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Wirtschaft

Umbruch in der Impfstoffherstellung: Vom Hühnerei zur Zellkultur

05.10.2007
Bundeskanzlerin Angela Merkel (Mitte) und Ministerpräsident Roland Koch (links) bei der Eröffnung der Zellkulturanlage in Marburg mit Novartis-CEO Daniel Vasella (rechts).
Quelle: Novartis

Noch werden Impfstoffe gegen Grippe jedes Jahr aufs Neue wie seit Beginn der großtechnischen Impfstoffherstellung in lebenden Hühnereiern produziert. Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit deutet sich jedoch eine Revolution hinter den Kulissen ab. Neben Hühnereiern sollen künftig auch Zellkulturen zum Zuge kommen. Noch in diesem Jahr könnte es soweit sein: Der Pharmakonzern Novartis hat als erstes Unternehmen einen in Zellkultur hergestellten Grippeimpfstoff produziert und im Juni eine Zulassung für Europa erhalten. Eine Markteinführung ist für die Grippesaison 2007/2008 geplant. Am 2. Oktober wurde nun die offizielle Produktionsanlage eingeweiht - sie steht in Deutschland, im hessischen Marburg. Insgesamt 60 Millionen Euro hat Novartis dort investiert. Zur feierlichen Veranstaltung erschienen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und der hessische Ministerpräsident Roland Koch.

Bei einer Impfung wird versucht, die natürliche Strategie des Körpers auszunutzen und die körpereigene Abwehr gezielt auf den Angriff eines Erregers vorzubereiten. Im Fachjargon werden Impfstoffe „Vakzine“ genannt. Das Wort stammt aus dem Lateinischen von „Vaccina“ und bedeutet ursprünglich „die von Kühen stammende“. Diese Bezeichnung rührt von der Entdeckung einer natürlichen Impfung her: Mägde, die sich früher mit den ungefährlichen Kuhpocken angesteckt hatten, bekamen die Pocken nicht mehr.

Grippeimpfstoffe
Im Jahr 1933 wurden Grippeviren zum ersten Mal entdeckt . Damals machte sich  zunächst das US-Militär an die Arbeit eines Impfstoffs. Die erste Generation in den frühen 50er Jahren bestand allerdings nur aus grob gereinigten Viren – was dementsprechend viele Erkrankungen als Nebenwirkungen nach sich zog. Moderne Grippeimpfstoffe sind hingegen optimierte Impfstoffe aus toten, nicht infektiösen Erregern, meist sogenannte Spalt- und Untereinheitenimpfstoffe, bei denen nur Teile der Viren als Impfstoff verwendet werden.

Heute wird indes ganz bewusst eine andere Strategie verfolgt und mit Viren geimpft, die nicht mehr infektiös sind. Schließlich soll das Impfen nicht krank machen, aber dennoch das Immunsystem so aktivieren, dass es im Fall eines Angriffs schlagkräftig genug ist, um eine Erkrankung zu verhindern. Wegen der enormen Wandlungsfähigkeit der Grippeviren muss eine Impfung gegen Grippe jedes Jahr neu erfolgen. Nur dann ist man auch gegen aktuelle Viren immun. Jedes Jahr werden für den neuen Impfstoff deshalb von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) drei Virenstämme aus der letzten Grippesaison ausgesucht, die die meisten Grippefälle verursacht haben

Seit fünfzig Jahren ein Dauerbrenner: Das Hühnerei

Für die Herstellung eines Grippeimpfstoffs wird ein abgeschlossenes System gebraucht, mit dem sich die Erreger sicher herstellen lassen. 1931 wurde das befruchtete Hühnerei als Vermehrungsmaschine für Viren entdeckt und seitdem für die Impfstoffherstellung im Großmaßstab genutzt. Viele Viren – wie etwa Vogelgrippeviren – sind jedoch so aggressiv, dass sie nicht in Eiern wachsen können. Aus diesem Grund muss zuvor der Erregerstamm gezielt verändert werden. Früher war dies jedoch reichlich kompliziert: Forscher mischten dabei Erreger, die sich gut in Eiern vermehren ließen, solange mit ihren aggressiven Verwandten, bis ein für die Produktion geeignetes Exemplar entstand.

Heute kann dieser langwierige Prozess dank gentechnologischer Verfahren viel gezielter und effektiver erfolgen. Wie in einem Baukasten können dabei Erbanlagen miteinander im Labor kombiniert werden. Gewünschte Gene werden dabei mit Genen potenter Impfstämme gemischt. Zugleich können Gensequenzen entfernt werden, die dafür verantwortlich sind, dass die Eier nicht wachsen. Die Grundlagen für diese als „Reverse Genetik“ bezeichnete Methode sind in Deutschland entwickelt worden – und zwar von Gabriele Neumann und Erik Hoffmann im Labor des Virologen Gerd Hobom an der Universität in Gießen. Heute arbeitet Hoffmann in den USA bei Robert Webster am Children´s Research Hospital St. Judes in Memphis, der mit seinen 74 Jahren als einer der berühmtesten Virologen auf dem Gebiet der Grippeforschung gilt und mehrere Regierungen sowie die Weltgesundheitsorganisation in Influenza-Fragen berät.

Grippeviren - Schön aber gefährlich.Lightbox-Link
Warum sind Grippeviren eigentlich so gefährlich? Wie reagiert der Körper auf die Infektion? Was macht eine Impfung? Wie funktioniert die Herstellung von Impfstoffen in Eiern und Zellkulturen? Lesen Sie dazu mehr in unserem Themendossier: hier klicken

Suche nach schnellerer Herstellungsmethode

Vor allem das Auftreten der Vogelgrippe und die Diskussionen um eine mögliche Pandemie, für die im Ernstfall sehr schnell geeignete Impfstoffe hergestellt werden müssen, haben die Suche nach neuen Produktionsmethoden vorangetrieben. Die Eiermethode ist nämlich nicht gerade zeiteffizient: Mindestens ein halbes Jahr dauert die Herstellung eines Grippeimpfstoffes. Darüber hinaus brauchen die entsprechenden Vorbereitungen Monate. Schließlich müssen bis zu einem Jahr im Voraus die Kapazitäten geplant werden, da für die Impfstoffherstellung eine große Menge speziell zertifizierter, befruchteter Hühnereier benötigt werden. 

In den vergangenen Jahren kristallisierte sich als Konkurrenz die Herstellung von Impfstoffen in Zellkulturen als Mittel zum Zweck heraus. Da Zellkulturen auch für aggressive Grippeviren geeignet sind, lässt sich hier bereits im Vorfeld viel Zeit einsparen: Die gentechnischen Veränderungen, die an den Erregern bei einer Produktion in Eiern vorgenommen werden, um sie weniger aggressiv zu machen, fallen bei einer Produktion in Zellkulturen weg. Die neue Methode ist auch sicherer und sauberer: Kontaminationen durch fremde Bakterien oder Viren können in Zellkultur viel besser abgeschirmt werden als bei Verwendung von Hühnereiern. Darüber hinaus kommt die Umstellung der Produktionsmethode auch den Menschen zugute, die an einer Hühnereiweißallergie leiden und die die herkömmlich hergestellte Impfstoffe bisher nicht nutzen konnten.
Im Wettrennen um den ersten Impfstoff dieser Art auf dem Markt hat nun Novartis die Nase vorn. Im Juni erhielt das Unternehmen von der zuständigen Europäischen Arzneimittelagentur EMEA die Zulassung eines Zellkulturimpfstoffs für Grippe in Europa. Nun ist eine Markteinführung für die Grippesaisin 2007/2008 geplant.

Die Produktion dieses Impfstoffes wird dabei in Deutschland stattfinden: im hessischen Marburg, wo Novartis 60 Millionen Euro zum Aufbau der nötigen Anlagen investiert hat. In Anwesenheit von Bundeskanzlerin Merkel und dem hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch fand am 2. Oktober die offizielle Einweihung der Anlage statt.

Mehr Informationen zur Veranstaltung: hier klicken

 

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