Wissenschaft
Freilandversuch mit transgener Gerste muss nicht abgebrochen werden
Die Fläche ist nur so groß wie ein Balkon und erregt dennoch die Gemüter: Der erste Freilandversuch für gentechnisch veränderte Gerste in Deutschland an der Universität Gießen. Am Pfingstwochenende hatte eine Gruppe autonomer Gentechnik-Gegner das Feld gestürmt und Teile davon verwüstet. Einige Personen wurden von der Polizei festgenommen, die Universität hat Strafantrag gestellt. Nach Angaben der Wissenschaftler muss das Forschungsprojekt zu Auswirkungen transgener Gerste auf natürliche Bodenpilze jedoch nicht abgebrochen werden. Ein Teil der Pflanzen wurde bereits vor Pfingsten geerntet, der Rest wird Mitte August aus der Erde genommen. Mit ersten Ergebnissen rechnen die Wissenschaftler im Herbst.
Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte, auf drei Jahre angelegte Projekt "Zur biotechnologischen Sicherheit gentechnisch veränderten Getreides" (Biosafety) wird seit April 2005 im Rahmen des Biosicherheitsprogrammes der Bundesregierung durchgeführt. Neben dem Institut für Phytopathologie und Angewandte Zoologie (IPAZ) der Universität Gießen ist der Biochemie-Lehrstuhl der Universität Erlangen-Nürnberg beteiligt, das Forschungsprojekt ist zudem in den Masterstudiengang Agrarbiotechnologie der Universität Gießen integriert. Die seit Ende April diesen Jahres in Betrieb genommene Versuchsfläche in Gießen umfasst insgesamt etwa 400 m2, von denen allerdings nur 9,6 m2mit den 5000 transgenen Pflanzen bebaut wurden. Um diesen Bereich herum folgt eine Mantelsaat mit konventioneller Gerste (fünf Meter), die als Pollenfänger dient. Dann folgt ein fünf Meter breiter Streifen mit einer Schwarzbrache. Daran schließt sich wiederum ein 25 Meter breiter Streifen mit Weißklee an. Dort können auftretende Wildgräser sofort erkannt und gegebenenfalls vernichtet werden.
Freilandversuch soll biologische Sicherheit überprüfen
Mit dem Freilandversuch wollen die Forscher vor allem herausfinden, ob die gentechnisch veränderte Gerste unerwünschte Seiteneffekte auf nützliche Bodenpilze aufweist. "In unserem Institut beschäftigen wir uns intensiv mit diesen Zusammenhängen und darum sind wir auch so sehr an der Frage interessiert", erklärt Professor Karl-Heinz Kogel vom IPAZ in Gießen in einem Interview mit der Informationsplattform biosicherheit.de.
Die Wissenschaftler nutzen dabei zwei transgene Gerstenlinien, die an der Washington State University in den USA hergestellt wurden: Eine soll die Widerstandsfähigkeit der Gerste gegenüber Schadpilzen erhöhen, die andere soll die Gerste als Hühnerfutter verwendbar werden lassen. Um die Gerste gegenüber Pilzen wie dem wurzelbefallenden Schadpilz Rhizoctonia solani zu schützen, haben die Forscher der Pflanze neben ihren rund 30.000 natürlichen Genen ein zusätzliches eingeschleust. Es enthält den Bauplan für das chitin-abbauende Enzym Endochitinase, das der Pflanze den Abbau von Pilzgeflecht-Bestandteilen erleichtert und somit zur Widerstandsfähigkeit der Gerste gegenüber schädlichen Pilzen beiträgt. Der Freilandversuch soll nun zeigen, ob die so veränderte Pflanze schädliche Auswirkungen auf nützliche Bodenpilze wie Mykorrhiza hat, die für das Agrarökosystem von entscheidender Bedeutung für die Pflanzengesundheit und das Pflanzenwachstum sind.
Gerste als Hühnerfutter einsetzbar?
Die andere transgene Gerstenlinie wiederum haben die amerikanischen Kollegen der Washington State University unter anderem wegen ihrer verbesserten Eigenschaft als Futtermittel für Hühner erzeugt. Normalerweise gehört Gerste nämlich nicht zu den Pflanzensorten, die beim Federvieh als Futter eingesetzt wird: Hühner können die langkettigen Kohlenhydrate (Polysaccharide) von Gerstenkörner nur schwer verdauen, bekommen dadurch Wachstumsstörungen und bilden klebrige Exkremente. Allerdings wäre Gerste aus landwirtschaftlicher und ökologischer Hinsicht eine weitaus attraktivere Anbaupflanze für Futter als etwa Mais. Die transgenen Pflanze enthält nun ein aus dem Bakterium Bacillus amyloliquefacien stammendes Enzym Glukanase, das den Kohlenhydrat-Abbau erleichtert. Da Glukane auch in Pilzzellwänden vorkommen, wollen die Wissenschaftler nun untersuchen, welchen Einfluss die gentechnische Veränderung auf Schad- und nützliche Bodenpilze hat.
Auskreuzung der gentechnischer veränderten Gerste so gut wie unmöglich
Parallel zu diesen Freilandversuchen untersucht eine Gruppe um Uwe Sonnenwald von der Universität Erlangen-Nürnberg, welche Auswirkungen die zusätzlichen Gene auf andere Gene haben und wie sich dies im Vergleich mit nicht-gentechnisch veränderter Gerste verhält. Wie die Forscher betonen, ist eine Auskreuzung der transgenen Gerste mit anderen Pflanzen nahezu ausgeschlossen. Zum einen kann der Pollen von Gerste nicht fliegen, zum anderen ist diese Pflanze ein Selbstbestäuber und wird nur von eigenen Pollen befruchtet. "Für den seltenen Fall einer Bestäubung mit Wildgerste oder Wildgräsern bringen die Hybride keine Nachkommen hervor. Alle Hybriden sind steril. Das ist in langen Forschungsreihen nachgewiesen worden", betont Kogel im Interview mit der Informationsplattform biosicherheit.de. Dennoch wurde das Versuchfeld vorher nach potenziellen Auskreuzungspartnern durchsucht. Gleichzeitig wird die Fläche nach Ende des Anbaus mit einem Herbizid behandelt, um noch vorhandenes transgenes Pflanzenmaterial abzutöten. Ähnliche Versuche an der Washington State University hatten keine unerwünschten Effekte auf Menschen und Umwelt gezeigt. Zudem verweisen die Forscher auf eine im Auftrag der Europäischen Union durchgeführte Studie, die die Möglichkeit einer unerwünschten Auskreuzung bei Gerste als sehr gering eingestuft. (European Environment Agency 2002) Die jetzt für den Feldversuch getroffenen Sicherheitsvorkehrungen wurden von der zuständigen deutschen Behörde, dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), als ausreichend eingestuft. Die Genehmigung für das Biosicherheits-Projekt wurde Anfang April erteilt. Ende April wurden die transgenen Gerstenlinien ausgesäht.
Aggressiver Protest von autonomen Gentechnik-Gegnern
Das Pfingstwochenende war für die Forscher nun ein schwerer Schlag. Am 2. Juni hatte eine Gruppe autonomer Feldbefreier Absperrzäune durchschnitten und vor laufender Kamera des gerade anwesenden Hessischen Rundfunks Teile der Versuchsfläche zerstört. Laut Universitätspräsident Stefan Hormuth handelte es sich dabei nicht um spontane Übergriffe von Gentechnik-Gegnern, sondern um "geplante und gezielte Angriffe". Die Polizei konnte jedoch noch größere Schäden verhindern, insgesamt sechs Personen wurden festgenommen. Die Universität stellte Strafantrag. "Die Verwüstungen waren zum Teil schon sehr stark", berichtet Kogel gegenüber biotechnologie.de. Einige wichtige Fragestellungen könnten nun nicht bearbeitet werden, nach seinen Angaben muss das Projekt jedoch nicht abgebrochen werden: "Wir sind zwar stark beeinträchtigt, können aber noch Teilziele erreichen." So wurden routinemäßig bereits vor Pfingsten einzelne Pflanzen geerntet, die Mehrheit wird Ende August aus der Erde genommen. Mit ersten Ergebnissen rechnen die Forscher im Herbst.
