Sofja-Kovalevskaja-Preis 2010: Sechs Forscher aus der Biotechnologie
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- Das Hauptquartier der Alexander von Humboldt-Stiftung in Bonn. Seit 2002 vergibt die Stiftung den Sofja Kovalevskaja-Preis für Nachwuchsforscher. Quelle: Humboldt-Stiftung
22.09.2010 -
Bereits zum fünften Mal wird mit dem Sofja-Kovalevskaja-Preis eine der höchstdotierten Auszeichnungen für Nachwuchswissenschaftler vergeben. Wenn Bundesforschungsministerin Annette Schavan die Auszeichnung am 9. November in Berlin feierlich überreichen wird, sind unter den insgesamt 18 Preisträgern auch sechs junge Forscher aus der Biologie. sie erhalten bis zu 1,65 Millionen Euro, mit denen sie an einem deutschen Forschungsinstitut ihrer Wahl eigene Forschungsgruppen aufbauen und dort fünf Jahre lang forschen können. Der Preis wird von der Alexander von Humboldt-Stiftung vergeben und mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert.
Benannt wurde der Preis nach der 1850 geborenen russischen Mathematikerin Sofja Kovalevskaja. Sie wurde 1874 an der Universität Göttingen mit einer Dissertation „Zur Theorie der Partiellen Differentialgleichungen“ promoviert und erhielt 1889 eine ordentliche Professur für Mathematik an der Universität in Stockholm. Erstmals wurde der Sofja Kovalevskaja-Preis im Januar 2002 an 29 Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus dem Ausland verliehen, die jüngsten Preisträger waren gerade 27 Jahre alt. Finanziert wurde das damalige Preisbudget von 25 Millionen Euro durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Zukunftsinvestitionsprogramms der Bundesregierung (ZIP) aus Erlösen, die die Versteigerung der UMTS-Lizenzen einbrachte.
| Alle Preisträger 2010 |
Die Humboldt-Stiftung stellt sämtliche Preisträger mit Kurzlebenslauf und Projekt vor. mehr Informationen: hier klicken |
Biotechnologie spielt eine große Rolle
Bewerben können sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Disziplinen aus dem Ausland, die ihre Promotion vor nicht mehr als sechs Jahren abgeschlossen haben. Deutsche Wissenschaftler können sich ebenfalls um den Preis bewerben, wenn sie bereits seit mindestens fünf Jahren im Ausland forschen. Ausgezeichnet werden Talent und kreative Forschungsansätze. Mittlerweile wird die Auszeichnung jedes Jahr vergeben, biotechnologie.de berichtete 2006, 2007 und 2008. Biotechnologische und biologische Themen spielten schon immer eine große Rolle im Spektrum der Preisträger. In diesem Jahr sind es sechs junge Forscher aus den Biowissenschaften.
- Isabel Bäurle
Gastinstitut: Universität Potsdam, Institut für Biochemie und Biologie
Isabel Bäurle will am „Gedächtnis“ der Modellpflanze Arabidopsis (Ackerschmalwand) zeigen, wie Pflanzen auf molekularer Ebene Umwelteinflüsse wie beispielsweise Hitze speichern und wie Pflanzen überhaupt ohne Nervensystem ein zelluläres Gedächtnis entwickeln. Sie erforscht, wie sich dieses Gedächtnis während der Evolution verändert, um Pflanzen anpassungsfähig für verschiedene Lebensräume zu machen. Die erhofften Einsichten sind auch von wirtschaftlicher Bedeutung und könnten neue Ansätze für die Optimierung von Erträgen liefern. - Camin Dean
Gastinstitut: Universität Göttingen, European Neuroscience Institut
Das Gehirn ist das komplexeste Organ des menschlichen Körpers. Camin Dean untersucht die Mechanismen, die die Synapsen in der Balance halten, so dass das Gehirn funktionieren kann. Sie hat herausgefunden, welches Protein die Stärke von Synapsen auf einen sinnvollen Bereich einstellt, indem es die Freisetzung eines Neurotrophins kontrolliert, eines Signalstoffes, der nicht nur die synaptische Plastizität, sondern auch die Bildung neuer Synapsen beeinflusst. Dean will die zugrunde liegenden Mechanismen studieren und so dazu beitragen, Erkrankungen wie die Alzheimer-Krankheit, Morbus Parkinson und Epilepsie besser behandeln zu können. - Christian Doeller
Gastinstitut: Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, Tübingen
Aus neurophysiologischen Untersuchungen an Ratten sind sogenannte Platz- und Gitterzellen im Hippocampus des Gehirns bekannt. Diese Zellen senden Signale, wenn sich das Tier jeweils an bestimmten Orten des Raums aufhält. Christian Doeller hat solche neuronalen Mechanismen der Raumrepräsentation, die bisher nur aus Tierstudien bekannt waren, mit nicht-invasiven Bildgebungsmethoden im Menschen nachgewiesen. Eine solche Landkarte im Gehirn könnte auch helfen, uns an Episoden des alltäglichen Lebens zu erinnern, etwa an ein Abendessen mit Freunden in einem Restaurant. Doeller möchte herausfinden, wie das Gehirn den räumlichen Kontext von Episoden speichert, abruft und von anderen Kontexten unterscheidet, sowie welche Rolle dies bei der Gedächtnisbildung spielt. Ein besseres Verständnis der neuronalen Raumrepräsentation könnte auch helfen, den Ursachen schwerwiegender Orientierungs- und Gedächtnisprobleme bei Patienten mit Alzheimer-Krankheit auf die Spur zu kommen. - Philipp Alexander Lang
Gastinstitut: Universität Düsseldorf, Klinik für Gastroenterologie und Infektiologie
Chronische, durch Viren ausgelöste Hepatitiserkrankungen sind ein globales Gesundheitsproblem. Gerade bei den chronischen Hepatitiserkrankungen werden oft kaum Antikörper gebildet, um die Viren zu bekämpfen. Doch die Schwere der Erkrankung ist in vielen Fällen nicht allein dem Virus selbst und einer mangelhaften Immunantwort zuzuschreiben. Oft kommen fehlgeleitete Abwehrreaktionen hinzu, bei denen sich Antikörper gegen das eigene Gewebe wenden. Woran dies liegt, erforscht Philipp Alexander Lang. Hierzu nutzt er zwei verschiedene Infektionsmodelle. Einmal Infektionen, die durch ein zellschädigendes Virus erfolgten, und solche, an denen ein Virus Schuld ist, das keine Zellschäden verursacht. Im Vergleich beider Infektionsmodelle will Lang herausfinden, wie die Bildung solcher Antikörper begünstigt wird, die tatsächlich das Virus wirksam attackieren und nicht den eigenen Körper. - Andreas Möglich
Gastinstitut: Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Biologie, Lehrstuhl für Experimentelle Biophysik
Damit Pflanzen zum Licht hin wachsen können, werden auf molekularer Ebene sogenannte Photorezeptor-Proteine aktiv. Auch in anderen Organismen steuert Licht Funktionen und Verhalten. Dies macht sich die Optogenetik zunutze, ein neues Forschungsgebiet, in dem es Wissenschaftlern wie Andreas Möglich darum geht, genetisch modifizierte Zellen mit Hilfe von Licht zu beeinflussen oder zu steuern. Verschiedene natürlich vorkommende Photorezeptoren wurden so bereits erfolgreich in fremde Organismen eingebracht. Andreas Möglich will die Funktion natürlicher Photorezeptoren genauer erforschen, um künstliche Photorezeptoren herzustellen. Diese künstlichen Lichtschalter können in Zielorganismen eingesetzt und genutzt werden, etwa um das Verhalten von Versuchstieren wie Würmern oder Fruchtfliegen berührungslos zu steuern oder Zellen zu therapeutischen Zwecken zu stimulieren. - Dmitry Volodkin
Gastinstitut: Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik, Potsdam-Golm
An die Einführung zellbasierter Therapien in der Medizin werden große Erwartungen geknüpft. So sollen Stammzellen künftig zur Behandlung degenerativer Krankheiten dienen, Zellen des Immunsystems sollen stimuliert und neue Medikamente an Gewebeproben zuverlässiger und ohne Tierversuche getestet werden. Für alle diese Anwendungen ist es notwendig, das Verhalten und die Entwicklung von Zellen gezielt steuern zu können. Die für solche Therapien wichtigen adhärenten Zellen, also Zellen, die außerhalb des Organismus an einer Oberfläche anwachsen und sich teilen können, reagieren dabei auf die Beschaffenheit der Oberfläche, auf der sie wachsen. Dies nutzt Dmitry Volodkin, der ultradünne Schichten aus diversen Polyelektrolyten so maßschneidert, dass er mit ihnen die Entwicklung der Zellen steuern kann. Er modifiziert die Polyelektrolytschichten zudem so, dass sie sich durch externe Stimuli, etwa Laserlicht, in ihren Eigenschaften schalten lassen und somit sehr viel einfacher und vielfältiger nutzbar sind. Er will nun die zellbiologischen, biochemischen und physikalischen Aspekte dieses Konzepts weiter untersuchen und versuchen, das Potenzial für biomedizinische Anwendungen zu steigern.
