstellern ist ein Rückgang zu verzeichnen. 2008 buchten 535, 2009 mehr als 650 Unternehmen und Organisationen einen Stand in Hannover.

EU-Verbraucherkommissar John Dalli im Gespräch mit biotechnologie.de-Redaktionsleiterin Sandra Wirsching.Lightbox-Link
EU-Verbraucherkommissar John Dalli im Gespräch mit biotechnologie.de-Redaktionsleiterin Sandra Wirsching.Quelle: Patrick Dieckhoff/transkript

Wohl auch deshalb spricht Stephan Kühne vom Vorstand der Deutschen Messe AG nicht mehr von der Biotechnica als „Leitmesse“, sondern als „europäische Drehscheibe für den Austausch von Industrie und Wissenschaft“. Während die Biotechnica noch lange Jahre nach ihrer Gründung 1985 die einzige große Messe in Europa war, die sich der Biotechnologie ausdrücklich annahm, haben mittlerweile auch andere ein Auge auf das dynamsich wachsende Feld geworfen. In Deutschland gibt es vor allem zwei Konkurrenten. Die Achema findet alle drei Jahre in Frankfurt am Main statt und versammelt knapp 4000 Aussteller. Etwas kleiner ist die Analytica, die alle zwei Jahre in München stattfindet. Auf europäischer Ebene schläft die Konkurrenz ebensowenig. So konnte sich die an wechselnden europäischen Orten stattfindende BioEurope als größter Treffpunkt für Geschäftanbahnungen etablieren. Auf der Partnering-Messe verabreden sich Unternehmensvertreter zu intensiven Gesprächen in hunderten von Einzelkabinen, um Kooperationen, Lizenzvereinbarungen und Verkäufe abzuschließen (mehr...).

Immer mehr Biotech-Messen in Europa

Von der ILMAC in Basel zum Biotech Forum in Kopenhagen, von der BioSpain in Pamplona bis zur ICSE in Paris: Über ganz Europa verteilt gibt es Veranstaltungen, die sich einem Bereich der Biotechnologie widmen. Jede von ihnen versucht eine Nische zu besetzen. Die Biotechnica als thematisch breit angelegte „Messe für alle“ will auf diese Ausdifferenzierung der Messelandschaft reagieren. „Wir werden das Profil weiter schärfen und Themen setzen", sagte Messevorstand Kühne auf der abschließenden Pressekonferenz. 

Themen setzen, das wollte auch John Dalli, EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz. Er betonte in seinem Kurzvortrag auf dem 5. Weltkongress für Präventive & Regenerative Medizin, die Technologie sei ein Schlüsselbereich für eine nachhaltige medizinische Versorgung. „Innovative Gesundheitstechnologien müssen aber mit Bedacht entwickelt werden, so Dalli. „Deshalb müssen wir ein gutes Regelwerk aufbauen, das dabei hilft, Sicherheitsrisiken zu verringern.“ Die EU-Richtlinie zu „Neuartigen Therapien“, in der zellbasierte Behandlungsformen geregelt sind, sei ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Politiker in den Ländern müssten nun eine Umgebung schaffen, die Gesundheitstechnologien voranzubringen. Insgesamt müssten die Chancen von neuen Technologien stärker betont und nicht nur deren Risiken kommuniziert werden, sagte Dalli am nächsten Tag gegenüber Journalisten.

 

Stephan Kühne, im Vorstand der Deutschen Messe für die Biotechnica verantwortlich, zeigte sich auf dem Ausstellerabend recht gut gelaunt.Lightbox-Link
Stephan Kühne, im Vorstand der Deutschen Messe für die Biotechnica verantwortlich, zeigte sich auf dem Ausstellerabend recht gut gelaunt.Quelle: Biotechnica

Der Kongress zur Regenerativen Medizin hatte verteilt über drei Tage mehrere hundert Teilnehmer in das Konferenzzentrum gelockt. Unter anderem diskutierten Teilnehmer unterschiedliche Konzepte für Stammzelltherapien. Andere Experten stellten Biomaterialien vor, die für die Herstellung biokünstlicher Organe oder zum Ankurbeln von Heilungsprozessen im Körper eingesetzt werden können. Eingeladen waren auch klingende Namen wie Aubrey de Grey, ein britischer Alternsforscher, der mit seinen Büchern und wagemutigen Visionen zum „Ende des Alterns“ hohe Aufmerksamkeit und Auflagen erzielt.

Konferenzprogramm soll ausgebaut werden

Insgesamt kamen auf die Konferenzen wie Bone-Tec, BioIT World oder Molecular Diagnostics Europe rund 3.000 Besucher. Nicht zuletzt weil auch in diesem Jahr wieder mehr als die Hälfte der Besucher aus dem akademischen Umfeld kamen, soll das Tagungsprogramm noch weiter ausgebaut werden. Ab sofort werde am Programm für das kommende Jahr gearbeitet, sagte Kühne. Ein Prüfstein wird 2012, wenn Analytica, Achema und Biotechnica im selben Jahr stattfinden könnten. Auf die Frage ob, die Deutsche Messe denn auch bei dieser Konkurrenz am Jahresturnus festhalten werde, der 2008 eingeführt wurde, gab Kühne mit Blick auf die Vorbereitungen für 2011 keine eindeutige Antwort: "Wir arbeiten uns Schritt für Schritt vor."

Der akademische Schwerpunkt bringt Forscher nach Hannover, um ihre Entwicklungen vorzustellen und neue Vermarktungspartner zu finden. Ein Beispiel ist Tobias Pöhlmann. Noch ist er zu hundert Prozent Wissenschaftler, als RNA-Experte im Placentalabor der Universitätsklinik Jena. Bald wird der promovierte Biologe im Nebenjob zum Geschäftsführer der neu gegründeten Firma BianoScience. Die Idee: Mit Hilfe speziell modifizierter siRNA-Moleküle will Pöhlmann Brustkrebszellen gezielt töten. In einer Machbarkeitsstudie gelang das schon. "Für die nun anstehenden präklinischen Versuche sind wir auf der Suche nach Investoren. Deshalb sind wir hier."

Cellulose mit Nanofasern herstellen

Einen Schritt weiter sind Pöhlmanns Kollegen von der Universität Potsdam. In Halle 9 trafen sich die Forscher aus der Abteilung für physikalische Chemie mit einem potenziellen Vermarkter, um auszuloten, wie ihre Erfindung auf den Markt gebracht werden könnte. Die von Wolfgang Bechmann geleitete Arbeitsgruppe hat einen Weg ausgemacht, den Sauerstoffgehalt auf optischem Wege zu messen. Möglich wird das durch mikroskopisch kleine Kügelchen, die in Abhängigkeit vom Sauerstoffgehalt in ihrer Umgebung stärker oder schwächer phosphoreszieren. "Mit Laserlicht lassen sich dann in einem dreidimensionalen Gewebe punktgenau Sauerstoffmessungen durchführen, ohne das man es dafür verletzen muss", erklärt Elmar Schmälzin, der die Abteilung physikalische Chemie auf der Messe vertrat.

Die aus Rudolstadt stammende EPC Engineering Consulting GmbH präsentierte gemeinsam mit Forschern vom Institut für technische Chemie und Umweltchemie der Universität Jena die erste Methode, die es erlaubt, hochreine Cellulose mit nanonkleinen Fasern von Bakterien kontinuierlich herstellen zu lassen. "Zusammen mit unseren Partnern wollen wir die Pilotanlage jetzt zu einer industriellen Produktionsstätte entwickeln“, sagte Rainer Erdmann von der EPC. „Die Produktion dieser Nanocellulose kann dann hoffentlich etwa 2012 in einem neuen Gemeinschaftsunternehmen beginnen."

Studienpreis 2010

Jedes Jahr zeichnet der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin (VBIO) gemeinsam mit dem Pharmakonzern Roche die besten Abschlussarbeiten aus. Mehr zu den Preisträgern  2010: hier klicken

Studienpreise an drei Nachwuchsforscher

Wie jedes Jahr wurde die Messe für viele Preisverleihungen genutzt. Als Sieger des Biotechnica Studienpreises aus den Biowissenschaften, der vom Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin (VBIO) gemeinsam mit dem Pharmakonzern Roche jedes Jahr vergeben wird, ging Frank Bürmann vom Institut für Biochemie der Universität Köln hervor. In seiner Diplomarbeit hat er die Funktion eines Dynamin-Proteins aus Bakterien aufgeklärt. Bürmann darf sich über 2500 Euro Preisgeld freuen. Der zweite Preis und 1500 Euro gingen an die Konstanzer Pharmakologin Hanna Singer, die mit ihrer Diplomarbeit die Aufreinigung von sogenannten Conotoxinen weiterentwickelt hat. Lehramtsanwärter Sebastian Röder von der Universität Mainz gelang es in seiner Staatsexamensarbeit, den Lichtsammelkomplex des Photosystems II an ein bestimmtes Eiweiß zu koppeln, was für solartechnische Anwendung interessant sein könnte (3. Preis, 1000 Euro).

Ein Anziehungspunkt für Forscher und Besucher zugleich war das Projektforum. Zum vierten Mal präsentierte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hier geförderte Forschungsprojekte. Rund 120 Wissenschaftler, deren Projekte 2009 abgeschlossen wurden, stellten sich drei Tage lang einem breiten Publikum.

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Eine wichtige Ausstellergruppe sind auf der Biotechnica die Verbände und Cluster der Biotechnologie. Sie bilden oft ein Scharnier zwischen der akademischen Welt der Hochschulen und Forschungsinstitute und den Unternehmen. Für sie sind möglichst breite und vielfältige Kontakte entscheidend. Genau das sei auf der Biotechnica vorhanden, sagt David Blumenthal von der Standortfördergesellschaft Berlin Partner. „Die Kontakte hier sind durchgehend hochwertig und vor allem sehr international“, sagt er und blickt sich auf dem großen Gemeinschaftsstand um. Tatsächlich steigt die Internationalität der Messe stetig an. Rund ein Viertel der Besucher kam 2010 aus dem Ausland, fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Zuwächse gab es insbesondere aus Europa, vor allem aus Großbritannien, den Niederlanden und Frankreich.

"Wir sind größer als im letzten Jahr" 

Auch die Vertreter des größten Bundeslands sind zufrieden. Bernward Garthoff, Chef von BIO.NRW, dem Cluster Biotechnologie Nordrhein-Westfalen, hat dieses Mal sogar in die Höhe gebaut. Über eine Treppe kommt der Besucher in die Lounge, wo er bei einem Kaffee und dem Blick über die Halle Kontakte knüpfen kann. „Wir haben verstärkt Delegationen hier“, sagt Garthoff, dafür sei ein derartiger Treffpunkt ideal. 34 Unternehmen hat BIO.NRW auf 250 Quadratmetern versammelt. Dieses Mal kamen auch viele kleinere Firmen, die sich zusammen und deshalb mit wenig Aufwand präsentieren können. Garthoff sagt, er merke nichts von irgendeiner Krise. „Wir sind größer als im letzten Jahr.“

Deutlich zurückhaltender hört sich das bei den Unternehmen an. „Am ersten Tag war es recht ruhig mit Besuchern, dann hat es angezogen“, sagte Beatrice Amberg, Assistentin der Geschäftsleitung im Bereich Life Science bei der Analytik Jena GmbH. In den geraden Jahren, in denen auch die Analytica stattfinde, sei diese auf jeden Fall die wichtigere Veranstaltung. Ob man 2012 beide Messen besuchen werde, sei fraglich, sagt Amberg. „Wir werden 2012 jede Veranstaltung auf den Prüfstand stellen." Bei Sartorius Stedim Biotech, einem weiteren großen Zulieferer der Branche, wählt man ganz bewusst aus dem großen Produktportfolio aus, was präsentiert wird. „In diesem Jahr konzentrierten wir uns insbesondere auf innovative Lösungen für den Einsatz im Labor", sagte Wolfgang Asche, Produktmanager bei Sartorius. „Besonders wichtig sind uns Disposables, Produkte für den Einmalgebrauch. Für Zellkulturen präsentieren wir in diesem Jahr einen neuen Laborfermenter, der diesem Trend gerecht wird."

Für die Unternehmen spielt es aber keine Rolle, ob die Biotechnica nun eine Leitmesse ist oder nicht. „Wir wollen Produkte verkaufen, keine Leittrends etablieren“, heißt es bei den Firmen. Besonders bei den Laborzulieferern scheint ersteres in Hannover gut zu funktionieren. Ein schärferes Profil, wie Kühne es versprochen hat, kann diesen Spezialisten nur gefallen.

 

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