Wirtschaft
Biotechnica in Hannover gestartet
"Forscher brauchen Raum zum Spielen." Mit einem launigen und vor allem gutgelaunten Vortrag hat Nobelpreisträger Kary Mullis am gestrigen Montag die BIOTECHNICA 2009 eröffnet. Auf der größten und ältesten deutschen Messe für die Biotech-Branche werden 650 Aussteller vom 6. bis 8. Oktober ihre Produkte in Hannover präsentieren. Ein erster Höhepunkt war die Verleihung des BIOTECHNICA-Awards. Der insgesamt mit 100.000 Euro dotierte Preis ging an die Schweizer NovImmune SA. Der deutsche Antikörperentwickler Trion Pharma kam bis ins Finale. In der Branche gilt die Biotechnica als Stimmungsbarometer in schwierigen Zeiten. Zur Messe meldeten sich auch die Branchenverbände BioDeutschland und die Deutsche Industrievereinigung Biotechnologie (DIB) zu Wort.
Der US-Wissenschaftler Kary Mullis, der 1983 die Polymerase-Kettenreaktion (PCR) entdeckte, nahm die Gäste beim Eröffnungsabend mit in die Vergangenheit, zu einem der Meilensteine in der Entwicklung der Biotechnologie. Die PCR-Technik dient zur Vervielfältigung von DNA-Fragmenten und ist aus der modernen Biotechnologie heute nicht mehr wegzudenken. Mullis wusste, dass er etwas Großes entdeckt hatte. "Ich saß im Auto und zitterte", erzählte er dem Publikum in Hannover. Nicht alle erkannten die Bedeutung der Entdeckung. "Meine Kollegen damals haben meine Begeisterung jedenfalls nicht geteilt. "Nature" hat das Paper abgelehnt - sie hätten wohl nicht gedacht, dass ihnen diese Methode einmal 10 Prozent ihres Anzeigenvolumens sichern würde." Mullis wandte sich aber auch an diejenigen, die Forschung finanzieren. "Wissenschaftler brauchen Freiraum, Innovation lässt sich nicht planen." Man solle den Forschern genügend Raum geben, um zu experimentieren, und die richtigen "Spielzeuge". Als Pionier habe man es schwer. "Wenn sie mit etwas rauskommen, dann seien sie sicher, dass man zunächst nicht daran glauben wird."

"Forscher brauchen Freiheit und Spielzeuge." Kary Mullis präsentierte sich am Eröffnungsabend der Biotechnica gutgelaunt. Mullis erhielt 1993 den Nobelpreis für Chemie für die Entwicklung der Polymerase-Kettenreaktion.Quelle: Deutsche Messe AG
Durch die globale Krise steuern
Dass die Biotechnologie mittelfristig trotz Kreditklemme gar nicht so schlecht dasteht, daran glaubt zumindest Stefan Marcinowski, Vorstandsmitglied der BASF und Präsident der deutschen Industrievereinigung Biotechnologie. "Die Biotech-Branche befindet sich in einer guten Position, um durch die globale Krise zu kommen", sagte er am Eröffnungsabend. EU-Kommissar Janez Potocnik lobte die Arbeit der Kommission bei der Förderung der Branche. "Wir sind - was Biotechnologie und Life Sciences angeht - ein gutes Stück vorangekommen." Er verwies insbesondere auf den Erfolg von Private-Public-Partnerships wie die Innovative Medicines Initiative. Marcinowski erinnerte die EU-Kommission allerdings auch daran, dass sie sich mit der im Jahr 2002 verabschiedeten Lissabon-Strategie zum Ziel gesetzt hatte, Europa bis 2010 zur größten bio-based economy zu machen. Das könnte ein Hinweis auf eine in der Biotech-Branche umstrittene Kommissions-Entscheidung gewesen sein. Die EU-Kommission hat Anfang Oktober Teile des deutschen Gesetzes zur Modernisierung der Rahmenbedingungen für Kapitalbeteiligungen (MoRaKG) vorerst gestoppt. Das MoRaKG war vor allem von innovativen kleinen und mittleren Unternehmen der Biotech-Branche befürwortet worden.

Stefan Marcinowski, Vorstand bei BASF und DIB-Präsident, mahnte die notwendige Unterstützung der Branche durch die Politik an.Quelle: Deutsche Messe AG
Wenige Stunden zuvor, auf der Jahrespressekonferenz der DIB in Frankfurt, hatte Marcinowski für das Stimmungsbild der Branche noch dunklere Farbtöne gewählt. Für das laufende Jahr erwartet der Branchenverband einen Umsatzrückgang. Die langsame Erholung der Geschäftszahlen bis zum Ende des Jahres werde die rückläufige Entwicklung der Vormonate wohl nicht ausgleichen können, sagte der DIB-Vorsitzende, Stefan Marcinowski am 5. Oktober. Die neue Bundesregierung und die EU müssten einige "Bremsklötze" für die Biotech-Branche entfernen, forderte Marcinowski. Schließlich sei die Lage ernst. Der Geldfluss für die 501 Biotech-Unternehmen in Deutschland sei seit 2005 um insgesamt 45 Prozent eingebrochen. Die Höhe der öffentlichen Fördermittel habe zwischen 2005 und 2008 bei 51 Millionen Euro stagniert, sagte Marcinowski. Auch beim stärksten Stützpfeiler, dem Risikokapital, gab es einen massiven Rückgang. Während den Biotech-Unternehmen 2005 noch 629 Millionen Euro zuflossen, waren es 2008 noch 347 Millionen Euro. Viele der oft sehr kleinen Biotech-Unternehmen, die in der Wirkstoffforschung tätig sind, steuern spätestens 2010 auf ein Finanzloch zu. Die Branche hofft zudem auf bessere Investitionsbedingungen und Steuererleichterungen unter der neuen Bundesregierung aus CDU/CSU und FDP.

Die Schweizer Antikörper-Entwickler von NovImmune (von links: CEO Jack Barbut und Business-Direktor Luca Bolliger) sind die Gewinner des BIOTECHNICA-Awards 2009.Quelle: Deutsche Messe AG
30.000 Euro für den Sieger NovImmune SA
Der guten Laune am Eröffnungsabend der Biotechnica taten die dunklen Wolken am Finanzierungs- und Regulierungshorizont aber keinen Abbruch. Zum siebten Mal wurde der Biotechnica-Award verliehen. Er ging in diesem Jahr überraschend an den Antikörper-Entwickler NovImmune SA. Die Schweizer dürfen sich über einen im Vergleich zum Vorjahr um die Hälfte erhöhten Geldpreis in Höhe von 30.000 Euro freuen. 70.000 Euro werden in Form von Sachleistungen an alle drei Finalisten vergeben. Diese beinhalten Strategie- und Investmentberatungen von Capgemini Consulting und Medienpakete im Branchenmagazin "European Biotechnology News". In der Endrunde befanden sich neben NovImmune in diesem Jahr auch das biopharmazeutische Unternehmen Trion Pharma GmbH aus München und Vivalis SA aus Saint-Herblain bei Nantes, Frankreich. Horst Lindhofer, der Gründer von Trion, hat im Frühjahr die europaweite Zulassung für den ersten Vertreter der trifunktionalen und damit den ersten in Deutschland entwickelten Antikörper erhalten (mehr...).
Größte deutsche Messe für die Lebenswissenschaften
Auf der größten und ältesten deutschen Messe für die Lebenswissenschaften werden noch bis Donnerstag rund 650 Aussteller ihre Produkte auf mehr als 11.000 Quadratmetern präsentieren. Hier zeigen vor allem Laborausstatter und Dienstleister ihre Neuheiten, aber auch die einzelnen Bundesländer stellen die Biotech-Aktivitäten ihrer Regionen vor. Vertreten sind Unternehmen und Institutionen aus 28 Nationen. "Wir liegen mit über 30 Prozent mehr Ausstellern sehr deutlich über dem Ergebnis des Vorjahres. Die Neuausrichtung der BIOTECHNICA in den letzten beiden Jahren trägt Früchte", sagt Stephan Kühne, Mitglied des Vorstandes der Deutschen Messe AG. Im vergangenen Jahr wurde die Biotechnica zum ersten Mal im Jahresturnus veranstaltet, was in einer etwas kleineren Ausstellung, aber einem vergrößerten Konferenzprogramm resultierte. In diesem Jahr, das im alten Zwei-Jahres-Turnus liegt, wurde das Konferenzprogramm dagegen wieder verkleinert. Ein thematischer Schwerpunkt liegt in diesem Jahr auf der Bioinformatik. aber auch die brandaktuelle Diskussion über die Finanzierung von Biotech-Unternehmen wird aufgegriffen, in der erstmals veranstalteten Bio@Venture Conference. Diese und weitere Höhepunkte der diesjährigen Messe haben wir in einem Vorabbericht zusammengefasst (mehr...).
| BMBF-Projektforum |
Im Biotechnologie-Projektforum präsentiert das BMBF alle geförderten Vorhaben, die im Laufe des Jahres 2008 abgeschlossen wurden. Mehr als 120 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellen sich drei Tage lang dem Publikum und seinen Fragen. Mehr Informationen: hier klicken |
Mit einem großen Stand in Halle 9 wird in diesem Jahr auch wieder das BMBF vertreten sein. Hier können sich Wissenschaftler und Unternehmer über geförderte Projekte sowie neue und laufende Förderinitiativen informieren. Die Betreiber der Internetplattform biosicherheit.de zur biologischen Sicherheitsforschung wird ebenfalls vor Ort sein. Gleich nebenan können sich die BIOTECHNICA-Besucher zudem über alle im Jahr 2008 abgeschlossenen BMBF-geförderten Biotech-Projekte auf dem Laufenden halten. Über drei Tage hinweg werden rund 120 Projekte vorgestellt - in jeweils zehnminütigen Vorträgen (mehr...).
Neuer Vorstand der BioDeutschland gewählt
Die Biotechnologie-Industrie-Organisation BioDeutschland hat die Messe genutzt, um auf einer Mitgliederversammlung einen neuen Vorstand für die Jahre 2010 und 2011 zu wählen. Acht der zehn Mitglieder des neuen Vorstands gehörten auch dem alten an: Horst Domdey, Geschäftsführer der BioM Biotech Cluster Development GmbH, Martinsried; Peter Heinrich, PH Biotech, Martinsried; Norbert Hentschel, Kaufmännischer Geschäftsführer der Miltenyi Biotec GmbH, Bergisch-Gladbach; Peter Pohl, Vorstandsvorsitzender der GATC Biotech AG, Konstanz; Felicia Rosenthal, Geschäftsführerin der CellGenix Technologie Transfer GmbH, Freiburg; Dr. Jan Schmidt-Brand, Vorstandsvorsitzender der Heidelberg Pharma AG, Ladenburg; Rainer Wessel, Vorstandsvorsitzender der Ganymed Pharmaceuticals AG, Mainz; Olaf Wilhelm, Vorstandsvorsitzender der Wilex AG, München. Neu hinzugekommen sind Roland Sackers, Finanzvorstand Qiagen N.V., Hilden sowie Christian Schetter, Geschäftsführer der Fresenius Biotech GmbH, München. "Das Wahlergebnis ist ein deutlicher Ausdruck des Wunsches von BIO Deutschland-Mitgliedern nach Kontinuität bei der eingeschlagenen Richtung des Verbandes", sagte der einstimmig gewählte Vorstandsvorsitzende Peter Heinrich.
