Wissenschaft
Innovationstage der Landwirtschaft: Von Zuchtbullen, Kräutern und Zierpflanzen
Die Aufgaben, denen sich Landwirtschaft und Ernährungsindustrie in den kommenden Jahrzehnten stellen müssen, sind gewaltig: Die Weltbevölkerung wächst, der Klimawandel nimmt zu, der globale Wettbewerb wird härter und die Ansprüche der Konsumenten steigen. Vor diesem Hintergrund sind Innovationen gefragter denn je. Wie diese aussehen könnten, darüber diskutierten mehr als 250 Akteure aus Wirtschaft und Wissenschaft am 6. und 7. Oktober in Berlin. Organisiert wurden die „Innovationstage 2010“ von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV).
Ingesamt 80 Millionen Euro sind von Seiten des Bundeslandeswirtschaftsministeriums in Forschungsprojekte geflossen, um Innovationen in der deutschen Agrar- und Nahrungsmittelindustrie voranzutreiben. Sie alle laufen unter dem Dach eines im Jahr 2006 gestarteten Programms, das vom BLE als Projektträger koordiniert wird. Ziel ist vor allem eine enge Kooperation zwischen öffentlichen Forschungseinrichtungen mit kleinen und mittleren Unternehmen. „Durch diese Plattform entstehen Denkanstöße, wie mit praxisnaher Forschung Innovationen nachhaltig verwirklicht werden können“, fasst Hanns-Christoph Eiden, Präsident der BLE den Programmanspruch zusammen. Mit der Veranstaltung in Berlin kamen nun schon zum dritten Mal alle beteiligten Akteure aus Wissenschaft und Wirtschaft zusammen, um sich über bisherige Ergebnisse auszutauschen.
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Die Palette der Kurzvorträge während der zweitägigen Konferenz war breit: Allein zum Thema Pflanzenzucht wurden 30 Projekte vorgestellt, weitere Vorträge drehten sich um neue Ansätze beim Pflanzenschutz, in der Tierhaltung und der Lebensmittelsicherheit. Aber auch neue Möglichkeiten, die Agrarwirtschaft mit elektronischen Helfern zu optimieren, wurden präsentiert.
Zuchtbullen schneller verpaaren
Mit einem gutem Dutzend Vorträgen bildeten neue Strategien für die Tierzucht und –haltung einen weiteren Schwerpunkt. Dass in diesem Feld dringend Innovationen nötig sind, zeigt ein Blick auf die Zahlen: So erwarten die Vereinten Nationen bis 2050 einen jährlichen weltweiten Fleischkonsum von 463 Milliarden Tonnen. Ein rasantes Wachstum wird dabei insbesondere für Entwicklungsländer vorhergesagt, da sich schon zwischen 1980 und 2005 der Konsum auf 30,9 kg pro Person mehr als verdoppelt hat. Neue Hochleistungsrassen, so die Hoffnung der Forscher, könnten dabei helfen, diese Herausforderung künftig besser als bisher zu meistern. Ein Ansatz: genomische Zuchtwertschätzung. „Dieses Schlagwort ist schon seit Jahren ein heißes Thema“, berichtete Reiner Emmerling vom Verein Tierzuchtforschung in Berlin. Mit diesem Verfahren sollen Zuchtmerkmale auf bestimmte genetische Informationen zurückgeführt werden. Emmerling will die Methode auf Rinder anwenden. Die Idee: Von 3500 Zuchtbullen der Rasse „Braunvieh“ Zuchtmerkmale und Erbinformationen in einer Datenbank zusammenführen. „Das Erbgut von neuen Zuchtbullenkandidaten muss dann nur noch mit der Datenbank abgeglichen werden, um so diejenigen zu finden, die die besten Eigenschaften an ihre Nachkommen vererben“, erläutert Emmerling den Vorteil des neuen Ansatzes. Bisher mussten Jungbullen erst auf konventionellem Wege für Nachkommen sorgen, die dann auf ihre Zuchtqualität hin untersucht wurden. Nach Ansicht von Emmerling ließe sich mit dem neuen Verfahren die Zeit, bis ein Jungbulle für die Zucht verwendet werden kann, von sieben auf zwei Jahre verkürzen.

Kältetoleranter Basilikum soll künftig dabei helfen, bei der Pflanzenzucht Energie zu sparen. Quelle: Hans-Peter Reichartz / pixelio.de
Mit kältetolerantem Basilikum Energie sparen
Peter Römer von der GHG Saaten GmbH zeigte wiederum, wie sich bei der Aufzucht von Kräutern etwas für den Klimaschutz tun lässt. Sein Forschungsobjekt: Basilikumpflanzen des Genoveser Typs – also jene Sorten, die später als Topfkräuterpflanzen im Supermarkt landen. Das Problem: Eigentlich stammt die Gewürzpflanze aus den Tropen – und ist auch heute noch tropisches Klima gewohnt. Aus diesem Grund müssen Züchter in Deutschland entsprechend energieintensive Verfahren anwenden. „Basilikumpflanzen wachsen derzeit unter riesigen Scheinwerfern in klimatisierten Gewächshäusern,“ sagte Römer. „Ob Sommer oder Winter, in ihnen darf es niemals kühler sein als 22 Grad.“ Um hier künftig deutlich weniger Energie aufzuwenden, ist Römer nun Basilikumpflanzen auf der Spur, die auch bei niedrigeren Temperaturen – also bei etwa 18 Grad – gut wachsen. Durch die Kreuzung vieler verschiedener Sorten konnte er inzwischen Erfolg vermelden. „Wir haben eine Sorte identifiziert, die wir jetzt zur Registerprüfung beim Bundessortenamt angemeldet haben“, berichtete Römer in Berlin.

Bei den BLE-Innovationstagen in Berlin trafen sich 270 Experten aus der Agrar-und Ernährungswirtschaft.Quelle: von Leoprechting / BLE
Geranien resistenter gegen Schädlinge machen
Die Forschung konzentriert sich aber nicht nur auf Pflanzen, die als Nahrungsmittel dienen. Auch Zierpflanzen sind inzwischen im Fokus der Wissenschaftler. Ähnlich wie bei Mais oder Weizen geht es hier immer häufiger darum, die Pflanzen widerstandsfähiger gegen Krankheitserreger zu machen. In Berlin ging es zum Beispiel um Geranien: So wird die Pelargonienwelke unter anderem von Xanthomonas campestris pathovar pelargonii befallen, einem stäbchenförmigen Bakterium mit einer Länge von nur einem Tausendstel Millimeter.
| Innovationsförderung des BMELV |
| Seit 2006 läuft das Programm Innovationsförderung für die Landwirtschaft und Ernährungsindustrie beim BMELV. Koordiniert wird es über die BLE als Projektträger. Mehr Infos beim BLE: hier klicken |
Die Zahl der Bakterien verdoppelt sich jede Stunde, so dass sich die Krankheit in einem einmal infizierten Pflanzenbestand rasant ausbreitet. Im Gartenbau stellt das Züchter vor große Probleme. „Durch den Erreger sind ganze Bestände vernichtet worden, so dass Firmen im Einzelfall auch schon pleite gegangen sind,“ betonte Martin Geibel von Elsner pac Jungpflanzen GbR die Gefährlichkeit des Erregers. Sein Ziel: Eine Geranie züchten, der die Bakterien nichts anhaben können. Inzwischen hat er erste Kandidaten aufspüren und weiterentwickeln können. Nun gilt es, aus ihnen wirtschaftlich erfolgreiche Zuchtlinien zu etablieren.
