Sofja-Kovalevskaja-Preis 2012: Acht Forscher aus den Lebenswissenschaften
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- Das Hauptquartier der Alexander von Humboldt-Stiftung in Bonn. Seit 2002 vergibt die Stiftung den Sofja Kovalevskaja-Preis für Nachwuchsforscher. Quelle: Humboldt-Stiftung
23.08.2012 -
Mit dem Sofja-Kovalevskaja-Preis lockt die Alexander von Humboldt-Stiftung regelmäßig ausländische Nachwuchswissenschaftler der Spitzenklasse zu einem Forschungsaufenthalt nach Deutschland. 2012 wird der Preis – der in diesem Jahr sein zehnjähriges Jubläum feiert – an insgesamt 14 junge Forscher verliehen. Jeder von ihnen erhält nun bis zu 1,65 Millionen Euro, um in den nächsten fünf Jahren an einem selbstgewählten deutschen Forschungsinstitut eine eigene Forschungsgruppe zu etablieren. Davon profitiert auch die Biotechnologie: Acht der ausgezeichneten Projekte sind in diesem Bereich angesiedelt. Finanziert wird das Preisgeld aus den mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF).
Ziel des Sofja-Kovalevskaja-Preis ist es, international umworbene Forschertalente bereits zu Beginn einer vielversprechenden Karriere in Kooperationen mit Wissenschaftlern in Deutschland einzubinden. „Das Signal ist: Auch in Deutschland steht jungen Wissenschaftlern Wagniskapital zur Verfügung“, wirbt die Humboldt-Stiftung für den Preis. Die Ehrung ist nach der 1850 geborenen russischen Mathematikerin Sofja Kovalevskaja. Sie wurde 1874 an der Universität Göttingen mit einer Dissertation „Zur Theorie der Partiellen Differentialgleichungen“ promoviert und erhielt 1889 eine ordentliche Professur für Mathematik an der Universität in Stockholm.
| Alle Preisträger 2012 |
Die Humboldt-Stiftung stellt sämtliche Preisträger mit Kurzlebenslauf und Projekt vor. mehr Informationen: hier klicken |
Für die nun abgeschlossene sechste Ausschreibungsrunde konnten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Disziplinen aus dem Ausland bewerben, die ihre Promotion vor nicht mehr als sechs Jahren abgeschlossen haben. Etwa ein Drittel der bisherigen Preisträger sind Deutsche, die für mindestens fünf Jahre im Ausland geforscht hatten und mit dem Preis nach Deutschland zurückgeholt wurden.
Wie schon in den Jahren 2006 (mehr...), 2008 (mehr…) und 2010 (mehr…), spielen auch in diesem Jahr Themen mit Bezug zu den Lebenswissenschaften eine große Rolle. Die acht Preisträger aus diesem Bereich im Überblick:
- Dmitry A. Fedosov
Gastinstitut: Forschungszentrum Jülich (FZJ), Theorie der Weichen Materie
und Biophysik (ICS-2)
Dmitry Fedosov hat eine Simulationsmethode entwickelt, um Blutströmungen unter verschiedensten Bedingungen am Computer vorherzusagen. Er wird diese Methode verwenden, um Blutströmungen in gesundem Gewebe und in Tumoren zu untersuchen. Dabei will er beispielsweise herausfinden, welchen Einfluss die stärker gewundenen und durchlässigeren Blutgefäße in Tumoren auf die Verteilung von Medikamenten haben und so neue Strategien für die Krebsbehandlung ermöglichen.
- Tanja Gaich
Gastinstitut: Universität Hannover, Institut für Organische Chemie
Auf Basis eines einzigen Bausteins will Tanja Gaich eine Vielzahl verschiedener Verbindungen aufbauen und zu einer effizienteren Synthese von biologisch bedeutenden Molekülen kommen. Dazu stellt sie bekannte, aber auch hypothetische Biosynthesewege der Natur im Labor nach. Sie will hierbei grundlegende Fragen der Biosynthese beantworten und das Methodenspektrum der modernen synthetischen Chemie erweitern.
- Kerstin Kaufmann
Gastinstitut: Universität Potsdam, Institut für Biochemie und Biologie
Kerstin Kaufmann will die Funktion einer speziellen Familie von Transkriptionsfaktoren entschlüsseln, die sogenannten MADS-Box-Faktoren. Hierbei wird sie über die bisherige Modellpflanze Ackerschmalwand hinaus ihre Untersuchungen auf nah verwandte Pflanzenarten ausweiten und dabei eine Kombination aus Techniken anwenden, die es ermöglichen, regulatorische Kontrollmechanismen der Blütenentwicklung auf genomweiter Ebene zu vergleichen. Ihre Forschung wird neue Einblicke in die Evolution der für die Blütenbildung maßgeblichen Schlüsselregulatoren und der von ihnen kontrollierten Genen liefern.
- Na Liu
Gastinstitut: Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, Stuttgart
Die noch junge Disziplin der Nanoplasmonik beschäftigt sich mit kleinsten elektromagnetischen Wellen, die von Metallpartikeln ausgehen, wenn diese auf Licht reagieren. Na Liu will diese Technik nutzen, um biologische und chemische Vorgänge auf der Ebene der einzelnen Partikel zu beobachten. Hierzu nutzt sie Goldnanopartikel, die sich etwa mit Zellmembranen oder DNA verbinden und mit Hilfe moderner Lasertechnik und hochauflösenden Mikroskopen beobachten lassen und zeigen, was unmittelbar in der Zelle oder während einer chemischen Reaktion passiert. Mit ihrer Methode will Na Liu neue und präzise Einblicke in die Biologie der Zellen und in die katalytische Chemie gewinnen.
- Veronika Lukacs-Kornek
Gastinstitut: Universität des Saarlandes, Universitätsklinik für Innere Medizin II
Veronika Lukacs-Kornek will den Aufbau und die Funktion der Lymphgewebezellen in der Leber untersuchen und ihre Bedeutung für die Entstehung entzündlicher und chronischer Lebererkrankungen klären, die häufig zu Krebs führen. Ihre Forschung ist sehr relevant, da bisher für viele chronische Lebererkrankungen außer der Transplantation keine effektive Behandlung zur Verfügung steht. Jährlich sterben in Europa weit über 100.000 Menschen an einer Leberzirrhose, das Leberzellkarzinom ist einer der häufigsten bösartigen Tumore weltweit. Ein besseres Verständnis der immunologischen Funktionen, aber auch von Autoimmunerkrankungen der Leber könnte helfen, frühzeitig die Entwicklung und das Fortschreiten chronischer Lebererkrankungen zu verhindern.
- Ulf A. Orom
Gastinstitut: Max-Planck-Institut für molekulare Genetik, Berlin, Abteilung Bioinformatik
Ulf A. Orom untersucht lange nicht-kodierende RNAs, die nicht direkt in die Proteinsynthese involviert sind, aber als Verstärker bei der Gentranskription wirken. Orom will die Eigenschaften und Funktionen dieses speziellen Typs von RNA erforschen. Seine Erkenntnisse könnten ein Schlüssel dafür sein, die Genexpression in vivo zu steuern und hieraus möglicherweise therapeutischen Nutzen zu ziehen.
- Athanasios Typas
Gastinstitut: European Molecular Biology Laboratory Heidelberg, Genome Biology
Athanasios Typas entwickelt groß angelegte Lösungsansätze, um Genfunktionen zu verstehen und neu entdeckte Gene richtig einzuordnen. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die Zellhülle mit ihren komplexen Funktionen. Sie schützt das Bakterium, ist zugleich Sensor und durchlässige Barriere. Athanasios Typas will die Netzwerk-Architektur der Hülle entschlüsseln und über die darin stattfindenden wesentlichen Prozesse Aufschluss geben wie beispielsweise solche, die sich auf Antibiotikaresistenzen oder die Biofilmbildung auswirken. Seine Erkenntnisse könnten helfen, neue Medikamente zu entwickeln, aber auch die positive Rolle der Bakterien für Gesundheit und Umwelt besser zu verstehen und zu nutzen.
- Samuel Wagner
Gastinstitut: Universität Tübingen, Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene
Der Mikrobiologe Samuel Wagner erforscht an Salmonellen, wie diese bakteriellen Injektionsnadeln auf molekularer Ebene funktionieren und wie beispielsweise die Proteine durch die innere bakterielle Membran gelangen, um anschließend in die Wirtszelle abgegeben zu werden. Da Salmonellen und andere Bakterien ohne diesen Mechanismus keine Infektion auslösen können, birgt Samuel Wagners Arbeit großes Potential für die Entwicklung neuartiger Antibiotika, die diese Apparate hemmen. Würde ihre Funktionsweise entschlüsselt, wäre es außerdem denkbar sie umzufunktionieren und zu verwenden, um nützliche Proteine gezielt in Zellen zu transportieren.