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Ethikrat: Biosicherheit auf dem Prüfstand

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Im Umgang mit gefährlichen biologischen Arbeitsstoffen gelten strenge Schutzmaßnahmen, wie hier im Marburger S4-Labor. Aber sind Richtlinien ausreichend? Quelle: DZIF, Foto: scienceRELATIONS.de

30.04.2013  - 

Der Deutsche Ethikrat hat am 25. April eine öffentliche Anhörung über Biosicherheit und Forschungsfreiheit in Berlin abgehalten. Forscher aus Wissenschaft und Wirtschaft, Ratsmitglieder und Vertreter der allgemeinen Öffentlichkeit diskutierten über mögliche Risiken von Forschungsarbeiten, die sowohl zu zivilen als auch zu terroristischen Zwecken genutzt werden könnten – etwa wenn es um gefährliche Erreger wie Vogelgrippeviren geht. Neun Sachverständige beleuchteten die Thematik aus ethisch-philosophischer, naturwissenschaftlicher, soziologischer und verfassungsrechtlicher Sicht und stellten Lösungsansätze vor. Die Ergebnisse werden in eine Stellungnahme einfließen, die dr Ethikrat derzeit im Auftrag der Bundesregierung erarbeitet.  

Biosicherheitsexpertin Petra Dickmann brachte das Problem gleich zu Beginn auf den Punkt: „Aus den gleichen Legosteinen kann man einen Krankenwagen bauen - oder einen Panzer.“ Der Begriff Dual Use, also doppelte Verwendung, stammt noch aus der Zeit des Kalten Krieges und beschreibt Technologien, die sowohl zu zivilen als auch zu militärischen Zwecken genutzt werden können. In der biowissenschaftlichen Forschung geht es dabei vor allem um gefährliche Erreger, wo Erkenntnisse gleichzeitig zum medizinischen Fortschritt beitragen können, aber auch Bioterroristen eine gute Grundlage bieten.

Wirbel um Vogelgrippe-Erreger

Im Jahr 2011 entzündete sich die Debatte, als Forscherteams um Ron Fouchier und Yoshihiro Kawaoka die Vogelgrippe-Erreger H5N1 und H1N1 dahingehend modifizierten, dass sie auch von Säugetier zu Säugetier übertragbar waren. Die Befürchtung der Ethiker: Es könnte nicht nur ein unkontrollierbares Killervirus entstehen, sondern  die Erkenntnisse könnten auch für terroristische Vergehen missbraucht werden. Vor diesem Hintergrund wurde ein Moratorium für die Veröffentlichung der Studie in der Fachzeitschrift Nature und eine temporäre Aussetzung derartiger Forschungsaktivitäten beschlossen. Inzwischen haben die Vogelgrippe Forscher ihre selbst auferlegte Pause aber wieder beendet.

Für Grippeforscher Hans-Dieter Klenk aus Marburg ist ein Publikationsverbot inakzeptabel.Lightbox-Link
Für Grippeforscher Hans-Dieter Klenk aus Marburg ist ein Publikationsverbot inakzeptabel.Quelle: Deutscher Ethikrat/Reiner Zensen
Vor diesem Hintergrund hat die Bundesregierung den Deutschen Ethikrat beauftragt, eine Stellungnahme zum Thema "Biosicherheit und Forschungsfreiheit – Forschungsförderung und Umgang mit Forschungsergebnissen" zu erarbeiten. Im Rahmen einer öffentlichen Anhörung wurden nun neun Sachverständige zum zukünftigen Umgang mit derartigen Risiken in Deutschland befragt.

Nutzen größer als Gefahren

Vorab umrahmte Hans-Dieter Klenk die Gefahrenpotenziale in der biowissenschaftlichen Forschung. Der emiritierte Virologe von der Philipps-Universität Marburg unterstrich die grundsätzliche Notwendigkeit von Versuchen an Erregern, die potenziell Pandemien auslösen können. Man dürfe ein Virus gefährlicher machen, sofern ein wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn zu erwarten sei. Verbot von Forschung und Veröffentlichung hält er für inakzeptabel. Vielmehr müssten im Vorfeld der Experimente Nutzen und Risiko sorgfältig abgewogen werden. „Der Erfahrungsschatz mit solchen Experimenten ist groß, es gibt aber keine belastenden Hinweise darauf, dass etwas Gefährliches nach außen gelangt ist“, erklärte Klenk. Laut WHO sind seit 2003 an H5N1 knapp 600 Menschen erkrankt, von denen 345 starben. Auch ohne missbräuchliche Anwendung steckt in dem Virus eine globale Gefahr. Nichtstun sei gefährlicher als das Forschen mit Risiko, so das Fazit des Grippespezialisten.

Freiheit und Verantwortung gehen Hand in Hand

Torsten Wilholt vom Institut für Philosophie der Leibniz Universität Hannover betonte, dass es automatische Bewertungsschemata für eine Abwägung von normativen Maßgaben nicht geben kann. Sie müssten sich am Gemeinwohl orientieren und unter Berücksichtigung der zugrundeliegenden Informationen des Einzelfalls nach demokratischen Prinzipien neu ermittelt werden. Technisch-naturwissenschaftliches Expertenwissen soll eine Evaluation ergänzen. Diese „kollektive Steuerung“ sei als „institutionalisierte Einrichtung“ zu verstehen, so Wilholt. Die reine Eigenregulierung der Forschung sieht er hingegen als ungenügend, da individuelle Interessen stets Einfluss hätten. Durch Beschneidung der Autonomie befürchtet Wilholt einen Verlust an wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit, weshalb Einschränkungen die Ausnahme bleiben sollten.

Verfassungsrechtliche Kollision

Der Rechtswissenschaftler Thomas Würtenberger aus Freiburg stellte wiederum die verfassungsrechtliche Ambivalenz zwischen Freiheit und Sicherheit zur Diskussion. Aus seiner Sicht stehen sich die staatliche Schutzpflicht und der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit des Staates gegenüber. Vor diesem Hintergrund dürfe der Staat zur Abwehr von Terrorismus zwar in die Grundrechte eingreifen, ist jedoch gleichzeitig dem Verhältnismäßigkeitsprinzip verpflichtet. Würtenberger hält daher ein Publikationsverbot nicht für sinnvoll –  allein schon wegen der Möglichkeit für Forscher ins Ausland auszuweichen. Er forderte hingegen gerichtlich überprüfbare Kontrollgremien. 

Deutscher Ethikrat

Für mehr Informationen zur Befragung durch die Mitglieder des Ethikrates: hier klicken.

Kommunikation ist der Schlüssel

Auch Medizinerin und Kulturwissenschaftlerin Petra Dickmann, die in der Wirtschaft als Risikokommunikationsberaterin arbeitet, ist dieser Meinung. „Durch Restriktion von Publikation wird das Wissen nicht aus der Welt geschafft. Informationen gehen schneller um die Welt, als die Politik die Restriktionen unterzeichnen kann“, betonte Dickmann. Restriktionen seien zudem falsche Maßnahmen, da sie sozio-ökonomische und kulturelle Kontexte außer Acht ließen. Ein Verbot von etwas, das Angst verursache, sei ein veraltetes Verhaltensmuster für neue komplexe Situationen, erläuterte sie. Als Kommunikationsexpertin warnte Dickmann jedoch davor, dass sich gesellschaftliche Wahrnehmung und wissenschaftliche Risikoanalyse erheblich voneinander unterscheiden können. Aus ihrer Sicht ist daher die öffentliche Kommunikation von Missbrauchsrisiken in der Forschung besonders wichtig. Peter Stähler von der International Association Synthetic Biology (IASB) pflichtete ebenfalls einem breiten öffentlichen Diskurs bei, da sich Biosicherheits-Kommissionen möglicherweise zu sehr auf reine Sicherheitsfragen konzentrieren.

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Vorhandene Regelungen grundsätzlich positiv

Die vorhandenen Regelungen der Risikominimierung und des Kommunikationsmanagements seien grundsätzlich positiv, erklärte Sicherheitsberater Volker Beck. Christof Potthof vom Gen-ethischen Netzwerk forderte beispielsweise die Vertiefung der Biosicherheits-Thematik in der Ausbildung von Wissenschaftlern, um etablierte Verhaltenskodizes zu festigen.

In einem sind sich die Sachverständigen offenbar einig: Kontrollgremien zur Überwachung risikoreicher Forschungsarbeiten sind erforderlich. Inwieweit sich diese unter Berücksichtigung des Einzelfalls, der Gesetzeslage und der Forschungsfreiheit sowie der Verantwortung gegenüber der breiten Öffentlichkeit nach demokratischen Prinzipien realisieren lassen, muss nun vom Ethikrat erörtert werden.

© biotechnologie.de/bs
 

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