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Wissenschaft

Drama um den Gentest

31.01.2012
Miriam Yung Min Stein hat auf der Suche nach ihrer Herkunft auch einen Gentest der amerikanischen Firma 23andme ausprobiert. Die Ergebnisse waren recht dürftig.
Quelle: biotechnologie.de/Florian Dahnke

"Ich weiß, dass ich nichts weiß." Jüngstes Beispiel für diese nach wie vor gültige Erkenntnis ist "Black Tie", eine Performance unter der Regie der Theatertruppe Rimini Protokoll, die jüngst in Berlin wiederaufgeführt wurde. Die von deutschen Eltern adoptierte Journalistin Miriam Yung Min Stein forscht darin einen Abend lang ihrer ungewissen Herkunft aus Südkorea nach, am Schluss sogar mit einem Gentest. Erwartungsgemäß bringt auch der kein Licht ins Dunkel darüber, wer sie wirklich ist. Die Diskussion nach der Aufführung war ein wenig erhellender. Sie zeigt noch einmal das große Glaubwürdigkeitsproblem der Genetiker auf: In den 1990ern hatten einige vollmundig versprochen, das „Buch des Lebens" zu entziffern. Das ist nie passiert. Selbst wenn der Text ein Rätsel bleibt, lässt sich mit den Buchstaben schon mit recht einfacher Technik erstaunlich Sinnvolles anstellen, wie die anschließende Diskussion zeigt.


 

Als Kind war für Miriam Yung Min Stein alles zunächst recht einfach. Es gibt Kinder, die aus dem Bauch, und Kinder, die aus dem Flugzeug kommen, sagte die deutsche Adoptivmutter. Miriam kam aus dem Flugzeug, genauer gesagt aus Südkorea, wo sie offenbar in einem mit Zeitungspapier ausgekleideten Schuhkarton vor dem Rathaus von Seoul gefunden wurde. Mit acht Monaten kam sie 1977 in ihr neues Elternhaus nach Osnabrück in Niedersachsen. Heute ist das Findelkind von einst Journalistin in Berlin. Vor drei Jahren tat sie sich mit der Theatertruppe Rimini Protokoll zusammen, um die Suche nach ihrer Identität in einen Text und eine Performance zu gießen. Nach Aufführungen in aller Herren Länder kam es jetzt zu einem Wiedersehen in Berlin.

Rimini Protokoll

Rimini Protokoll ist der Name, unter dem Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel seit 2002 Theater-, Performance- und Hörspiel-Projekte planen. Diese beruhen auf den tatsächlichen Biografien der Darsteller und sind dem Dokumentartheater zuzurechnen.

mehr zu Black Tie: hier klicken

 "Welcome to you"

Stein bringt vieles auf den Tisch in diesem Stück, das Fremdsein in der deutschen Provinz, das Fremdsein in Seoul, der bizarre nordkoreanische Diktator Kim Il Sung, die befremdliche Adoptionsshow im südkoreanischen TV, überhaupt ihre Unzufriedenheit mit so vielen Dingen. „Internationale Hilfe kotzt mich an“, informiert sie das Publikum. „Diese Scheißgier auf ein gutes Gefühl kotzt mich an.“ Vor allem geht es ihr in dem mit viel Bildschirmgewusel aufgepeppten Vortrag um sich selbst. Dabei greift sie nach jedem Strohhalm, auch dem aus Desoxyribonukleinsäure. In den letzten Minuten der Aufführung beschreibt Stein, wie sie als Abschluss ihrer Identitätsarbeit in ein Röhrchen spuckte und sich einen Wangenabstrich machte, um das dann an die Firmen 23andMe und deCODEme zu schicken. Beide Unternehmen versprechen auf ihren Webseiten Selbsterkenntnis. 23andme begrüßt die Kunden mit nichts weniger als einem herzlichen "Welcome to you". Derlei für wenig Geld angebotene Schmalspur-Gentests beruhen auf der Durchleuchtung von rund einer Million DNA-Bausteinen, die sich von Mensch zu Mensch oft unterscheiden, sogenannte SNPs (Single Nucleotid Polymorphisms).

In dieser Folge der Kreidezeit erklären wir, was SNPs sind.Quelle: biotechnologie.tv

Stein referiert, was die Sequenziermaschine so alles herausgefunden hat. Ihre Vorfahren kommen ebenso aus Afrika wie die ihrer Stiefgeschwister und überhaupt jedes Homo sapiens. Popstar Bono ist ihr genetisch ein paar Nukleotide näher als der Genpionier Craig Venter. Weiterhin erfährt sie, dass sie als Mann ein leicht erhöhtes Risiko hätte, Haarausfall und Prostatakrebs zu bekommen. Ach ja, das Risiko für Alzheimer ist um 20 Prozent erhöht. Alles in allem also recht mager. Über ihre Eltern erfährt Stein auf diesem Wege gar nichts. Stein hatte ein bisschen mehr erwartet. "Ich war zu Beginn schon neugierig und hatte ein wenig Angst", meinte Stein nach der Aufführung. Dass am Schluss so wenig über sie herauskam, war schon "unbefriedigend". "Aber in meiner Situation versucht man alles. Ich habe es ja auch schon mal mit Hypnose probiert."

Bei der anschließenden Diskussion ging es um Sinn und Unsinn von Gentests: Miriam Yung Min Stein, Moderator Stefan Aue von der BBAW, Silke Domasch von der Arbeitsgruppe Gentechnologiebericht, Johannes Maurer von der ImaGenes GmbH (v.l.).Lightbox-LinkBei der anschließenden Diskussion ging es um Sinn und Unsinn von Gentests: Miriam Yung Min Stein, Moderator Stefan Aue von der BBAW, Silke Domasch von der Arbeitsgruppe Gentechnologiebericht, Johannes Maurer von der ImaGenes GmbH (v.l.).Quelle: biotechnologie.de/Florian Dahnke

"Alles in allem recht unseriös"

Andere Diskussionsteilnehmer zeigten weniger ironische Distanz. "Angebote wie die von 23andme sind nicht mehr als ein 'Hype', urteilte der Molekularbiologe Johannes Maurer von der ImaGenes GmbH in Berlin, die im Auftrag von Pharmafirmen und Forschungsinstituten Genome sequenziert. "Wir nennen das unsupported clinical interpretation", alles in allem sei das recht "unseriös". „Die Gene allein machen nichts, sie müssen zuerst an- oder abgestellt werden“, ergänzte Silke Domasch von der Arbeitsgruppe Gentechnologiebericht der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Die Einflüsse der Umgebung auf die Aktivität der Gene wird seit einigen Jahren unter dem Stichwort der Epigenetik intensiv diskutiert, auch auf biotechnologie.de (mehr...).

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Arnold Sauter vom Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag schlug in die gleiche Kerbe. "Für den Einzelnen sind Krankheitswahrscheinlichkeiten aussagelos." Aber Sauter wies auch einen Weg aus der großen Enttäuschung, die sich angestaut hatte. Man dürfe nicht zuviel verlangen von der Doppelhelix. 23andme habe das verstanden und schon lange Abschied genommen vom ursprünglichen Anspruch, mit dem man gestartet war. Jetzt gehe es nicht mehr um Aussagen zu komplexen Krankheitsbildern, sondern um einfaches Abgleichen von SNPs. Diejenigen Benutzer mit der höchsten Übereinstimmung sind vielleicht Verwandte. Es geht also nun tatsächlich um Familienzusammenführung, wie sich Miriam Stein das vor Jahren schon gewünscht hat. Ein viel kleineres Geschäft als die Medizin, für den Einzelnen aber möglicherweise weitaus relevanter.

"Genetische Daten erlangen eine neue Kraft"

Den Besucher der Seite begrüßt ein großformatiges Bild von Neil Schwartzman und seiner Mutter, die ihren Sohn zur Adoption freigegeben hatte und über 23andme angeblich wiedergefunden hat. Das ging nur, weil beide ihre genetischen Informationen freigegeben hatten. Die Preisgabe des eigenen DNA-Codes sei ein Trend, der nicht aufzuhalten sei, so Sauter. "Die genetischen Daten erlangen eine neue Kraft." Das Buch des Lebens können die Genetiker nicht entziffern. Doch oft ist den Leuten mit Antworten, die nur aus einem Satz bestehen, mehr geholfen als mit Tausenden von Seiten: Sätze zur Wirksamkeit eines Brustkrebsmedikaments, zu Keimen auf Gurken (mehr...) oder eben zu verlorenen Verwandten.

© biotechnologie.de/cm

 

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