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PID: Ethische Debatte geht weiter

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Auf dem 43. Zeit Forum Wissenschaft trafen sich Befürworter und Gegner der PID zu einer Podiumsdiskussion. Quelle: biotechnologie.de

18.10.2011  - 

Mit der Präimplantationsdiagnostik (PID) können durch künstliche Befruchtung entstandene Embryonen vor ihrer Einpflanzung in den Mutterleib auf Erbkrankheiten untersucht werden. Ein Gesetzgebungsverfahren, mit dem die Methode in engen Grenzen erlaubt werden soll, ist beinahe abgeschlossen. Die Debatte um die ethischen und moralischen Fragen, die durch die neue Technik aufgeworfen werden, läuft indes noch immer. Mitte Oktober sprachen beim Zeit-Forum Wissenschaft Befürworter und Gegner in Berlin über das nun zugelassene Verfahren. Moderne Testverfahren könnten schon bald eine noch einfachere Diagnose von Erbkrankheiten ermöglichen.

Das Gesetzgebungsverfahren zur Neureglung der Präimplantationsdiagnostik in Deutschland ist so gut wie abgeschlossen. Nötig wurde es nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes im Juli 2010. Der 5. Senat des obersten deutschen Strafgerichts hatte beschlossen, dass die PID in bestimmten Fällen nicht strafbar ist (mehr…). Ende September stimmte nun eine Mehrheit des Deutschen Bundesrates dem im Juni vom Bundestag beschlossenen Gesetz zu (mehr…). Demnach bleibt die PID grundsätzlich verboten, Ausnahmen werden von einer Ethikkommission genehmigt. Das Gesetz muss nun noch durch den Bundespräsidenten ausgefertigt und im Bundesgesetzblatt verkündet werden.

Schon Anfang 2012 könnten dann erbbelastete Paare entsprechende Angebote nutzen, glaubt Ulrike Flach, parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium. Die genaue Ausgestaltung des Gesetzes muss allerdings noch durch Rechtsverordnungen und Durchführungsbestimmungen festgelegt werden. Schon jetzt ist jedoch klar, dass dem Einsatz der PID hohe Hürden entgegenstehen: So soll die Technik nur zur Anwendung kommen, wenn wegen erblicher Gen- oder Chromosomendefekte der Eltern eine Tot- beziehungsweise Fehlgeburt oder eine schwere, früh manifestierende Erbkrankheit des Kindes zu befürchten ist. Die Selektion im Reagenzglas soll nur dann durchgeführt werden dürfen, wenn die Mutter zuvor umfassend beraten wurde. Da das Gesetz keine Liste genetischer Defekte enthält, bei der die PID zulässig ist, sollen noch zu berufende unabhängige Ethikkommissionen an noch zu zertifizierenden PID-Zentren jeweils im Einzelfall darüber befinden. Die PID und Beratung soll nur diesen zertifizierten Zentren vorbehalten sein. Welche Zentren genau dafür in Frage kommen, ist noch offen.

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Die gesellschaftliche und politische Debatte um die PID bringen diese klaren Vorgaben jedoch nicht zum Verstummen. Nach wie vor ringen Befürworter und Gegner der Technik mit den ethischen Fragen, die die PID aufwirft. Mitte Oktober luden die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, der Deutschlandfunk und die Wochenzeitung Die Zeit zum "43. Zeit Forum Wissenschaft" ein, um in der Hauptstadt mit Experten über die „moralisch-ethische Grenze des Machbaren“ zu sprechen.

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"Entscheidung war überraschend und bestürzend"

Birgitt Bender, gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, äußerte sich auf der Veranstaltung vor etwa 150 Zuschauern kritisch. Bei der Abstimmung im Bundestag sprach sie sich für ein vollständiges Verbot aus, weil sie befürchtete, das künftig Kinder mit Behinderung von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Zum Beschluss des Parlaments, die PID zuzulassen, sagte sie: „Die Entscheidung war für mich in ihrer Deutlichkeit ebenso überraschend wie bestürzend.“ Sie befürchtet, dass man mit der PID nun auf eine schiefe Ebene gerate, sodass die Methode schleichend immer häufiger angewendet werde. „Die Frage ist, ob der soziale Druck nicht so zunimmt, dass sich immer mehr Menschen diesem Verfahren ausliefern.“

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Klaus Diedrich, Direktor der Uniklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Lübeck, sieht diese Gefahr nicht. Er ist überzeugt davon, dass die beschränkte Zulassung der PID für eine „ausgesuchte Zahl von schwer belasteten Personen“ eine deutliche Verbesserung darstellt. „Ich glaube nicht, dass wir über 200 Fälle pro Jahr kommen werden“, lautete seine Einschätzung in Berlin. Dem stimmte auch der Humangenetiker Wolfram Henn von der Universität des Saarlandes zu. „Kein fruchtbares Paar geht begeistert an eine PID heran“, ist Henns Erfahrung. Wichtig sei eine ausführliche genetische Beratung der Eltern. Dazu bedarf es gut ausgebildeter Experten: „Die genetische Beratung darf nicht als umetikettiertes Verkaufsgespräch genutzt werden.“

Die Wirklichkeit überholt die Politik

Schon jetzt zeigt sich jedoch, dass die Wirklichkeit die Politik überholen könnte. Die Konstanzer Firma Lifecodexx hat einen Weg gefunden, wie man Trisomie 21 anhand von DNA-Fragmenten des Kindes erkennt, die im Blut der Mutter zirkulieren (mehr...). Bisher war dies nur durch Fruchtwasseruntersuchungen möglich, eine Methode, die in seltenen Fällen zu Fehlgeburten führen kann. Das neue Verfahren ist hingegen für Mutter und Kind vollkommen ungefährlich. „Der Test wird auf Nachfrage stoßen und sich durchsetzen, ob es uns gefällt oder nicht“, räumte Henn ein. „Es gibt keine Rationale, ihn zu verbieten.“ Die Grünen-Politikerin Bender erinnerte daran, dass viele Behinderungen auch nicht erblich bedingt sind, sondern erst im Laufe oder nach der Geburt entstehen. „Man muss den Mut haben, sich den Unwägbarkeiten des Lebens auszusetzen“, forderte sie daher in Berlin.

© biotechnologie.de/bk
 

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