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Brückenbauer zwischen Biologie und Kunst

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Noch Wissenschaft oder schon Kunst?Blick auf eine Kulturschale im Langzeitexperiment zur Evolution von E.coli-Bakterien von Richard Lenski. Quelle: Michigan State University

21.12.2011  - 

Die Idee einer Synthetischen Biologie ist nicht neu. Der Begriff tauchte bereits 1912 auf. Doch klare Ränder hat dieser Begriff auch heutzutage noch nicht bekommen. Klar ist nur, dass neuartige biologische Systeme das 21. Jahrhundert prägen werden. Nicht nur deshalb interessiert sich neben den Wissenschaftlern eine wachsende Zahl an Künstlern dafür, mit biologischen Methoden lebende Werke zu schaffen. Doch was haben sich Wissenschaft und Kunst zu sagen? Eine Tagung in Berlin, die zum Abschluss des Jahresthemas der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften stattfand, stellte sich dieser Frage und brachte beide Welten zusammen.

 

 

Auf den ersten Blick verbindet Picasso und Max Delbrück herzlich wenig. Hier der impulsive Spanier, Schöpfer von Ikonen wie Guernica, dort der preußische Nobelpreisträger und beharrliche Wegbereiter der Molekulargenetik. Kunst und Wissenschaft, Wissenschaftler und Künstler, sie leben auf verschiedenen Seiten eines tiefen Grabens. Auf der internationalen Tagung zum Jahresthema der BBAW „ArteFakte. Wissen ist Kunst – Kunst ist Wissen“ wurden Brücken gebaut und in einigen Fällen der Graben gleich ganz zugeschüttet. „Vielleicht waren wir im 20. Jahrhundert ja nur in einer Phase, in der die Trennung beider Sphären besonders betont wurde", sagte Moderator Markus Schmidt auf der abendlichen Podiumsdiskussion. Schmidt hat in Wien im vergangenen Jahr das BioFiction Filmfestival organisiert (mehr...). Bei Leonardo da Vinci etwa seien Kunst und Wissenschaft noch kein Widerspruch gewesen und in einer Person zusammengekommen.

In der Podiumsdiskussion kamen Verteter von Kunst und Wissenschaft zusammen: Kuratorin Ingeborg Reichle, Moderator Markus Schmidt, Mikrobiologin Bärbel Friedrich und Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger.Lightbox-Link
In der Podiumsdiskussion kamen Verteter von Kunst und Wissenschaft zusammen: Kuratorin Ingeborg Reichle, Moderator Markus Schmidt, Mikrobiologin Bärbel Friedrich und Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger.Quelle: biotechnologie.de

Einige Fragen können von der Naturwissenschaft nicht beantwortet werden

Beide Welten beeinflussen sich trotz der neuzeitlichen Trennung unaufhörlich. Gerade die Biologie hat der Kunst einiges zu verdanken. „Unsere Begriffe stammen aus der Kunst“, sagte etwa Bärbel Friedrich, Professorin für Mikrobiologie an der Berliner Humboldt-Universität in Berlin. Gewebearchitektur, Proteindesign, Zellkommunikation: Die moderne Biologie hat sich bei anderen Sparten bedient, um sich weiterentwickeln zu können, so Friedrich. „Davor herrschte Sprachlosigkeit.“ Der Blick über den Tellerrand sei auch für den einzelnen Wissenschaftler existenziell, betonte Hans-Jörg Rheinberger, Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. „Krebsmediziner zum Beispiel werden in ihrer Arbeit immer wieder mit Fragen konfrontiert, die alleine aus der naturwissenschaftlichen Perspektive nicht befriedigend beantwortet werden können.“ Nicht nur für sie seien Künstler „gute und gesuchte Gesprächspartner“.

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Aber die Kunst gibt nicht nur, sie bedient sich auch. Für die BioArt ist die Wissenschaft und ihre Erkenntnisse ein Steinbruch für neue Ideen, Ansätze und auch Formen. Ein frühes Beispiel für diese fröhliche Vereinnahmung ist der Amerikaner Karl Sims, der 1997 in der Installation Galápagos in Tokio einen virtuellen Evolutionswettlauf veranstaltete. Künstliche Wesen ringen dabei um die Aufmerksamkeit der Besucher. Weiterentwickeln dürfen sich nur diejenigen, die am meisten beachtet werden. „Auch ich betreibe experimentelle Evolution“, sagte Manfred Laubichler bei seinem Vortrag auf der Berliner Tagung. In seinen Arbeiten an der Arizona State University führt Laubichler die Evolution auf die Überholspur. Der Larve eines primitiven Insekts baut er eine Kombination von Genen ins Erbgut ein. „Und siehe da: die Larve entwickelt ein Skelett, genauso wie die höher entwickelte Art.“ Während Laubichler der Evolution nach seinem Bilde auf die Sprünge hilft, überlassen andere Forscher der Natur den kreativen Part. An der Michigan State University lässt Richard Lenski in einer überwachten Evolution E.coli-Bakterien wachsen. Das Langzeitexperiment läuft seit 1988.

Evolution nach 30.000 Generationen

Jeden Tag werden die E. coli-Kulturen geteilt und mit frischem Medium versehen. Alle 75 Tage (etwa 500 Generationen) werden Proben der E.coli-Population genommen und zur Dokumentation eingefroren. Nach mehr als 30.000 Generationen passierte 2008 dann das, worauf Lenski spekuliert hatte. Von ganz alleine und relativ schnell vollbrachten die Bakterien einen komplexen evolutionären Schritt. In einer Kulturschale lebte ein Stamm, der durch eine Reihe an genetischen Mutationen nun in der Lage war, das von Lenski  angebotene Citrat zu verwerten. Normalerweise können E.coli-Bakterien das nicht.

Die Philosophin Nicole Karafyllis fordert die BioArt auf, sich besser von der wissenschaft abzugrenzen.Lightbox-Link
Die Philosophin Nicole Karafyllis fordert die BioArt auf, sich besser von der wissenschaft abzugrenzen.Quelle: biotechnologie.de

Ist das nun noch nur Wissenschaft oder schon auch ein Kunstprojekt? Die Grenzen sind nicht eindeutig formuliert, sagt die Philosophin Nicole Krafyllis. „Sind Wissenschaftler Künstler, wenn sie Leben erschaffen“. „Ist das Klonschaf Dolly schon BioArt?“ Oder ist es schon Kunst, wenn Künstler mit biologischen Methoden arbeiten? Paul Vanouse ließt etwa 2010 in einer ausstellung in Berlin die für Hautfarbe zuständigen Gene seiner Familie mittels Gelektrophorese gegeneinander antreten (mehr...). Und Rainer Maria Matysik hatte zum Auftakt des Jahresthemas der BBAW im Herbst 2010 ein Stück seiner Haut als lebende Gewebekultur angelegt und ausgestellt. „Die BioArt soll nicht nur Methoden der Biologen übernehmen und anwenden, sondern sich davon frei machen“, forderte Karafyllis. „Die BioArt muss erst noch eine Selbstdefinition entwickeln, die zu ihr passt.“

Auch wenn die Synthese von Kunst und Biologie noch nicht reibungslos verläuft, das Publikum haben manche Künstler schon auf ihrer Seite. Jens Hauser erinnert sich an die Ausstellung „L’Art Biotech“ im französischen Nantes, die schon 2003 stattfand. Oron Catts, Ionat Zurr und Guy Ben-Ary von der australischen Künstler-Forscher-Laborgemeinschaft SymbioticA züchteten damals künstliche Froschsteaks aus Gewebe, das sie einem Frosch zuvor entnommen hatten. Die Besucher waren ungewöhnlich interessiert, erzählte Hauser in Berlin. "Manche sind jeden Tag wiedergekommen, um die Entwicklung der Steaks zu beobachten. Diese Intensität der Bindung an ein Werk kenne ich bei klassischer Kunst nicht. Ich geh nicht jeden Tag in den Louvre, um zu gucken, ob die Mona Lisa immer noch grinst." Am Ende der Ausstellung wurden die Steaks gemeinsam verspeist. Der Frosch hüpfte in den Botanischen Garten davon. Die BioArt schafft nicht nur Leben, sondern rettet sie auch.

© biotechnologie.de/cm

 

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